Regisseur Jean-Jacques Annaud:"Viele Leute halten mich für verrückt"

Lesezeit: 7 min

Spielte bei der Vergabe des Projekts Ihre Erfahrung als Tierfilmer eine Rolle?

Das war auch ein Faktor. Vielleicht sollte man es auch nicht überbewerten, dass zwei meiner Filme in China auf dem Index stehen. Denn meine anderen Filme sind dort Pflichtstoff in den Filmschulen: "Der Name der Rose", "Der Bär", "Am Anfang war das Feuer" und "Enemy at the Gates" sind in China Anschauungsmaterieal für jeden Filmemacher. Und auch wenn "Der Liebhaber" verboten ist, so ist der Film in China doch sehr bekannt. Die Chinesen waren der Meinung, dass es einem chinesischen Regisseur schwer fallen würde, "Der letzte Wolf" zu realisieren.

Warum?

Ein Chinese hätte erst seine Vorurteile gegenüber der mongolischen Kultur ablegen müssen, die sich vom chinesischen Lebensstil deutlich unterscheidet: eine vollkommen andere Sprache, ein unterschiedlicher ethnischer Ursprung und die Mongolen sind Nomaden, während die Chinesen immer schon Bauern waren.

Aber für Sie als Franzosen ist die nomadische Lebensweise kulturgeschichtlich ja noch weiter weg.

Das stimmt. Aber das war in dem Fall ein Vorteil. Denn für mich war sie so weit weg, dass ich sie ohne Vorbehalte ergründen konnte. Aber vielleicht erklärt eine andere Anekdote, warum ich den Chinesen als der richtige Mann für dieses Projekt erschien. Nachdem ich zugesagt hatte, meldete sich mein Produzent bei Andrew Simpson, der als einer der besten Trainer von Hunden und Wölfen gilt.

Das hat er ja gerade erst wieder in "Game of Thrones" bewiesen.

Genau. Andrew Simpson hat also meinen Produzenten in der Leitung, der im Englischen einen extrem französischen Akzent hat. Und Simpson fragt ihn: 'Sind Sie Franzose?' Er sagt: 'Ja', daraufhin Simpson: 'Sind Sie Produzent?' Er sagt: 'Ja', und Simpson antwortet: 'Dann weiß ich, warum Sie anrufen. Ich habe vor einiger Zeit "Der Zorn der Wölfe" gelesen, und ich habe mir sofort gedacht, der richtige Mann für die Verfilmung wäre Jean-Jacques Annaud'.

Sie erzählen von lauter Wundern: Erst die Chinesen in Ihrem Pariser Büro und dann Andrew Simpson, der wusste, dass Sie anrufen würden.

Glauben Sie mir: Andrew Simpson hat das wirklich gesagt. Mein Produzent war geschockt. Er rief mich an und sagte: 'Hör zu, ich habe mit einem Verrückten telefoniert. Der hat mir gesagt, dass er gewusst habe, dass Du anrufen würdest.' Heute ist mir klarer, dass ich in der Branche ein bestimmtes Image habe, das ich mir durch die Themen meiner bisherigen Filme aufgebaut habe: Tiere, Menschen mit unkonventionellen Biografien und auch mein Faible für Asien. Das kam alles zusammen.

"Der Zorn der Wölfe" war inzwischen ihr dritter Film, in dem die wichtigsten Protagonisten Tiere sind. Warum kommen Sie immer wieder auf dieses Thema zurück?

Weil ich das Biest in mir finden will. Mich treibt schon lang die Frage um, was uns mit Spinnen, Forellen oder Tauben verbindet. Nicht weil ich ein Tierromantiker wäre, sondern weil mich die menschliche Entwicklungsgeschichte interessiert.

Nicht das alltäglichste Steckenpferd für einen gelernten Altphilologen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Bei meinem Film "Am Anfang war das Feuer" hat mich der Verhaltensbiologe Desmond Morris beraten. Er steckte mich mit seiner Begeisterung für die Verhaltensforschung an. Ich begann, mich selbst mit anderen Augen zu sehen. Denn das menschliche Dasein unterscheidet sich nicht sehr vom Leben einer Ziege, eines Wolfs oder eines Tigers.

Diese Ansicht dürfte nicht unbedingt mehrheitsfähig sein.

Ich weiß. Viele Leute halten mich für verrückt. Mir wird oft vorgeworfen, ich würde Tieren menschliche Eigenschaften zusprechen. Doch es ist genau anders herum: Ich zeige Menschen mit ihren animalischen Zügen.

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