Regisseur Jean-Jacques Annaud:"Ich will das Biest in mir finden"

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Regisseur Jean-Jacques Annaud: "Das menschliche Dasein unterscheidet sich nicht sehr vom Leben einer Ziege, eines Wolfs oder eines Tigers." Jean-Jacques Annaud bei den Dreharbeiten für "Der letzte Wolf".

"Das menschliche Dasein unterscheidet sich nicht sehr vom Leben einer Ziege, eines Wolfs oder eines Tigers." Jean-Jacques Annaud bei den Dreharbeiten für "Der letzte Wolf".

(Foto: Wild Bunch Germany)

Der chinesische Bestseller "Der Zorn der Wölfe" fand fast von selbst zu Jean-Jacques Annaud. Und das, obwohl China den Regisseur schon einmal zur unerwünschten Person erklärt hat.

Von Paul Katzenberger

Wenn es einen Film gibt, den wirklich jeder gesehen hat, dann ist das wohl "Der Name der Rose". Die Verfilmung von Umberto Ecos Welt-Bestseller gelang Regisseur Jean-Jacques Annaud auch deswegen so gut, weil er den Original-Schauplatz des Castel del Monte mit der labyrinthartigen Bibliothek penibel rekonstruierte.

Sein neues Werk "Der letzte Wolf", das jetzt in den deutschen Kinos anläuft, basiert auf dem chinesischen Bestseller "Der Zorn der Wölfe", den der französische Regisseur abermals so originalgetreu wie möglich nachstellte - in der chinesischen Mongolei mit richtigen Wölfen, die jahrelang abgerichtet worden waren. In dieser archaischen Welt präsentiert uns Annaud Menschen, die die bestehende Balance gegen die Moderne verteidigen. Nach "Der Bär" und "Zwei Brüder" erzählt er uns außerdem wieder eine Geschichte mit tierischen Protagonisten vor der Kulisse einer grenzenlos weiten Landschaft.

SZ.de: Ihr neuer Film beruht auf dem Roman "Der Zorn der Wölfe" von Jiāng Róng. In China war das ein Bestseller, doch bei uns ist Róngs Abenteuer-Epos deutlich weniger bekannt. Was hat Sie daran so fasziniert, dass Sie es verfilmen wollten?

Jean-Jacques Annaud: Ich habe schon nach den ersten Seiten gemerkt, dass das ein fantastisches Projekt sein könnte: Szenen, die sich sehr gut für den Film eigneten, Action, Abenteuer und die anschauliche Darstellung der mongolischen Kultur wie auch die Lebensweise der Wölfe. Alles Dinge, die mich interessierten. Außerdem liebe ich es einfach, an schönen Orten zu drehen.

In dem Fall dürfte das aber womöglich kompliziert gewesen sein. Ihre Filme "Der Liebhaber" und "Sieben Jahre in Tibet" dürfen in China nicht gezeigt werden, wie sind Sie da an die Drehgenehmigung gekommen?

Wie das zustande kam, ist eine Geschichte für sich. Da war eine Riesenüberraschung. Einige Monate nachdem ich das Buch gelesen hatte, meldete sich plötzlich eine chinesische Delegation in meinem Büro in Paris und bot mir genau dieses Projekt an.

Dabei hat China 1997 nach Ihrem Film "Sieben Jahre in Tibet" ein lebenslanges Einreiseverbot über Sie verhängt. Das Misstrauen der chinesischen Seite war plötzlich verschwunden?

Ja - und das hat mich sehr berührt. Denn ich hatte das Gefühl, dass sie mir vertrauen. Im Prinzip haben sie verstanden, dass ich ihre Kultur verehre und dass ich China Respekt entgegenbringe.

Den Partei-Apparatschik Bao Shungui, der im Film eine tragende Rolle spielt, präsentieren Sie als Ignoranten. Nicht einmal das hat Ihnen Probleme bereitet?

Nein. Sie haben mir alle Freiheiten gewährt. Gewissermaßen räumten sie damit ein, dass die Kommunistische Partei in der Vergangenheit Fehler gemacht hat. Sie wussten außerdem von meinem besonderen Interesse für Minderheiten. Denn ich habe immer wieder Filme über ungewöhnliche Menschen gemacht: mittelalterliche Mönche, Höhlenmenschen oder Scharfschützen.

Aber das Interesse des chinesischen Staates für Minderheitenrechte ist zuweilen nicht sehr ausgeprägt - etwa im Fall der Uiguren, oder?

Das ist ein spezieller Fall. Dort haben Sie ein Problem mit Islamisten. Im Gebiet der Uiguren herrschen in mancher Hinsicht Zustände wie in Syrien oder in Nigeria - es waltet der Dschihad. Doch der Umgang mit anderen Minderheiten ist inzwischen tadellos. Da gab es große Veränderungen.

Das dürfte manchen deutschen Zeitungsleser überraschen. Der liest ständig Artikel über die Unterdrückung der Tibeter und der Uiguren.

Sie nennen zwei Problemfälle, aber es gibt 56 Minderheiten in China, denen insgesamt 200 Millionen Menschen angehören. Und im mongolischen Teil des Landes habe ich persönlich hervorragende Erfahrungen gemacht, aber nicht nur dort: Im Filmgeschäft, zum Beispiel, bekommen Regisseure und Schauspieler, die von Minderheiten abstammen, sogar staatliche Unterstützung. Meine Filme sind in zig Minderheiten-Sprachen synchronisiert worden. Es laufen in China derzeit viele Kampagnen, in denen mit Blick auf die Minderheiten der Zusammenhalt betont wird. 'Bei aller Verschiedenartigkeit müssen wir das Beisammensein wertschätzen', heißt es da.

Jean-Jacques Annaud

Jean-Jacques Annaud: "Ich liebe es einfach, an schönen Orten zu drehen."

(Foto: dpa)

"Viele Leute halten mich für verrückt"

Spielte bei der Vergabe des Projekts Ihre Erfahrung als Tierfilmer eine Rolle?

Das war auch ein Faktor. Vielleicht sollte man es auch nicht überbewerten, dass zwei meiner Filme in China auf dem Index stehen. Denn meine anderen Filme sind dort Pflichtstoff in den Filmschulen: "Der Name der Rose", "Der Bär", "Am Anfang war das Feuer" und "Enemy at the Gates" sind in China Anschauungsmaterieal für jeden Filmemacher. Und auch wenn "Der Liebhaber" verboten ist, so ist der Film in China doch sehr bekannt. Die Chinesen waren der Meinung, dass es einem chinesischen Regisseur schwer fallen würde, "Der letzte Wolf" zu realisieren.

Warum?

Ein Chinese hätte erst seine Vorurteile gegenüber der mongolischen Kultur ablegen müssen, die sich vom chinesischen Lebensstil deutlich unterscheidet: eine vollkommen andere Sprache, ein unterschiedlicher ethnischer Ursprung und die Mongolen sind Nomaden, während die Chinesen immer schon Bauern waren.

Aber für Sie als Franzosen ist die nomadische Lebensweise kulturgeschichtlich ja noch weiter weg.

Das stimmt. Aber das war in dem Fall ein Vorteil. Denn für mich war sie so weit weg, dass ich sie ohne Vorbehalte ergründen konnte. Aber vielleicht erklärt eine andere Anekdote, warum ich den Chinesen als der richtige Mann für dieses Projekt erschien. Nachdem ich zugesagt hatte, meldete sich mein Produzent bei Andrew Simpson, der als einer der besten Trainer von Hunden und Wölfen gilt.

Das hat er ja gerade erst wieder in "Game of Thrones" bewiesen.

Genau. Andrew Simpson hat also meinen Produzenten in der Leitung, der im Englischen einen extrem französischen Akzent hat. Und Simpson fragt ihn: 'Sind Sie Franzose?' Er sagt: 'Ja', daraufhin Simpson: 'Sind Sie Produzent?' Er sagt: 'Ja', und Simpson antwortet: 'Dann weiß ich, warum Sie anrufen. Ich habe vor einiger Zeit "Der Zorn der Wölfe" gelesen, und ich habe mir sofort gedacht, der richtige Mann für die Verfilmung wäre Jean-Jacques Annaud'.

Sie erzählen von lauter Wundern: Erst die Chinesen in Ihrem Pariser Büro und dann Andrew Simpson, der wusste, dass Sie anrufen würden.

Glauben Sie mir: Andrew Simpson hat das wirklich gesagt. Mein Produzent war geschockt. Er rief mich an und sagte: 'Hör zu, ich habe mit einem Verrückten telefoniert. Der hat mir gesagt, dass er gewusst habe, dass Du anrufen würdest.' Heute ist mir klarer, dass ich in der Branche ein bestimmtes Image habe, das ich mir durch die Themen meiner bisherigen Filme aufgebaut habe: Tiere, Menschen mit unkonventionellen Biografien und auch mein Faible für Asien. Das kam alles zusammen.

"Der Zorn der Wölfe" war inzwischen ihr dritter Film, in dem die wichtigsten Protagonisten Tiere sind. Warum kommen Sie immer wieder auf dieses Thema zurück?

Weil ich das Biest in mir finden will. Mich treibt schon lang die Frage um, was uns mit Spinnen, Forellen oder Tauben verbindet. Nicht weil ich ein Tierromantiker wäre, sondern weil mich die menschliche Entwicklungsgeschichte interessiert.

Nicht das alltäglichste Steckenpferd für einen gelernten Altphilologen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Bei meinem Film "Am Anfang war das Feuer" hat mich der Verhaltensbiologe Desmond Morris beraten. Er steckte mich mit seiner Begeisterung für die Verhaltensforschung an. Ich begann, mich selbst mit anderen Augen zu sehen. Denn das menschliche Dasein unterscheidet sich nicht sehr vom Leben einer Ziege, eines Wolfs oder eines Tigers.

Diese Ansicht dürfte nicht unbedingt mehrheitsfähig sein.

Ich weiß. Viele Leute halten mich für verrückt. Mir wird oft vorgeworfen, ich würde Tieren menschliche Eigenschaften zusprechen. Doch es ist genau anders herum: Ich zeige Menschen mit ihren animalischen Zügen.

"Übergewicht wird zu einer weltweiten Volkskrankheit"

Was hat denn der Mensch vom Wolf übernommen?

Dessen Sozialverhalten. Wölfe stehen nicht am oberen Ende der Nahrungskette. Sie sind nicht groß genug, um allein einen Tiger oder ein Pferd zu reißen. Das schaffen sie nur im Rudel, dem mindestens fünf oder sechs Wölfe angehören müssen. Mehr als 30 Wölfe dürfen es aber auch nicht sein, denn sonst wollen zu viele den Anführer spielen. Außerdem müssen sie überlegt vorgehen. Wenn Du töten willst, ohne selbst getötet zu werden, musst Du als erstes Dein Gehirn einschalten. Du musst Mut haben, Dich aber auch führen lassen. Den Chef solltest Du daher gut aussuchen. Wenn seine Ergebnisse nicht stimmen, musst Du ihn töten.

Dass Führer mitunter gefährlich leben, gehört tatsächlich zur Menschheitsgeschichte. Gibt es weitere Eigenschaften der Wölfe, die man auch beim Menschen findet?

Der Stolz! Und der ist in China inzwischen sehr gefragt - im Gegensatz zu früheren Zeiten, als sich unterwürfige Bauern wie eine Schafherde lenken ließen. Doch inzwischen herrscht in China ein erbarmungsloser kapitalistischer Wettbewerb. Firmengründer haben Rongs Buch massenweise gekauft und an ihre Mitarbeiter verteilt. Ihre Botschaft: Sei kein Schaf, sei ein Wolf! Sei mutig! Lass uns gemeinsam erfolgreich sein!

Denn Rong beschreibt diese Analogie: Er vergleicht die Chinesen mit Schafen, die alles mit sich machen lassen, und die Mongolen mit Wölfen, die lieber sterben als sich zu ergeben. Liegt er mit diesen Vergleichen nach richtig?

Historisch gesehen, sind sie beide zutreffend. Die Chinesen haben aber wie gesagt ihre Unterwürfigkeit hinter sich gelassen. Die Mongolen waren hingegen schon immer ein stolzes Volk. Ich habe mich gefragt: 'Wie war es möglich, dass dieses Reitervolk von maximal drei Millionen Menschen das größte Weltreich in der Geschichte der Menschheit errichten konnte?' Sie regierten ein Gebiet, das von China bis zum heutigen Bulgarien reichte. Und Attila kam bis zum Vorgarten meines Landhauses in Orleans.

Wie haben die Mongolen das geschafft?

Sie haben sich ihre Kriegslist bei den Wölfen abgeschaut. Dschingis Khan beauftragte seine Generäle, die Wölfe zu beobachten, und so wurde ihm bewusst, wie es wichtig ist, den richtigen Moment abzupassen und den Gegner zu täuschen. Denn Wölfe sind schlau. Sie schicken oft einen der ihren vor, und attackieren ihre Beute dann von der anderen Seite. Sie treiben Herden in unwegsames Gelände, also entweder in ein Moor oder in steiniges Gebiet, wo die Büffel nicht mehr richtig laufen können. Sie sind geduldig. Sie warten bis sich ihre Opfer vollgefressen haben und träge sind. Sie fallen über die Schwachen her. Politisch höchst unkorrekt. Aber die ganze Welt ist nicht politisch korrekt.

Die moderne Gesellschaft mit ihrem Leistungs- und Effizienzdenken ist ein weiteres Thema Ihres Films. Sie zeigen einerseits, dass sie das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zerstört. Andererseits gibt es eine Szene, in der ein Kinderleben nur durch die Errungenschaften der Medizin gerettet wird.

Für mich ist das kein Widerspruch. Warum sollten wir nicht von den Errungenschaften der modernen Medizin profitieren, von sauberem Trinkwasser und vom Mobilfunk? Dafür müssen wir nicht die Steppe niederbrennen oder den Regenwald im Amazonas-Gebiet roden.

Wirklich? Ist dieser Raubbau keine Folge der Massenproduktion, durch die die wachsende Weltbevölkerung am Wohlstand westlicher Prägung teilhaben kann? Das gerodete Amazonas-Gebiet wird beispielsweise für die Viehhaltung verwendet - also zur Befriedigung des weltweit ständig wachsenden Appetits auf Fleisch.

Die Moderne ist in vielerlei Hinsicht extrem positiv, aber es gibt auch sehr negative Aspekte. Übergewicht wird zu einer weltweiten Volkskrankheit. Ich sehe das auch in China. Wenn ich dort vor sieben Jahren durch die Straßen gelaufen bin, dann waren die Leute elegant und schlank. Jetzt trinken sie Bier und essen Popcorn und werden fett. Der Unterschied ist wie zwischen einem wilden Stier und einem Ochsen. Das kann einem Angst machen - langfristig kann sich das zu einem Riesenproblem auswachsen.

Le Dernier Loup, Frankreich 2015 - Regie: Jean-Jacques Annaud, Buch: Jiāng Róng, Jean-Jacques Annaud, John Collee, Alain Godard, Lu Wei. Mit Schaofeng Feng, Shawn Dou, Ankhnyam Ragchaa, Jin Zhuscheng. Wild Bunch, 115 Minuten.

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