Süddeutsche Zeitung

Regisseur Florian David Fitz:Zug um Zug

Florian David Fitz hat es vom smarten Fernseh-Chirurgen über ein preisgekröntes Drehbuch bis zum Regisseur von "Jesus liebt mich" gebracht, mit dem er nun in die Kinos kommt. Aber ist er wirklich ein Filmemacher mit Leib und Seele oder nur ein brillanter Poser? Dafür, dass bei ihm alles so kalkuliert erscheint, ist er zumindest ziemlich relaxt. Eine Begegnung.

Das Timing des Erlösers ist perfekt. Zwei, drei Minuten nach der vereinbarten Zeit taucht er in seinem Café in Neuhausen auf, nicht krampfhaft überpünktlich also, aber auch in keinster Weise nachlässig. München ist eingeschneit. Florian David Fitz hat trotzdem nur ein dünnes Jäckchen an, er wohnt ums Eck. Er lässt sich in einen der großen Ohrensessel fallen, schnappt sich die Speisekarte und wuschelt sich durch die Haare. Es sieht wie ein normales, gänzlich unkalkuliertes Haarewuscheln aus.

Und genau diese Frage muss jetzt natürlich geklärt werden: Ist dieser Mann, der jetzt den Jesus alias Heiland alias Joshua aus Galiläa spielt, in dem neuen Film "Jesus liebt mich", den er auch noch selbst geschrieben und inszeniert hat, tatsächlich ein Filmemacher mit Leib und Seele? Einer, der jetzt angekommen ist, der seinen Weg gemacht hat vom smarten aber arroganten Fernseh-Chirurgen in "Doctor's Diary" über den viel beachteten Nachwuchs-Drehbuchautor ("Vincent will Meer") hin zum Regiedebütanten? Ein 38-Jähriger also, auf dem zu Recht viele Hoffnungen des deutschen Films ruhen? Oder ist dieser Fitz vielleicht doch nur ein besonders cleverer Karrierist, ein brillanter Poser - einer dieser Super-Wuschler eben, die scheinbar ganz absichtlos daherkommen und ihre Wirkung dann doch bis ins letzte Detail kalkulieren?

Die langen Jesus-Haare sind jetzt jedenfalls wieder ab, auch große Teile des Bartes sind verschwunden. Fitz bestellt erst einmal einen Salat. "Die Leute fragen mich schon, muss das jetzt jeder Schauspieler machen, auch noch Regie führen?" sagt er dann. Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Simon Verhoeven - tatsächlich sieht es so aus, als wolle jeder deutsche Frauenschwarm sein Schicksal an der Kinokasse jetzt völlig selbst in die Hand nehmen. Bei Fitz, Jahrgang 1974, aufgewachsen im Münchner Westen, dann Schauspielstudium in den USA, sieht die Karriere sogar richtig nach Masterplan aus.

In diesem Herbst zum Beispiel übt er die Dauerpräsenz. Gerade war er als Mathematikgenie Carl Friedrich Gauß in der Verfilmung von Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" zu sehen. Dann lief der Dreamworks-Animationsfilm "Die Hüter des Lichts" an, in dem er die Hauptrolle des Jack Frost synchronisiert hat. "Wetten dass . . ?" bat ihn bereits auf die Couch, und nun, zum Jahresfinale, startet sein Regiedebüt. Und trotzdem, beharrt Fitz, gab es da keinen großen Plan - außer dem Bedürfnis, neben dem Spielen auch zu schreiben. "Zu jedem Zeitpunkt", sagt er, "hätte es auch schiefgehen können. Ich nehme das mehr wie der Straßenkehrer aus "Momo", der nicht an die ganze lange Straße denkt, sondern einfach Zug um Zug fegt und dann schon irgendwo ankommen wird."

Der Erfolg von "Vincent will Meer"

In diesem Sinn bewarb er sich zunächst bei der Drehbuchwerkstatt München, wo er, von Tutoren betreut, neben den Dreharbeiten zu "Doctor's Diary" das Skript zu "Vincent will Meer" entwickelte. Nun gibt es, gerade in der deutschen Filmindustrie, dankbarere Jobs als den des Drehbuchautors, der gerne als Erfüllungssklave misshandelt wird. Auch Fitz findet den Umgang mit Drehbuchautoren "dafür, dass wir alle von ihnen abhängig sind, oft erstaunlich stiefmütterlich." Nur er selbst hatte eben Glück: Seine Tragikomödie über drei junge Menschen auf einem Roadtrip - der eine mit Tourette-Syndrom, der andere Zwangsneurotiker, die Dritte magersüchtig - fand schnell eine Produktionsfirma. "Vincent will Meer" gewann den Deutschen Filmpreis in Gold, hatte 2010 allein in Deutschland mehr als eine Million Zuschauer und lief auch in anderen Ländern sehr gut.

Für Fitz lief es doppelt günstig, weil er nicht nur ein sehr erfolgreiches Debüt geschrieben hatte, sondern mit der Rolle des Vincent auch schauspielerisch Neuland betreten konnte - weg vom TV-Weiberhelden. Und dann kam das "Jesus"-Projekt. Fitz, der erst nur als Darsteller angefragt worden war, stieg schließlich auch als Drehbuchautor und Regisseur ein, was er ganz pragmatisch erklärt. "Ich hätte mit der ersten Regiearbeit auch noch ein bisschen warten können, aber die Chance kam halt jetzt." Also adaptierte er - recht frei - den gleichnamigen Bestseller von David Safier, eine Komödie mit Weltuntergang.

Gestatten: Heiland

Der beginnt zunächst eher klein, mit einem apokalyptischen Kasperltheater. Der versoffene Pfarrer Gabriel (Henry Hübchen) führt im fleckigen Unterhemd mit selbst gebastelten finsteren Pappfiguren einer entsetzen Grundschulklasse vor, wie sie bald vom Höllenschlund geschluckt werden wird. Aber die dummen Menschen in der sommerlichen Kleinstadt glauben größere Sorgen zu haben als das göttliche Finale. Zum Beispiel die launische Marie (Jessica Schwarz), die, als Pfarrer Gabriel sie gerade trauen will, ihren Bräutigam vor dem Altar stehen lässt - um sich prompt in diesen bärtigen, langhaarigen Mann zu verlieben, der spontan Menschen die Füße wäscht.

Jesus alias Florian David Fitz ist gekommen, um zu prüfen, ob die Menschen für die Apokalypse bereit sind. In vier Tagen steht diese ins Haus. Doch es braucht nicht mal einen Tag Erdanwesenheit, und der Heiland hat die überdrehte Marie am Hals, wird verprügelt und endet betrunken in Pfarrer Gabriels Badewanne. Aber ausgerechnet Jesus? "Natürlich denkst du am Anfang: Oh Mann, Jesus, da kann man so viel falsch machen - und auch so viele Menschen beleidigen, gerade in einer Komödie. Aber diesen Spagat hatte ich bei Vincent mit seiner Behinderung auch schon durchgemacht.

"Ich bin immer gut damit gefahren, dass man als Filmemacher alles behaupten kann, solange man seine Figuren wirklich ernst nimmt." Und so ist sein Jesus ein stoischer Ruhepol geworden, der die Zappelei der Menschheit lächelnd erträgt und sie dadurch noch neurotischer wirken lässt. Nur die Witzbolde am Set waren manchmal nicht leicht zu ertragen, besonders in der Doppelfunktion als Regisseur. "Das war natürlich ein Dauerwitz am Set", sagt Fitz. "'Heiland, könnt Ihr mal kurz kommen?' Oder: 'Herr, seid Ihr mit der Aufnahme zufrieden?'

In Jessica Schwarz, Henry Hübchen, Hannelore Elsner, Nicholas Ofczarek und Michael Gwisdek hatte Fitz gleich ein paar ziemliche Hochkaräter um sich herum zu dirigieren, was ihn erst sehr nervös, dann aber schnell sehr entspannt gemacht hat. Ein Ensemble, das genau seinen Vorstellungen für diesen Film entspricht, der etwas Theatrales haben soll, als Komödie beginnt und schließlich ein Inferno entzündet, emotional wie pyrotechnisch. Denn: "So ein Film soll ja nicht nur Zuckerwatte sein." Aber geht es manchem Regiekollegen in Deutschland nicht hauptsächlich um die Zuckerwatte?

Wenn es ans deutsche Kino geht, wird Fitz sofort leidenschaftlich und lässt die Salatgabel ruhen. Er weiß, wie hypernervös die deutsche Filmbranche auf jeden Flop reagiert. Deshalb muss auch mal Zuckerwattiges erlaubt sein. "Die Filmemacher und die Kritiker können froh sein über jeden deutschen Film, der an der Kinokasse funktioniert, weil er Folgeprojekte ermöglicht, die wiederum insgesamt eine größere Vielfalt bringen. Das vergesse ich ja selber manchmal, wenn man ich denke: Warum ist denn jetzt bitte der Film erfolgreich? Aber eigentlich ist es bescheuert, dass die Leute etwas ausprobieren und dann getreten werden, wenn es nicht funktioniert - und erst recht getreten werden, wenn es funktioniert."

Moden will er trotzdem nicht hinterherrennen. Es hätte ja auf der Hand gelegen, eine Komödie, die sich mit den Wirren des Katholizismus beschäftigt, ins bayrische Hinterland zu verlegen, als Dialekt-Slapstick. Aber wie viele Münchner fühlt Fitz sich im bayrischen Dialekt nicht sonderlich zu Hause, und der unermüdliche Mundart-Kollege Marcus H. Rosenmüller lässt neben sich nicht viel Platz. "Jesus liebt mich" sollte weder eine Provinzposse noch eine Abrechnung mit Religion werden, mit der Fitz privat ohnehin wenig am Hut hat. Sondern: "Eine lustige Auseinandersetzung mit den religiösen Klischees, die wir im Kopf haben - deshalb soll Jesus bei uns auch so aussehen, wie man ihn sich eben vorstellt, mit seinen langen Haaren."

Ein relaxter Fitz

Insgesamt wirkt Fitz so relaxt, dass man ihm seine beiläufige Zukunftsplanung einfach glauben muss. Er ist stolz auf den Film, aber er will nicht, dass er einen zu großen Platz in seinem Leben beansprucht. "Man muss eine gute Balance finden - zwischen wichtig genug und zu wichtig."

Und im Januar geht es dann weiter, wie beim Straßenkehrer in "Momo", Zug um Zug. Erst mal wieder mit Henry Hübchen: In "Da geht noch was!" spielen sie Vater und Sohn, Fitz ist Ko-Autor, sein drittes Buch. Auch mit dem Herzensbrecher-Kollegen Matthias Schweighöfer brütet er über einer gemeinsamen Idee.

Und die nächste Regie? Da grinst er pragmatisch. "Die Frage ist natürlich, ob mich noch mal jemand lässt! Im Schneideraum kann man viel machen - doch ob ein Film am Ende einen Zauber hat, das kannst du auch als Regisseur nur bedingt beeinflussen. Aber das ist ja auch das Aufregende am Filmemachen, dass es da so einige unberechenbare Sachen gibt."

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Quelle:
SZ vom 20.12.2012/jufw/pak
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