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Regierungskrise in Italien:Enttäuschter Idealismus und das Gefühl, betrogen worden zu sein

Die meisten Anhänger des Movimento dürften keine Linken und erst recht keine Kommunisten sein. Oder vielleicht waren sie es früher und sind es nicht mehr. Aber es setzt sich in ihnen ein Regionalismus und die Hoffnung auf die Vorteile eines Lebens in Gemeinschaften fort, wie sie einst die italienischen Genossenschaften hervorbrachten und die zahllosen kommunalen Sparkassen, die bis vor zwanzig, dreißig Jahren das Rückgrat der italienischen Wirtschaft bildeten.

Fremdenfeinde oder "5 Sterne" - der Regionalismus antwortet auf eine Geschichte der Enttäuschung

Diese Hoffnung aber ist auch in ihrer Wiederkehr nicht harmlos. Sie speist sich nicht nur aus der Enttäuschung eines Idealismus, der in der Nation, in der EU, in den Volksparteien eine Gewähr für wachsenden Wohlstand und befriedete soziale Verhältnisse erkennen wollte, sondern auch aus dem Bewusstsein, betrogen worden zu sein - und etwas Besseres verdient zu haben, allein aus dem Grund, dass man italienischer Staatsbürger ist. Verantwortlich für den ausbleibenden Erfolg von Volk und Nation aber, so heißt es in der Bewegung, sei die regierende politische Kaste, hinter deren großspurigen Verlautbarungen sich doch nur die gewöhnliche Korruption verberge. Deshalb die Forderung nach absoluter Transparenz in allen politischen Funktionen, deshalb die Abwendung von allem, was an Allgemeinheit und Programm erinnert, deshalb das Ideal einer demokratischen Politik ohne die Inhalte einer demokratischen Politik - ohne Staat und Kapital, ohne den ökonomischen Wettbewerb der Nationen, ohne Gewalt und Militär.

Der Widerstand gegen das Allgemeine hat in Italien also nicht erst seit dem Untergang der ersten Republik System, wurde aber dadurch beflügelt. Sein erster Repräsentant auf dem Posten des Ministerpräsidenten war Silvio Berlusconi, der Mann, der versprach, das Land wie seinen Konzern zu führen. Er war dabei so konsequent, in den Schwierigkeiten, die ihm die italienischen Gerichte bereiteten, nichts als persönliche Ranküne zu erkennen. Seine Forza Italia ist indessen immer noch eine programmatisch nationale Partei. Wenn sie, anders als erwartet, in den jüngsten Wahlen nur schlecht bestehen konnte, dann liegt das vor allem an den Fortschritten in der Regionalisierung wie im Widerstand gegen alles, was nach Programm und Allgemeinem aussehen könnte.

Und so treffen sich die 5-Sterne-Bewegung und die Fremdenfeinde von der Lega womöglich weniger im Großen (was ihnen ja sowieso nicht liegt), aber durchaus im Kleinen, zum Beispiel, wenn es um die Einrichtung von Fahrradwegen geht - nicht zufällig gehörte die Lega vor einigen Jahren zu den Sponsoren eines Radrennens, das den Namen "Giro di Padania" trug. Und zu all diesen Parteien gehört ein gehöriges Maß an Aversion gegen Theorie. Denn es geht nicht anders: Denken lässt es sich nur in Allgemeinheiten, weshalb es nur konsequent ist, wenn die Intellektuellen, die es in Italien noch gibt, in ihrer Mehrheit aus der alten Linken kommen.

Dem Rückzug in die Provinz, im geografischen, politischen und kulturellen Sinn, geht eine lange Geschichte der Enttäuschung voraus: In den knapp zwanzig Jahren seit Einführung des Euro als Recheneinheit wuchs die Wirtschaft Italiens kaum noch (die deutsche legte im Durchschnitt pro Jahr 1,25 Prozent zu), die Industrieproduktion schrumpfte von 2008 bis 2014 um nahezu ein Viertel und steigt seitdem nur langsam wieder an. Die Erkenntnis aber, dass die ungeheuren Anstrengungen des Landes, im Wettbewerb mithalten zu können, gescheitert sind, fällt schwer.

Den Wählern im Süden kommt Rom, zusammen mit der EU, wieder wie eine Kolonialmacht vor

Die Mittel, die vor allem die Lega gegen diesen Niedergang beschwört, stellen im Politischen dar, was die Bewegung "Slow Food" und die daraus hervorgegangene Einzelhandelskette "Eataly" im Kulinarischen bewirken will: eine Besinnung auf Region, einen Kult der (nord-)italienischen Arbeit und des (nord-)italienischen Arbeiters, eine enge Bindung an das Handwerk und seine Traditionen. Vor allem die Lega fügt eine Feindschaft gegenüber dem Fremden hinzu, und damit sind zwar zuerst die Immigranten aus Nordafrika gemeint, im weiteren Sinne aber auch die EU und darin vor allem Deutschland. In ihnen scheinen die fremden Mächte wiederzukehren oder gar fortzubestehen, die große Teile Italiens bis zur Mitte des 19. Jahrhundert beherrschten, die Österreicher im Nordosten, aber auch, mit Einschränkungen, der Vatikanstaat.

Überhaupt gleicht die politische Landkarte Italiens nun immer mehr den Zuständen vor der Einigung des Landes um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Partito Democratico, die Sammelpartei aller ehemaligen Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten, konnte fast nur noch in der Toskana gewinnen, in den Grenzen des 1861 untergegangenen Großherzogtums.

So, wie die Lega eine Bewegung vor allem der ländlichen Gegenden im Norden, der kleinen Städte und der urbanen Peripherien ist, so ist der Movimento 5 Stelle eine Bewegung des Südens geworden. Den Wählern dort muss Rom, im Verbund mit der EU, wieder wie eine Kolonialmacht vorkommen, so wie ihnen einst, als Giuseppe Garibaldi dem König den Süden zu Füßen gelegt hatte, die Einigung als Machtübernahme durch eine fremde Herrschaft erschienen war. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit im Süden dreimal so hoch wie im Norden (sie liegt bei 20 Prozent), doch während im Norden allmählich wieder ein Wachstum entsteht, geschieht im Süden nichts. Wer will, kann daher das Spiel mit den historischen Modellen weitertreiben - bis zu den Bourbonen, die bis 1861 ihr Königreich im Süden verelenden ließen.

Der im Norden Europas geläufige Vorwurf an Italien, es an Verantwortung für das Große und Ganze fehlen zu lassen, sieht sich nun, da die 5-Sterne-Bewegung und die Lega zusammen über die Hälfte der Stimmen verfügen (was noch keineswegs heißt, dass sie eine Allianz bilden werden), bitter bestätigt, zumal Silvio Berlusconis Forza Italia und die Faschisten von den Fratelli d'Italia noch gar nicht mitgezählt sind. Doch geht der Vorwurf in die Irre, und zwar nicht nur, weil er vom Standpunkt des Gewinners gedacht ist - schließlich werden die Kühlschänke, die Zanussi nicht mehr produziert, heute von AEG und Miele verkauft. Außerdem ist es ja keinesfalls gewiss, dass eine Weltmacht Europa unter deutscher Führung die Zukunft Italiens darstellen muss.

Fatal hingegen ist, dass es in Italien über das Gefühl hinaus, immer weiter betrogen zu werden, kaum Bewusstsein und kein Wissen mehr zu geben scheint, das es theoretisch mit den neuen Verhältnissen aufnehmen könnte: Wie sich eine Regierung, die sich aus Vertretern des Movimento 5 Stelle und der Lega zusammensetzt, nicht nur zu Europa, sondern auch zu den Antagonismen im eigenen Land verhalten könnte, wagt man sich nicht einmal vorzustellen, denn so verloren, wie Italien in der EU dasteht, so borniert und grausam ist das offensive Bekenntnis zur Provinz - und das gilt auch für ein Dorf namens Brescello, das einmal idyllisch gewesen sein soll und es gewiss nie war.

© SZ vom 17.04.2018/cag

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