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Regelwerk:Musliminnen und die Erfahrung von Freiheit

Zwei junge Musliminnen machen ihren Mitbürgerinnen Mut.

Manchmal wissen Bücher Dinge, nach denen man niemanden fragen kann. Diese Sorte Buch will "Schamlos" sein. Es geht da um das Selbstbewusstsein und die Freiheiten, die für Mädchen nicht selbstverständlich sind, ganz besonders dann nicht, wenn sie der permanenten sozialen Kontrolle einer Gemeinschaft ausgesetzt sind, die findet, Mädchen hätten nicht das gleiche Anrecht auf Freiheit und Selbstbewusstsein wie Jungen.

"Schamlos" ist aufgebaut wie ein Gespräch, das die Mädchen, um die es da geht, nicht führen können: Drei junge Frauen, allesamt als Musliminnen in Norwegen aufgewachsen, tauschen ihre Erfahrungen aus, geben einander Ratschläge. Dazwischen stehen kurze Geschichten, die ihnen andere Mädchen und junge Frauen erzählt haben - über anstrengende Verwandte, das Tabu psychischer Krankheiten, ein Mädchen berichtet gar, wie ihr Freund sie mit der hypersensiblen Familienehre unter Druck setzt. Das sind Aspekte, auf die man als Außenstehender gar nicht so schnell kommt.

Die Entwicklungen der drei Autorinnen Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz sind unterschiedlich. Nancy stammt aus einer Familie, die sich um Integration bemühte und ihr verboten hat, einen Hidschab zu tragen; Sofia und Amina sind mit traditionellen Vorstellungen aufgewachsen. Sie haben aber alle irgendwann gemerkt, dass sie erst einmal selbst herausfinden müssen, was sie für richtig halten, und was ihre Freiheit einschränkt. Dass Mädchen permanent erzählt wird, was sich nicht gehört, das ist grundsätzlich eine Einschränkung. In allen Kulturen. Auf andere Regeln für Mädchen hat der Islam kein Monopol. Knie zusammen, Blick nach unten, lach nicht so laut! Dagegen wehren sich die drei, ein Hidschab, das ist ihre Erkenntnis, verleiht seiner Trägerin weder einen besonderen Schutz noch eine magische moralische Überlegenheit. Die Moral als Maßstab stellen sie infrage. Das Recht auf Schamlosigkeit gehört schließlich zu den grundlegenden Errungenschaften des Feminismus.

Die Gesprächsform ist deswegen klug gewählt, weil sie zur Streitbarkeit anregt - wie sollte man sich auch über die eigene Identität klar werden, ohne das Streiten gelernt zu haben? "Schamlos" entscheidet sich nicht für Nancy als integriertes Ideal. In dem Gespräch wird eingeräumt, dass natürlich jeder Mensch ein Schamgefühl hat, dessen er sich auch nicht einfach entledigen kann. Wer dazu erzogen ist, sich für einen Strandbesuch mehrere Lagen Stoff überzuwerfen, wird nicht von einem Tag auf den anderen im Trägerhemdchen gehen. Sofia beschreibt, wie sie ihre Kleider nach Tagesform aussucht, Amina, der Tradition am meisten verhaftet, erzählt, wie sie beim Hidschab blieb - aber in ihrer eigenen Variante, die man als in die Frisur eingearbeitetes Tuch beschreiben könnte. "Schamlos" wendet sich nicht nur an Mädchen aus einem muslimischen Umfeld - viele Kontroll- und Unterdrückungsmechanismen werden auch Mädchen wiedererkennen, die gar keinen sogenannten Migrationshintergrund haben. Und selbst wenn nicht: Es wird ihnen helfen zu verstehen, was das Mädchen in der Klasse bewegt, das plötzlich ein Kopftuch trägt oder nicht mit zum Schwimmunterricht geht. (ab 12 Jahre)

Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz: Schamlos. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gabriel Verlag, Stuttgart 2019. 168 Seiten, 15 Euro.