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Regeln für Oscar-Nominierung:Oscar*s

Eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Bester Film" gibt es künftig nur mit "Diversität". Die neuen Inklusionsstandards sollen "Katalysator" für Veränderungen sein und in die Filmindustrie hineinwirken. Sie gelten ab 2024.

Von Kathleen Hildebrand

Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert wurde, dass die wichtigsten Filmpreise der Welt, die Oscars, viel zu oft an weiße, männliche Filmemacher vergeben wurden, hat sich die "Academy of Motion Picture Arts and Sciences", welche die Preise vergibt, nun etwas Neues überlegt: Diversitätskriterien, die ein Film in Zukunft erfüllen muss, wenn er für eine Nominierung in der Königskategorie des "Besten Films" in Frage kommen soll. Durchgesetzt werden diese Kriterien erst zur Oscarverleihung im Jahr 2024, in den beiden Jahren zuvor muss, offenbar zur Gewöhnung an die Zukunft, zu jedem Film ein Formular eingereicht werden, das seinen Diversitätsgrad belegt. 2021 bleibt erst einmal alles beim Alten.

Von den vier Blöcken mit Kriterien sollen die Nominierten später mindestens zwei erfüllen: Vielfalt vor der Kamera, in der Filmcrew, in der Nachwuchsförderung und in Marketing und Vertrieb. Academy-Präsident David Rubin und die Vorstandsvorsitzende Dawn Hudson erklärten, die Inklusionsstandards seien ein "Katalysator" für wesentliche und lang anhaltende Veränderungen in der Filmindustrie.

Ein Film wie Scorseses "The Irishman" hätte nach 2024 wahrscheinlich schlechte Chancen

Man kann finden, dass Kriterien wie die Besetzung mindestens einer Hauptrolle mit Vertretern einer ethnischen Minderheit oder, alternativ, von 30 Prozent der Nebendarsteller mit Frauen, LGBTQ-Personen oder solchen mit Behinderungen, kaum "öffnend" sind, sondern die Kunst einschränken. Ein Film wie Martin Scorseses "The Irishman" über (weiße, männliche) Mafiosi, der in diesem Jahr als bester Film nominiert war, hätte nach 2024 wahrscheinlich schlechte Chancen auf den Preis. Andererseits geht es hier nicht um, womöglich staatliche, Zensurmaßnahmen, sondern erst einmal bloß um die Möglichkeit, einen Preis zu gewinnen. Für einen Oscar kamen nie potenziell alle Filmwerke eines Jahres in Frage. Gerade die kommerziell erfolgreichsten, wie die Materialschlachten aus dem Marvel-Comic-Universum oder klassische romantische Komödien wurden wohl noch nie mit einem auf den Oscar schielenden Auge produziert. Ebenso wenig die Avantgarde-Filme des Autorenkinos, die selten das Geld für eine Oscar-Marketingkampagne haben.

Die neuen Kriterien sollen nun in die Filmindustrie hineinwirken

Nun gibt es erstmalig explizite, statt der bisher nur impliziten Regeln dafür, welche Art von Film Chancen auf einen Oscar hat. Dass die Academy sie aufgestellt hat, mag damit zu tun haben, dass ihre bisherigen Maßnahmen zur Diversitätssteigerung noch nicht recht gefruchtet haben: Seit 2016 hat sie in mehreren Wellen Tausende neue Mitglieder in die Reihen der Oscar-Wahlberechtigten aufgenommen, damit nicht mehr hauptsächlich alte weiße Männer entscheiden, welche Filme ausgezeichnet werden. Der Frauenanteil liegt mittlerweile bei 32, der von Minderheiten bei 16 Prozent. Trotzdem waren 2020 wieder nur weiße Schauspieler nominiert. Die neuen Kriterien, die sich an denen des "British Film Institute" und der britischen Filmpreise (BAFTAs) orientieren, sollen nun in die Filmindustrie hineinwirken - damit in Zukunft mehr Filme mit diversem Cast und Produktionsteam zur Wahl stehen.

Natürlich ist es nicht die Aufgabe von Kunst, Regeln zu entsprechen, egal wie gut sie gemeint sein mögen. Als Brücke, als Krücke, und ja, vielleicht auch als "Katalysator" mögen sie gerechtfertigt sein. Aber es bleibt zu hoffen, dass man sie in nicht allzu ferner Zeit schon nicht mehr brauchen wird.

© SZ vom 10.09.2020

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