Reformationsjubiläum Megakirche

Die Ausstellung "Der Luthereffekt" in Berlin erzählt, wie der Protestantismus die Welt verändert hat.

Von Johan Schloemann

Die Samen waren ziemlich hartnäckig. Gemeint ist damit nicht etwa die Saat des Protestantismus, die vor 500 Jahren aufging und deren globale Wirkung jetzt eine große Ausstellung in Berlin untersucht. "Der Luthereffekt" ist die erste von drei "nationalen" Ausstellungen zum Reformationsjubiläum, erzählt aber eine internationale Geschichte. Und das tut, um es gleich zu sagen, mal zwischendurch sehr gut inmitten einer Luthersause, in welcher der Reformator, all den tapferen Kämpfern gegen Klischees zum Trotz, doch wieder zum deutschesten aller Deutschen zu schrumpfen droht. Im Mai folgen dann die anderen beiden Schauen auf der Wartburg und in Wittenberg. Das Tripel-Event wird durch eine PR-Kampagne verbunden (dreimal "Hammer"! - wegen Martin Luthers Thesenanschlag...), über die man ganz schnell wieder den Mantel des Schweigens hüllen sollte.

Nein, die Samen sind vielmehr das Volk im Norden, die Sámi, die vor allem als Rentierzüchter bekannt sind und die auch auf der aktuellen Athener Documenta einen Auftritt haben. Bis weit ins 18. Jahrhundert, und in jüngster Zeit auch wieder, widersetzten sich die Samen der Christianisierung durch die lutherische schwedische Kirche. Die Obrigkeit gründete Schulen, übersetzte Gebetbücher und den Kleinen Katechismus in die samische Sprache und setzte zentrale Friedhöfe durch, während die Samen ihre Verstorbenen lieber am Ort des Todes bestatten und verehren wollten.

Vier Fallstudien evangelischen Christentums: Korea, Schweden, USA und Tansania

Sehr zögerlich gaben die Menschen oben im kalten Lappland ihre indigene Religion auf: den Ahnenkult, die Anrufung von unsichtbaren, die Natur beherrschenden Wesen, die zu besänftigen waren, bevor man zur Jagd aufbrach, sowie den Bären als ihr allerheiligstes Tier. Auch ihre Trommeln, die für ekstatische, schamanistische Orakel-Zeremonien verwendet wurden, tauschten die Samen ungern gegen Lutherchoräle ein; sie versuchten sie in ihren Hütten zu verstecken und sogar Kopien anzufertigen, und doch wurden sie am Ende fast alle beschlagnahmt und verbrannt. Eine der wenigen samischen Zeremonialtrommeln, die sich erhalten haben, ist jetzt in Berlin ausgestellt, ausgeliehen aus dem Leipziger Völkerkundemuseum. Auf einem Sittenbild der samischen Kultur, dem Ölgemälde eines anonymen Malers aus dem späten 17. Jahrhundert, sieht man in einer Winterlandschaft in Eis und Schnee den Teufel höchstpersönlich die heidnische Trommel schlagen.

Schweden ist eine von vier Fallstudien des "Luthereffekts", der im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist und vom Deutschen Historischen Museum gestaltet wurde. Die anderen drei Länder sind Tansania, die USA und (Süd-)Korea. Dieses ungleiche Quartett war ein sehr glücklicher Einfall.

Denn die Weltreise zeigt, wie insbesondere der Protestantismus den globalen Supermarkt der Religionen hervorgebracht hat, wie das manche Religionswissenschaftler nennen. Man sieht in dieser Ausstellung Posaunenchöre im ostafrikanischen Busch, Feldkanzeln und Erbauungsschriften aus der amerikanischen Prärie, sieht die größte "Megachurch" der Welt in Seoul und die Mitra des ersten lutherischen Erzbischofs von Schweden. Die evangelische Betonung von Wort und Glaube durch die Reformation im 16. Jahrhundert hat eine riesige Vielfalt von Glaubensgemeinschaften geschaffen, von verschiedenen "Reformationen", so das Einführungskapitel der Ausstellung, zuerst schon in Europa, bald auch auf allen Kontinenten - teils durch Macht und Mission, teils durch Auswanderung, freiwillige Verbreitung von Erweckung und im Gegenteil durch anti-hierarchische Impulse. So könnte die Ausstellung auch "Der Calvin-Effekt" oder "Der Freikirchen-Effekt" heißen, auch wenn Luthers Angriff auf die Papstkirche und das schnelle Wachsen seiner Anhängerschaft schon ausschlaggebend waren für den Mut zur Emanzipation von der katholischen Kirche. Rom wollte das Zentrum der Weltkirche bleiben, gerade dann, als in der Neuzeit immer mehr die ganze Welt in den Blick geriet; und doch wurden entscheidende Teile der modernen Welt in der Lossagung von Rom gestaltet.

In Schweden etwa erschienen unglaublich schnell reformatorische Drucke in der Volkssprache - also nicht auf Latein -, die Übersetzung des Neuen Testaments bereits 1526, und Gesangbücher wurden zu Verkaufsschlagern. Erst im Zuge der Reformation formierte sich eine differenzierte Gesellschaft, ein mächtigerer Adel, eine moderne Nation. Dass Gustav I. Wasa, schwedischer König von 1523 bis 1560, die Lutheraner unterstützte, hatte auch wirtschaftliche Gründe, wollte er doch das Kirchengut zugunsten der Krone einziehen. Nicht lang danach stieg Schweden zur Groß- und Schutzmacht des lutherischen Glaubens auf - und König Gustav II. Adolf zum evangelischen Heiligen im Dreißigjährigen Krieg. Seine Apotheose kann der Ausstellungsbesucher von heute ebenso betrachten wie seine blutgetränkte Unterwäsche, die der Herrscher höchstselbst als Zeugnis seines Opfers für Gott und Nation in Schlachten zum Sammelstück der königlichen Rüstkammer bestimmte.

Der Protestantismus wirkte modernisierend und kulturstiftend, für viele auch befreiend und tröstend, diente aber auch als Mittel der Sozialdisziplinierung, im Norden etwa durch exakt protokollierte Hausverhöre, durch die "Schandbank", auf der Sündige im Gottesdienst Platz zu nehmen hatten, und eben die Mission der Samen. Von einer ähnlichen Doppelgesichtigkeit erzählen, bei allen Unterschieden, die anderen Länderkapitel der Berliner Ausstellung. Der evangelische Glaube hat geholfen, aus dem afrikanischen Swahili eine verbindende Schriftsprache zu machen, Koreaner beim Aufstieg aus der Armut zu unterstützen und die Sklaverei und Rassentrennung in Amerika abzuschaffen, er hat aber ebenso mitgeholfen, gewaltsame Kolonisierung und Sklaverei zu begleiten und zu begründen.

Tansania hat mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt. Wie vital sie ist, gemischt mit charismatischen, evangelikalen Elementen, führt eine eigens in Auftrag gegebene Fotoreportage vor. Historische Dokumente berichten, wie es dazu kam - deutsche Missionare flankierten die Kolonialherrschaft in damals Deutsch-Ostafrika (1885-1918). Die ambivalente Wirkung kommt dabei gut heraus: Manche Missionare waren menschlicher als die Obrigkeit, sie bauten Infrastruktur, Schulen und Selbstbewusstsein auf, wodurch später die Idee des "afrikanischen Sozialismus" befeuert wurde; manche schrieben aber auch Schriften wie: "Wie erzieht man am besten den Neger zur Plantagen-Arbeit?"

Dreißig Prozent der Südkoreaner sind heute Christen, zwei Drittel davon Protestanten

Dreißig Prozent der Südkoreaner sind heute Christen, zwei Drittel davon Protestanten. Als im 19. Jahrhundert die Missionare nach Korea kamen , wurden diese sofort in neokonfuzianischer Tradition als Schriftgelehrte verehrt, die Begeisterung für die Bibel war groß, die Wahl eines einheimischen Götternamens für den christlichen Gott trug erheblich zum Erfolg bei - und all das führte zur Alphabetisierung in koreanischer Schriftsprache (Hangul) sowie zu großen Erweckungsbewegungen, einmal nach der Jahrhundertwende und dann wieder in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als der Prediger Billy Graham in Seoul Millionen auf die Straßen brachte.

Auch den im Vergleich dazu bekannteren Fall des Protestantismus in den USA erzählt die Ausstellung imposant, die trotz ihrer Größe insgesamt abwechslungsreich und angenehm frei von plakativen Wertungen ist. Ausgewanderte Erweckte und Puritaner auf dem Weg zum "gelobten Land"; die Quäker-Gründung von Pennsylvania als Keimzelle des amerikanischen Pluralismus und Individualismus; die überragende Bedeutung der protestantischen Kirchen für die Sklaven, ihre "Spirituals", ihre Befreiung und für die afroamerikanische Kultur und Musik bis heute; der Aufstieg der Pfingstkirchen - all das sind weltweite Effekte, von denen Luther ganz sicher nicht geträumt hat. Heute sind mehr als 800 Millionen Menschen Protestanten - teils auf dem Papier, teils sehr inbrünstig.

Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt. Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 5. November. Der sehr lesenswerte Katalog (Hirmer Verlag) kostet im Museum 29,90 Euro, im Buchhandel 45 Euro. Info: www.dhm.de