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"Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" von Timothy Garton Ash:Zehn Gebote für die vernetzte Menschheit

Die ganze Welt als Kosmopolis des Internets, die als sprichwörtliche Wolke den Planeten Erde nicht umhüllt, sondern durchdringt.

(Foto: NASA)

Du sollst frei reden. Du sollst nicht beleidigt sein. Der Historiker Timothy Garton Ash widmet sich der grundsätzlichsten aller Fragen: Wie funktioniert Gesellschaft heute?

Wenn das Bundesamt für Migration in einem Tweet seine Asylgewährungspraxis erläutert, dann machen sich schon eine Woche später ein paar Tausend Flüchtlinge mehr über die Ägäis auf den Weg. Wenn ein texanischer Evangelikaler ein dämliches Video gegen den Propheten Mohammed auf Youtube postet, dann bedarf es nur einer Synchronisierung, und Christen zwischen Marokko und Pakistan müssen um ihr Leben bangen. Das ist die Welt, in der wir seit wenigen Jahren leben.

Timothy Garton Ash, eigentlich Historiker, kein Internetguru, nennt sie "Kosmopolis" und beschreibt damit die Weltgesellschaft der Vernetzten, die in einer komprimierten Raumzeit absoluter Gleichzeitigkeit, Hochgeschwindigkeit, außerdem bei beliebig abrufbaren, ewigen Archiven interagieren.

Und da Garton Ash Historiker ist, erzählt er die Entstehung und die aktuelle Machtordnung dieses Weltzeitraums seit 1989. Auch wer die letzten Jahre nicht verschlafen hat, findet hier ein konzises Handbuch mit Übersichten, wie sie so plastisch nur britischen Historikern gelingen.

Wir sind Kunden, Rohmaterial, Massenbewegung und Großmacht des Netzes

Ein Beispiel: Die Ordnung der Kosmopolis sei von drei konkurrierenden Machtgruppen regiert. Garton Ash nennt sie Hunde, Katzen und Mäuse. Die Hunde sind die wenigen staatlichen Großmächte wie die USA, die EU und China, und ein paar kleinere Mittelmächte, die stark genug sind, den fetten Katzen, den Firmen, die das Internet heute organisieren (Google, Facebook, Apple, Wikipedia) Grenzen und Regeln aufzuerlegen. Die Mäuse: Das sind wir, die User an unseren Kästchen und Tastaturen, samt klickenden Mäusen, Bürger der Megacity Kosmopolis.

Wir, das Milliardenheer, sind sowohl Kunden, Rohmaterial, Massenbewegung wie, ganz am Ende, auch Großmacht des Netzes, durch unsere Plebiszite im Sekundentakt, das irrwitzige Spiel der Rückkoppelungen. Zugleich sind wir potenzielle Opfer, etwa von Gewaltwellen, von Ausspähung, von totaler Transparenz, von Cybermobbing. Wer das auf wenig mehr als hundert Seiten aufgenommen hat, begreift besser, was seit einem Vierteljahrhundert passiert: eine menschheitsgeschichtliche Revolution, deren Rang der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks gleichkommt. Garton Ashs Buch hat andere Ziele, aber es ist auch ein Beitrag zur Diagnose der Zeit, nüchterner und sachhaltiger als viele Utopien und Apokalypsen.

Doch sein Buch bezweckt etwas anderes, nämlich den Update der liberalen Idee von freier Rede unter den neuen Bedingungen. Freie Rede ist ungefähr das, was "Meinungsfreiheit" meint, jedoch aktivistischer. "Rede" ist ja Tat und Zuhören, meinen könnte man ja auch nur in der Gehirnkammer. Garton Ash greift hoch, indem er sich in die Reihe der großen englischen Redefreiheitsdenker stellt, John Milton, John Stuart Mill, George Orwell. Um ihr Erbe in der neuen Welt geht es, um freien Selbstausdruck, Wahrhaftigkeit, gute Regierung durch gutes Argumentieren; und darum, in der Kosmopolis der zwangsläufig Verschiedenen zusammenleben zu können, was ohne freie Rede nicht möglich ist.

In den USA gilt maximale Redefreiheit auch für Spinner und Fanatiker

Als Historiker kennzeichnet Garton Ash das Internet auch als Produkt eines bestimmten Ideals radikaler Meinungsfreiheit, der amerikanischen "Religion des Ersten Zusatzartikels", jener Grundbestimmung der Verfassung der USA, die bis heute maximale Redefreiheit auch für Spinner und Fanatiker gewährt. Dieses Ideal formte bis ins Technische eine Struktur, die heute von Religionskriegern, Infopartisanen, Geheimdienstlern, Trollen, Hasspredigern ebenso benutzt wird wie von Bürgerrechtlern, Wissenschaftlern und Verkaufsplattformen.

Auch das Technische, seine Organisation in Weltbehörden und Standards ist kontingent, vielleicht das letzte Gesetz, das der "Westen" dem Globus auferlegen konnte. Selbst die von fast allen Ländern dieser Erde unterschriebenen Menschenrechtsbestimmungen gehören hierher.

Gleichwohl ist die Intention dieses zwischen Bestandsaufnahme und philosophischem Traktat changierenden Buches nicht betrachtend. Es will ein Regelwerk für diese neue Welt vorschlagen, als Antwort auf Gefahren, welche die enormen Freiheitschancen zu verdunkeln drohen, die mit der vernetzten Weltpolis verbunden sind. Garton Ash hat seine Arbeit selbst kosmopolitisch organisiert, mit Studenten aus aller Welt, in Seminaren zwischen Oxford, Peking, Kairo und Istanbul und vielen anderen Orten, und all das auf einer vielsprachigen Internetseite mit Debatten, spezialisierten Abhandlungen und, natürlich, Feedbackmöglichkeiten abgebildet (www.freespeechdebate.com). Das ist keine Beiläufigkeit, weil es den Internetdiskurs von einem metaphorisierendem Raunen befreit, der ihn vielen Nicht-Aficionados verdächtig macht. In diesem Projekt ist alles bodenständig - keine Selbstverständlichkeit.

"Wir respektieren alle Gläubigen, aber nicht unbedingt alle Glaubensinhalte"

Die zehn Regeln oder Grundsätze sind, wenn man sie hintereinander wegliest, oft nur Allgemeinplätze, zum Beispiel Satz 2: "Weder drohen wir mit Gewalt, noch akzeptieren wir gewaltsame Einschüchterung." Interessant werden solche Gebote durch ihre Kasuistik. Soll man aus Prinzip gotteslästerliche Karikaturen abdrucken, um Gewaltresistenz zu beweisen, auch wenn es Menschenleben kosten kann? Oder Satz 6: "Wir respektieren alle Gläubigen, aber nicht unbedingt alle Glaubensinhalte." Das dürfte eine der Regeln sein, die am meisten befragt werden müssen.

Denn: Kann man das trennen? Die Kirche achtet angeblich den Homosexuellen, verdammt aber die Homosexualität - Schwule sagen dazu: besten Dank auch. Zugleich versteht man, dass Garton Ashs Unterscheidung eines der brennenden Konfliktfelder der Weltgesellschaft wenigstens vorläufig ordnen soll. Solange wir einander nicht bekehren, müssen wir mit den Unterschieden leben. Zur Not hilft es, das Anstößige nur auf "einen Click weit" zu entfernen, ohne es zu löschen. Am Ende gilt: "Wir sprechen offen mit robuster Zivilität über alle Arten von Unterschieden zwischen Menschen." Wenn es einen Kernsatz dieses Buches gibt, dann diese Regel Nummer 5.

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