Rechtspopulismus und Gegenkultur Alice Weidel und der Pop - keine völlig verrückte Paarung

"Wir werden's rocken", sagte Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl beim Parteitag in Köln. Es war vor allem dieses eine Verb, dass in der rechtpopulistischen Ecke seltsam deplatziert klingt: rocken.

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

AfD, Donald Trump und Silicon-Valley-Mogule benutzen gern Symbole der Gegenkultur. Was kann man tun, wenn die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollen, aber der falsche Beat läuft?

Von Jens-Christian Rabe

Wir ziehen im Mai in die Landtage von Schleswig-Holstein und NRW ein und dann, liebe Freunde, rocken wir Deutschland! Wir werden's rocken." - Das waren die Worte der auf dem Bundesparteitag in Köln am Wochenende frisch gekürten AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel in ihrer Dankesrede nach der Nominierung.

Nicht nur der etwas ungelenke, genüsslich-diabolische Predigerton, den sie selbstgewiss grinsend dabei anschlug, befremdete aus der Ferne. Es war vor allem dieses eine Verb, das in der rechtpopulistischen Ecke seltsam deplatziert klingt: rocken.

Als Synonym für "begeistern" führt es sogar der Duden längst ganz offiziell. Aber abgesehen davon, dass es als Slang-Wort schon arg in die Jahre gekommen ist und am ehesten noch in ARD-Sendungen mit Ina Müller, die in Hamburger Senioren-Hafenkneipen aufgezeichnet werden, zu Hause ist und sogar da schon eher nur noch sehr ironisch - abgesehen davon stammt es doch vor allem aus einem ganz anderen, politisch eindeutig mindestens linksliberal zu verortenden Referenzrahmen.

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Andererseits wurde man in den vergangenen Monaten an einiges gewöhnt. Etwa durch die Meldung, dass Silicon-Valley-Mogule das Burning-Man-Kunst- und Musik-Festival in der Wüste von Nevada zu ihrer Lieblingskontaktbörse erklärt haben. Seit mehr als 30 Jahren ist dieses Festival als Manifest der linken amerikanischen Gegenkultur konzipiert, als Beweis, dass eine bessere, gerechtere, menschenfreundlichere Welt möglich ist (auch wenn ein Ticket 400 Dollar kostet).

Zu den erklärten Burning-Man-Prinzipien gehören Partizipation, Nachhaltigkeit, zivile Verantwortung, Kooperation, Inklusion, Antikapitalismus und das Schenken. Der Veranstalter ist eine Non-Profit-Organisation.

Trump unterlegte Wahlwerbeclip mit der Indierock-Hymne von der guten Seite der Macht schlechthin

Es gibt elektronische Musik und reichlich bewusstseinserweiternde Drogen, aber keine Werbebanner und kein überteuertes Bier. Im Grunde soll alles Nötige unter den inzwischen circa 60 000 Teilnehmern einfach getauscht werden. Und die temporäre Idealstadt samt Krankenhaus, die alljährlich in der Wüste entsteht, wird hinterher komplett abgebaut. Und zwar so, dass kein Abfall zurückbleibt.

Die Milliardäre aus dem Valley tauschen dort aber nichts, sie feiern auf dem Gelände in ihren eigenen gut bewachten und bestens klimatisierten "High-End Camps". Bye, bye, Wüsten-Utopia.

Den Vogel schoss der neue US-Präsident Donald Trump ab, als er im vergangenen Oktober, in der Endphase seines Wahlkampfs einen so spektakulär wie ein Musikvideo geschnittenen Wahlwerbeclip in ganzer Länge mit dem Song "Seven Nation Army" der amerikanischen Band The White Stripes unterlegte, also mit der Indierock-Hymne von der guten Seite der Macht schlechthin.

Zuvor hatte er schon den Unmut der Rolling Stones und von R.E.M. erregt, nachdem bekannt geworden war, dass er auf Wahlkampfveranstaltungen "You Can't Always Get What You Want" oder "It's the End of the World as We Know It" gespielt hatte.

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Das Missverständnis vom revolutionären Verhältnis

Was bitte ist da los, denkt man sich. Und: Jetzt ist es auch mal wieder gut. Von Trump einmal ganz abgesehen: Wie kann man Pop immer noch missverstehen, diese Kraft, die doch eigentlich nur das Gute will?

Die ein bisschen langweilige, schnelle Antwort darauf ist: Das ist ganz leicht, und der Pop ist selbst daran schuld, weil er sich früh mit dem bösen Kumpel Kommerz zusammengetan hat, der ihn sich seither langsam, aber unaufhaltsam unterworfen hat. Deshalb sei die Idee, Pop sei im Sinne der sich selbst erlösenden Gesellschaft die Wundermischung aus Kritik und Unterhaltung, längst beschädigt. Und Donald Trump und der Pop eben keine völlig verrückte Paarung, sondern nichts als eine Zwangsläufigkeit.

Die linke Pop-Intelligenz erschrak 1992 heftig, als klar wurde, dass die rechten Steinewerfer bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber genauso aussahen wie die linken Pop-Fans.

Aber das ist nur die halbe Geschichte, und sie fußt auf einem kleinen, aber verhängnisvollen Missverständnis davon, wie sich Pop und Politik zueinander verhalten sollen, nämlich revolutionär.

Der Popmusiker wird aus dieser Perspektive zum besseren, weil beliebteren und durchsetzungsfähigeren Politiker oder sogar zum Revolutionsführer. Die Revolution kann dann ja praktischerweise auch gleich mit ordentlicher Quote im Fernsehen gezeigt werden.