Rechtsextreme Esoterik Arier im Mikrowellen-Krieg

Jo Conrad wird an dieser Stelle nicht konkreter. Er will nicht mit der Justiz zu tun bekommen, will nicht wegen Volksverhetzung verurteilt werden wie zum Beispiel der Reinkarnationstherapeut Tom Hockemeyer. Der führt unter dem Pseudonym Trutz Hardo Menschenkinder in ihre diversen früheren Leben zurück. In einem Buch, dem er als Titel den Spruch gab, der am KZ Buchenwald prangte, "Jedem das Seine", hatte er geschrieben, der Holocaust sei eine karmische Reinigung gewesen. Ein Schicksal, das den Juden erspart geblieben wäre, wenn sie es nicht durch einstige Missetaten geradezu heraufbeschworen hätten.

Hockemeyer will kein Interview geben. Er schickt aber die Kopie eines Briefes, den er einst seiner schärfsten Kritikerin Jutta Ditfurth geschrieben hatte. Darin steht, dass er all die Anwürfe nicht begreifen könne. Er sei doch selber ein Jude gewesen, ein Schuster, den die Kosaken in der heutigen Ukraine verbrannt hätten. So um 1660 herum muss das gewesen sein. Hat er bei einer Rückführung haarklein erlebt. Wie auch den Grund für jene Vernichtung: Er sah nämlich, wie er noch ein paar Leben zuvor einem reichen Juden das Messer in den Bauch gestoßen hat, nur aus Habgier. Deretwegen hat es ihm später so schlecht ergehen müssen.

Für manchen, der an Reinkarnation und Rückführung und schlechtes Karma glaubt, ist das vielleicht nicht abstrus. Es hat ja eine gewisse Logik innerhalb des hermetischen Systems, in dem er sich bewegt. Jemand wie Hockemeyer kann, wenn er nur konsequent genug seiner Einbildung folgt, auf kürzestem Wege bei der Umwertung des Holocaust landen, mitsamt seiner festen Überzeugung, damit doch nichts, aber auch gar nichts verbrochen zu haben.

Wenn man nun seinerseits die Dinge konsequent zu Ende denkt: Dann ist es nicht nur eine Verirrung Einzelner, die da gerade geschieht; dann ist es mehr als eine bloße Zufälligkeit, wenn sich moderner Okkultismus und rechtsextremes Denken überschneiden. Womöglich sind genau solche Verirrungen und Überschneidungen in diesem Okkultismus sogar angelegt. Man wird sehen.

Undefinierte Gewährsmänner

Auf dem Weg nach Worpswede schaltet man das Handy ein, und es erscheint eine SMS, die am späten vorigen Abend geschrieben worden war: Jo Conrad sagt den Termin ab. Später, per Mail, lässt er durchblicken, dass er sich beraten hat. Er bietet an, die Fragen schriftlich zu beantworten, das ist, was auch Jan Udo Holey getan hat. Und es ist mehr, als zehn, zwölf andere Adressaten auf Bitten um ein Interview tun. Die meisten melden sich entweder gar nicht oder beenden den Kontakt, ohne noch einen Mucks von sich zu geben; so das Magazin ZeitenSchrift und der Argo-Verlag, zwei der wichtigsten Plattformen rechter Esoteriker.

Am abruptesten dreht sich Anke Herrmann weg. Sie führt den Versand "Franken-Bücher", mit dem sie eine Art Fixpunkt für die Einzelpersonen und Grüppchen innerhalb der Szene ist. Auch sie wurde schon wegen Volksverhetzung verurteilt. Sie kann herzerfrischend schnattern am Telefon. "Was soll's", sagt sie, "mein Ruf ist sowieso ruiniert, treffen wir uns ruhig." Dann überschüttet sie einen mit Mails, in denen steht, was man noch lesen, mit wem man sich noch unterhalten sollte. Plötzlich aber will sie "von einem Gespräch doch lieber Abstand nehmen".

Ihr gutes Recht und das aller anderen. Nicht der Rede wert. Es zeigt nur die Unsicherheit der Szene. In den vielen Schriften werden ja mit der größten Festigkeit die unglaublichsten Dinge behauptet, aber da es meist nicht mehr als Behauptungen sind, droht schon eine einfache Nachfrage, alles ins Wanken zu bringen.

Jo Conrad baut deshalb ein wenig vor: Er werde womöglich, da er zu lange suchen müsse, um ein paar Dinge belegen zu können, und da in einen Artikel, wie man ihn zu schreiben beabsichtige, ja sowieso nicht alles passe, einfach ein paar der gestellten Fragen überspringen.

Frage zum Hot Spot: "Wo kann man Näheres lesen? Wer hat den entdeckt?" - "Er wurde von einem Arzt auf einem Kongress 'Neuer wissenschaftlicher Ausblick' in den 90er Jahren in einem Vortrag vorgestellt. Leider habe ich keine sonstigen Hinweise finden können."

Immer ist es ein Arzt, ein Freund, ein Agent: ein nicht näher benannter Gewährsmann, der als Quelle dient, in jeder dieser Veröffentlichungen. Das hat etwas Banales, fast Primitives. Wenn aber alles nur banal wäre, bliebe es letztlich wirkungslos. Man wird jedoch sehen: Manches ist auch schlau, geradezu gerissen ist es, ein Beispiel: Jo Conrad berichtet von mehreren Heften, die ein spanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gefunden habe. Dabei handele es sich um Vernehmungsprotokolle des ehemaligen Sowjet-Botschafters in Paris und London, Kristian Jurjewitsch Rakowsky, durch den NKWD.

Dieser Rakowsky habe sich in den Verhören als Freimaurer erwiesen. Die Freimaurer lenken in den Augen der rechten Esoteriker auf eine uns verborgene Weise die Weltgeschicke. Sie werden wiederum mit den Illuminati gleichgesetzt, und diese bekanntlich mit den Juden.

Die Freimaurer, erkläre also der unter Druck gesetzte Rakowsky, hätten über ihre Vertreter Rothschild und Karl Marx den Kapitalismus wie den Kommunismus inszeniert, und zwar, um auf Erden ein gewaltiges Chaos zu schaffen, aus dem heraus sie über kurz oder lang ihre eigene Herrschaft errichten können. Oder warum sonst sei sowohl der amerikanische als auch der russische Stern fünfzackig? Nur deshalb, weil die Brüder Rothschild am Anfang ihrer Fünfe gewesen waren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was es mit den Aldebaranern, den blonden Außerirdischen, auf sich hat.