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Rechte im Internet:Die Bekämpfung von Rassismus bewirkt wie so oft das Gegenteil

All die neuen Ausprägungen des rechten Netzes sind keine direkte Reaktion auf die jüngsten Ereignisse. Einiges existiert schon jahrelang. Metapedia etwa, das Online-Lexikon mit dem bizarren Hitler-Eintrag, wurde bereits 2006 gegründet. Allen Angeboten ist aber gemein, dass sie von der Ächtung des traditionellen Silicon Valley profitieren. Auf den Nutzer-Foren von Altright.com liest man ungezählte Kommentare darüber, dass dieser oder jener Nutzer bislang noch nie von diesen Diensten gehört habe, sich aber nun sofort dort registrieren werde.

Wie so oft im Internet bewirkt der Versuch, Informationen zu unterdrücken, genau das Gegenteil: Die Informationen werden einem noch größeren Personenkreis bekannt. Dieses Phänomen lässt sich bereits in Zahlen messen. Voat.co, eine Seite, die noch vor drei Monaten wegen drohender Zahlungsunfähigkeit vor dem Aus stand, erfreut sich dank eifriger Spenden bester finanzieller Gesundheit. Bemüht man den Statistik-Dienstleister Alexa.com, zeigt sich auch, dass Minds.com in den letzten drei Monaten in der Rangliste der populärsten Webseiten weltweit um mehr als 1300 Plätze nach oben geschossen ist. Die Anzahl der Seitenaufrufe durch Suchmaschinen ist im gleichen Zeitraum um mehr als 50 Prozent gestiegen. Es gibt also eine neue Nachfrage.

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Ähnliche Zahlen gibt es auch für den rechten Twitter-Klon Gab.ai. Der steigt gar um mehr als 3000 Plätze auf. Und bei diesen Entwicklungen handelt es sich keinesfalls nur um ein US-amerikanisches Phänomen. Die zweitmeisten Hits erreichen Gab.ai aus Deutschland. Die zweitmeisten Artikel auf Metapedia sind auf Deutsch verfasst.

Doch was ist dort überhaupt zu lesen - abgesehen von Wirrheiten über die NS-Zeit? Es handelt sich, man kann das nach ein paar Tagen intensiven Studiums durchaus sagen, um den gleichen weinerlich-aggressiven Tonfall, den die sogenannten neuen Rechten auch schon auf den Mainstream-Portalen an den Tag gelegt haben. Eifrig haben die Nutzer ein Wort aufgegriffen, das der amerikanische Präsident Donald Trump nach den Ereignissen in Charlottesvilles in Anlehnung an die rechte Alt-Right-Bewegung erfand: "Alt-Left". Demokraten und Linke sind auf diesen neuen rechten Seiten entweder "libtards" - eine Mischung aus liberal und "retarded", also zurückgeblieben - oder "cucks", ein Begriff aus der Fetisch-Szene für einen Mann, der Befriedigung daraus zieht, dass seine Partnerin mit anderen schläft. Es ist eine Rhetorik, die Andersdenkenden entweder Stumpfsinn oder sexuelle Fremdartigkeit unterstellt, und sie zieht sich als verlässliches Motiv durch die Kommentarstränge und Foren.

Die Filterblase könnte undurchlässiger als zuvor werden

Hinzu kommt, wie schon beim großen Vorbild aus Nazi-Deutschland, das Misstrauen gegenüber einem vermeintlich jüdisch geprägten Großkapital. Aus Google wird Goolag, aus Apple ein "wurmstichiger Apfel". Dass auch die Linke zu Gewalt fähig ist, wird mit Bildern vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China illustriert. Die Rechten sehen sich von feindlichen Mächten umstellt, vergleichen sich gerne mit den Palästinensern im Gazastreifen und vergessen dabei gelegentlich, dass sie ja eigentlich nicht nur Juden, sondern auch Araber hassen.

Es bleibt die Frage, was nun passiert, da sich die Klientel jeder sozialen Kontrolle entzieht. Führt das Fehlen einer auch noch so nachlässigen Moderation zu noch mehr Radikalisierung? Die Filterblase ist nun nicht mehr eine Folge der Algorithmen der großen Konzerne, sondern selbstgeschaffen, möglicherweise noch undurchlässiger als je zuvor.

Eine weitere, gar nicht mal so unwahrscheinliche Vermutung lautet, dass sich die Isolation und der Rückzug auf eigenes Terrain im Netz eher negativ auf die rechte Bewegung auswirken könnten. Schließlich definieren sich die Rechten ja vor allem durch die Konfrontation. Sie wollen auffallen, provozieren, trollen. Wenn sie in Zukunft unter sich bleiben, kommen ihnen möglicherweise die Feindbilder abhanden. Und damit der ganze Reiz.

Zumindest auf kurze Sicht ist die Selbstdarstellung als Opfer die stärkste Waffe der neuen Rechten. Lautstark jammern die Netz-Nazis darüber, dass sie ihr Vitriol nicht mehr überall im Internet versprühen können. Die Verbannung, die von Facebook, Google und den anderen großen Technologie-Konzernen ja durchaus in einer oft kritisierten, undurchsichtigen, vielleicht sogar willkürlichen Weise vollzogen wurde - sie passt perfekt in die Erzählung, dass die Hetzer selbst zu den Verfolgten gehören.

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