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Reaktionen auf den Tod von Günter Grass:"Ich verneige mich vor Günter Grass"

Monika Grütt ers, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Günter Grass war ein Weltliterat. Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen. Grass war ein einzigartiger Redner, Essayist und ein großer Geschichtenerzähler der jüngsten deutschen Geschichte - die mit allen ihren Brüchen auch seine Geschichte war. Und er hat sich an dieser Geschichte gerieben, abgearbeitet und auch manche Interpretation gefunden, die für seine Leser wie für seine Kritiker nur schwer auszuhalten war.

Eugen Ruge , Autor

Anlässlich einer Rede über Alfred Döblin habe ich es gewagt, in Anwesenheit von Günter Grass und an ihn gerichtet zu sagen, dass ich Schriftsteller für nicht grundsätzlich klüger, informierter oder moralischer halte als andere Menschen, und dass ich daher nicht erkennen könne, warum sie besonders prädestiniert seien, sich mit ihren Ratschlägen in politische Prozesse einzumischen. Das habe ich gesagt, obwohl ich Grass viel verdanke, nämlich den Döblin-Preis, den er persönlich, das heißt aus seinem Vermögen, gestiftet hat.

Inzwischen sehe ich das anders, und auch das konnte ich ihm - glücklicherweise - noch sagen. Nicht, dass ich plötzlich der Meinung wäre, Schriftsteller seien klüger oder moralischer. Aber dass es angesichts der offensichtlichen Ignoranz der politischen Klasse, angesichts ihres immer fester werdenden Bündnisses mit dem Finanzkapital, angesichts des Friedens, den anscheinend der Großteil der europäischen Mittelklasse mit dem Freihandelskapitalismus gemacht hat - dass es angesichts all dessen nötig und richtig sein kann, seinen Namen als Schriftsteller zu gebrauchen.

Meine Infragestellung seines Engagements war die Infragestellung eines Lebenskonzepts. Das hat ihn nicht gehindert, mich nach Lübeck einzuladen. Er war bissig, ohne rechthaberisch zu sein. Er hatte im Einzelnen gewiss oft unrecht, aber im Ganzen recht. Er war ein politischer Kopf und ein großer Schriftsteller, beides hat er verbunden und, was ebenso wichtig ist - getrennt. Ich verneige mich vor Günter Grass: vor dem Nobelpreisträger und vor dem Menschen.

Gerhard Steid l, Verleger

Bis zur letzten Minute seines Lebens hat Günter Grass geschrieben, gezeichnet, Bücher gestaltet. Vor wenigen Tagen war ich noch in Behlendorf, um mit ihm am Layout seines neuen Buchs "Vonne Endlichkait" zu arbeiten. Da war er leidenschaftlich und präzise wie immer. Es hat so großen Spaß gemacht, mit ihm Bücher zu machen. Zum einen weil er seine Texte selbst illustriert hat.

Er hat aber auch bei allen Produktionsschritten mitgeredet. Welcher andere Autor interessiert sich für die Art des Vorsatzpapiers? Grass hat das Papier ausgewählt, die Typo bestimmt, stand jedes Mal mit an der Druckmaschine und hat am Ende noch den Schutzumschlag selbst gezeichnet.

Er war ohnehin ein sehr handwerklicher Mensch. All seine Texte hat er zuerst mit der Hand geschrieben. Dann hat er das auf seiner Olivetti abgetippt und sich laut vorgelesen. "Gebrabbel" nannte er diesen Arbeitsschritt. Dreimal ging das so: abtippen, vorlesen, korrigieren. Dann erst gab er es in Druck. Ich konnte mich auf die Minute drauf verlassen, dass das Manuskript pünktlich im Verlag ankommt. An der Druckmaschine hat er jedes Mal gesagt: "Jetzt gehört es noch uns. Morgen geht es raus in die Welt und wir werden sehen, was die Leser sagen." Wir haben fast 30 Jahre zusammengearbeitet. 1985 habe ich eine Ausstellung seiner Radierungen und Lithografien in Berlin gesehen. Damals wusste ich nicht, dass er auch zeichnet und malt und habe keine Bücher über diesen Teil seines Schaffens gefunden. Ich schrieb ihm einen Brief: Ob er mir Literatur zu seinem grafischen Werk empfehlen könne. Drei Tage später antwortete er, dass sein Verlag leider keine Bücher der bildenden Kunst herausgebe. Ob ich eventuell interessiert sei. Im Jahr darauf haben wir "In Kupfer, auf Stein" gemacht, ein Werkverzeichnis seiner grafischen Arbeiten. So ging das los. 30 Jahre Zusammenarbeit. . . Als ich ihn letzte Woche in seiner Werkstatt besuchte, haben wir die Eröffnung des Günter-Grass-Archivs hier in Göttingen besprochen. Am 12. Juni wird das sein. Er wollte aus "Vonne Endlichkait" lesen. Es ging ihm noch sehr gut. Wie immer haben wir zum Abschluss der Arbeit einen Schnaps getrunken, einen Badischen Obstler diesmal. Am Freitag bekam er plötzlich starkes Fieber, das sich sehr schnell zu einer Lungenentzündung auswuchs.

Ich werde Günter Grass sehr vermissen. "Federleicht vogelfrei sein" heißt eine Zeile aus seinem neuen Buch. Das wünsche ich ihm.