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Reaktionen auf den Tod von Günter Grass:"Ich ahne schon, er wird mir fehlen"

Dagmar Leupold, Autorin

In einem meiner Lieblingsbücher von Günter Grass, dem Band "Grimms Wörter", setzt sich GG im Schlusskapitel mit den beiden anderen Gs - Wilhelm und Jacob Grimm - in ein Boot und rudert über den Neuen See. Von A wie Abschied nach Z wie Ziel ging die Fahrt, an deren Ende einer der Brüder seufzt: "ach, ziellos sein endlich . . ."

Jetzt darfst Du es sein, lieber Günter, aber, wie ich Dich kenne, wirst Du es nicht mehr als eine Pfeifenlänge bleiben und Dich in himmlische Belange ebenso einmischen, mit Grimm'scher und grimmiger Liebe zum Wort, wie in die weltlichen.

Vor gut zwei Monaten, Ende Februar, beim 10. Lübecker Autorentreffen, an dem ich seit vielen Jahren teilnehme, hast Du uns alle mit Deinem Schwung, Deiner Unermüdlichkeit, Deiner Neugier und Deiner Streitlust überrascht. Und uns fast alt aussehen lassen.

Wie alle in der Runde lasest auch Du aus noch nicht Veröffentlichtem vor, dieses Mal eine Ballade in Heine-Manier, mit sichtlichem Vergnügen am Gewetzten und am Witz, ein Witz, der auch in der Geschichte selbst liegt. Es geht in ihr um den indischen Faschisten Subhas Chandra Bose, der Indien von der Britischen Kolonialmacht befreien wollte, indem er es dem Deutschen Reich anschloss.

Eine echte Schauerballade, großer Applaus, und schnell war man nach der Lesung bei anderen, zeitgenössischeren Formen des globalen Wahnsinns. Wie immer bei Dir: weit ausholen, kenntnisreich erzählen, aber stets im Hier und Jetzt landen. Wenn die Brüder Grimm ein wenig rücken, sitzen wir alle im selben Boot.

Moritz Rinke, Autor

Günter Grass hat sich regelmäßig über die jüngeren Autoren geäußert, sie seien ihm zu unpolitisch, sie sollten nicht die Fehler der Weimarer Republik wiederholen und sich in privater Distanz halten. Und ich habe regelmäßig über diesen Vorwurf nachgedacht. Ich habe mir auch vorgestellt, ich sei Grass in jungen Jahren: Brandts Ostpolitik, die Demokratisierung der Republik, die Gruppe 47, Brandts große Rede auf dem Schriftstellerkongress etc., - wunderbar, aber zwischen dieser Zeit und den regelmäßigen Vorwürfen lag viel, sehr viel Zeit und auch eine Verwischung der übersichtlichen gesellschaftlichen Konfrontationen.

Trotzdem blieb Grass immer hartnäckig, lud junge Schriftsteller nach Lübeck ein, diskutierte. Mich hat das sehr beschäftigt. Irgendwann wollte ich ihm folgen, engagierte mich beim rot-grünen Regierungswechsel und übersah, dass es sogar eine Ächtung politischer Bekenntnisse im deutschen Feuilleton gab.

Grass stiftete an - und dann gab es Prügel. Dennoch glaube ich, dass dieser Mann recht hatte. Und dass ich langsam anfing, seine beharrlichen, oft sturen, gewiss auch eitlen und mächtig Lärm erzeugenden Mahnrufe und Donnerkanonen zu mögen, sogar zu ersehnen, zuletzt seinen Aufruf, jeder Bundesbürger solle doch Flüchtlinge zu Hause aufnehmen, ein echter Grass!

Er liebte Visionen, Gesellschaftstiraden, Großmetaphern - und vielleicht sind Großschriftsteller deshalb Großschriftsteller, weil ihre gewaltige Stimme manchmal größer als ihr Werk erscheint. Und er lebte unter uns Jüngeren zwischen kleinen Formdebatten und Innenschauen, zwischen Marktgetuschel und Mikroprosa. Ja, ich ahne schon, er wird mir fehlen.