Reaktion auf das Geständnis von Günter Grass:Heute kriegen sie uns

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Als die Amis durch die Vogesen kamen, standen wir längst am Rheinufer mit den Füßen im Grundwasser und schippten Schützengräben für die Wehrmacht, die in Bälde rechtsrheinisch erwartet wurde. Zungenkuss wurde vom verirrten Feuerstoß einer Mosquito erwischt, die eher einen Heeres-Lkw auf der Straße nach Kehl gemeint haben dürfte. Er war im Begriff, in ein Maisfeld zu kacken, und hatte die Hose schon in den Knien. Seine Bestattung war feierlich.

Des Menschen Gedächtnis ist mangelhaft. Ich weiß nicht mehr, warum wir damals ums Verrecken nicht in die Waffen-SS wollten. Fast glaube ich, wir haben es auch damals nicht gewusst. Es passte wohl einfach nicht mehr zu uns. Wir waren nicht mehr so ganz des Führers Jugend. Irgendwie waren wir missraten. Wir schwänzten Schule und HJ-Dienst, nachts lauschten wir unter Wolldecken verborgen den Feindsendern, wo Benny Goodman, Duke Ellington und Glenn Miller spielten, kurz, wir taugten nichts, oder sagen wir, Tauglichkeitsnachweise auf zivilerem Gebiet lockten uns mehr als Heldenbewährung.

Wir hatten das Zivile entdeckt, sogar das Zivilste: die Sehnsucht. Wonach, das wussten wir noch nicht, es war aber zu ahnen, es hatte etwas mit Freiheit zu tun, und die Synkopen aus Goodmans Klarinette und Armstrongs Trompete waren Signaltöne dorthin, Jude der eine, der andere ein Neger, wie sollte das zusammengehen mit der SS?

Gefallen im Endkampf um Crailsheim

Der Hosenmacher verschwand spurlos als "Volkssturmgrenadier" im Endkampf um Crailsheim. Bubu und ich, schon vom Ustuführer als halbe Deserteure betrachtet, wurden dort zu ganzen. An den Standgerichten und Menschenjagdkommandos der SS vorbei schlichen wir uns nach Hause.

Schon wieder war Sommer, und an zwei Tagen die Woche stand das von der US-Army besetzte Freibad auch den Deutschen offen. Knuffke tauchte wieder auf, aber nur mit einem Auge. So begutachteten wir fünfäugig die Mädchen, Bubu, Knuffke und ich. Eroberungen gelangen jetzt zügig. Wir fanden aber keine mehr wie Lore. Die suchen wir noch heute, zumindest im Traum.

Oliver Storz, Jahrgang 1929, ist Schriftsteller, Regisseur und Autor zahlreicher preisgekrönter Fernsehfilme über Themen der Zeitgeschichte wie "Drei Tage im April", "Gegen Ende der Nacht" und "Im Schatten der Macht".

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