Süddeutsche Zeitung

Rayk Wieland: "Beleidigung dritten Grades":Letztes Gespräch, ohne Worte

Lesezeit: 3 min

Ein gekränkter Mann geht bei Rayk Wieland seiner Obsession nach und versenkt sich in ein seltsames Ereignis: das letzte Duell, das in Deutschland ausgetragen wurde.

Von Harald Eggebrecht

Kaum zu glauben, wer alles sich einst mit mehr, weniger oder gar keinem Glück duelliert hat, Bismarck oder der unglückliche Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, Leo Tolstoi oder der große Alexander Puschkin, und viele mehr. Dabei hielten weder Puschkin noch Lassalle das Duell für etwas anderes als eine Art Mordversuch aus gekränkter Ehre. Ehre dieser Art, die mit angeblicher Beleidigung geschmälert werden kann, ist schon eine besondere Marotte übersteigerten Männlichkeitswahns, der ursprünglich aus den Händeln des mittelalterlichen Adels erwuchs. Der Kriminalassistent Sandler erklärt seiner Oberkommissarin Tannenschmidt die drei Grade des Beleidigtseins: "Ersten Grades, das ist einfach nur eine Unhöflichkeit, eine Verletzung der Umgangsformen... Der zweite ist eine Beschimpfung. Kraftausdrücke. Unterstellungen. Falsche Behauptungen." Die Kollegin wundert sich: "Dann hätten wir in Berlin jeden Tag tausend Duelle, wenn diese Regeln noch in Kraft wären..." So ist es, und dann gibt es ja noch den dritten Grad: "Schlag. Wobei auch die Berührung als Schlag gewertet werden kann. Ansonsten alles: Ohrfeigen, Stöße, Rempeleien. Und... Verführung einer Frau, Ehefrau, Geliebten, Schwester!" Dem Irrsinn sind keine Grenzen gesetzt.

Rayk Wieland, 1965 in Leipzig geboren, vielfach erprobt als Redakteur und Schriftsteller, gerät sein Roman "Beleidigung dritten Grades" zur Beschwörung einer Obsession: Der Antiquar Alexander Schill fühlt sich durch den Psychiater und Schlafcoach Oskar Markov, den erotischen Nachfolger bei seiner Ex-Geliebten Constanze Kamp, so unverzeihlich herausgefordert, dass er keine andere Lösung sieht als ein Duell. Markov zeigt diese wahrlich unzeitgemäße Forderung zum Duell bei der Polizei an. Oberkommissarin Tannenschmidt und ihr Assistent Sandler versuchen, in diese Groteske nachvollziehbaren Sinn zu bringen.

Schill hingegen hat sich tief in die Geschichte und Bedeutung des Duellwesens versenkt, um daraus immer neue Motive für sein aberwitziges Unterfangen zu gewinnen: "Ein Duell, so wie er es verstand, war nichts anderes als ein kurzes, letztes Gespräch zwischen zwei Leuten, die sich nichts zu sagen haben." Wieland und sein Antiquar begeben sich dabei, um es zu rekonstruieren, akribisch auch auf die Spuren des letzten Duells auf deutschem Boden, das 1937 in Hohenlychen stattfand zwischen dem Sonderberichterstatter des Völkischen Beobachter, Roland Strunk, der auch noch SS-Hauptsturmführer und Hitlers Lieblingsjournalist war, und dem persönlichen Adjutanten Baldur von Schirachs, Horst Krutschinna, der auch noch Obergebietsführer war.

Hohenlychen, etwa 50 Kilometer von Berlin entfernt, war ein weidlich von den Nazis kontaminierter Ort: Hier hatte in den Heilstätten der furchtbare SS-Arzt Karl Franz Gebhardt das Sagen. Dort ließen sich viele SS-Größen behandeln und nahmen Hohenlychen als eine Art Kurort wahr, während Gebhardt nebenbei mit KZ-Häftlingen etwa aus Ravensbrück und später auch in Auschwitz grausigste medizinische Versuche anstellte. Unter anderem dafür wurde er 1946 in Nürnberg beim Ärzteprozess zum Tode verurteilt und 1948 auch hingerichtet. Heinrich Himmler, enger Freund von Gebhardt, und Rudolf Heß, Leni Riefenstahl und den NS-Kulturfunktionär Ernst Schulte Strathaus und etliche andere NS-Chargen lässt Wieland bei Gesellschaftsabenden jener pervers mörderischen NS-Unterhaltsamkeit auftreten, wie es diverse Dokumente belegen. Die Männer mit anzüglichem Schmiss, die Damen von fataler Kessheit. Nachdem alle Vorbereitungen und Riten für den korrekten Ablauf dieses Ehrenhändels vorschriftsmäßig getätigt waren, kam es zum Duell, bei dem der als Hallodri verschriene Krutschinna den Hitler-Liebling Strunk erschoss. Der darüber empörte Hitler verbot daraufhin dergleichen Aberwitz grundsätzlich.

Wie Wieland nun das echte Duell, die Umstände, die zu ihm führten, und seine Protagonisten mit so bösem wie erhellendem Sarkasmus erzählt und mit dem fiktiven Duellwahn des monomanischen Antiquars Schill verknüpft, ja, beide Ebenen raffiniert ineinanderschiebt, macht den hohen Reiz dieses Buches aus. Mag man anfangs etwas schwer einsteigen, weil einem der Gedanke an Duelle wahrlich weit weg und tief in der Vergangenheit verschwunden zu sein erscheint, so fesselt der Roman umso mehr, wenn die idée fixe, die dieses Erzählwerk durchzieht, beim Leser zu wirken beginnt: Duellieren als konsequenteste Form eines ultimativen Gesprächs.

Während die Kommissare das Gefühl nicht loswerden, im Unwahrscheinlichen zu ermitteln, forscht Schill nach den Originalwaffen des Strunk-Krutschinna-Zweikampfes. Markov versucht geradezu tragikomisch die Absurdität des dennoch immer bedrohlicher näher kommenden möglichen Duells abzuwenden. Doch irgendwann, trotz der Arbeit der Kommissare, stehen sich Schill und Markov nächtens in einem Tunnel gegenüber und heben ebenjene ominösen Waffen von 1937.

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