Raubkunst Zwei Gesichter eines Herrn

Das Theatermuseum sucht in seinem Bestand nach Raubkunst, wird fündig in seinen Grafiken und stößt dabei auf die ambivalente Geschichte seines früheren Direktors Günter Schöne

Von Susanne Hermanski

Wer beim Stichwort Theatermuseum an Kostüme, Bühnenbilder und Programmhefte denkt, mag sich zunächst wundern, wenn er liest: Dem Deutschen Theatermuseum wurde Geld und eine befristete Stelle bewilligt, um in seinen Beständen nach Raubkunst zu forschen. Doch Susanne Da Ponte, die Konservatorin, und Claudia Blank, die Leiterin des Theatermuseums, das klein, aber fein am Hofgarten liegt, haben schon vor drei Jahren zwei wertvolle Blätter aus der grafischen Sammlung ihres Hauses an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Und die beiden Frauen wissen, dass es dabei nicht bleiben wird. "Wir überprüfen jetzt gezielt alle Ankäufe, die das Theatermuseum zwischen 1936 und 1939 im Auktionshaus Helbing und Weinmüller getätigt hat", sagt Da Ponte.

Aus diesem Zusammenhang stammten auch die beiden Blätter die 2014 restituiert wurden: eine Kohlezeichnung und eine Lithografie, die nach dem Vorbild der Zeichnung entstanden war. Beide zeigen das Porträt des Tenors Ranunzio Pesadori. Des Sängers Ruhm mag heute verblasst sein, der Ruf der Sammlung Berolzheimer ist es nicht; in den Dreißigerjahren klang er in Münchner Kunsthistoriker-Kreisen wie Donnerhall. Schließlich war der wohlhabende Sohn von Fürther Bleistiftfabrikanten Mitglied der Ankaufkommission der Staatlichen Graphischen Sammlung und der Alten Pinakothek. Berolzheimer organisierte mäzenatische Spenden für die Ankäufe der Museen, stiftete zugunsten der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und sammelte selbst. Michael Berolzheimer war Jude und floh erst spät, 1938, in die Schweiz. Die Enteignung seines Privatbesitzes ging damit einher.

Beide Bilder zeigen den Tenor Ranunzio Pesadori. Die Lithografie von Ernst Oertel (re.) entstand nach dem Vorbild der Kohlezeichnung von Louis Letronne (li.). Dass beide Blätter erhalten sind,steigert den Wert. Das Theatermuseum hat sie 2014 an die Erben Michael Berolzheimer restituiert.

(Foto: Deutsches Theatermuseum)

Wer als Fachmann im München der Zeit der "Arisierungen" bei einem Auktionator wie Weinmüller kaufte, wusste sehr wahrscheinlich um die Umstände, unter denen der Händler an seine Ware gekommen war. Für das Theatermuseum kaufte in dieser Zeit Günter Schöne, dessen damals brandneue Direktor. Er ist bis heute ein angesehner Mann der Theaterwissenschaft, leitete das Museum bis 1971. Claudia Blank kannte ihn noch persönlich.

An Schönes Verhalten lässt sich ablesen, wie doppelbödig vieles war, was in der NS-Zeit und in den Nachkriegsjahren abgelaufen ist. Günter Schöne (1904-1986) war erst 1937 offiziell in seine Position gekommen - und im selben Jahr in die Partei eingetreten. Dabei, das lässt sich im Jubiläumskatalog des Museums im Text von Babette Angelaeas nachlesen, hatte die Übergabe zwischen ihm und seinem Vorgänger Franz Rapp (1885-1951) schon zwei Jahre zuvor in größter Hektik vonstatten gehen müssen. Rapp war mit einer Jüdin verheiratet und wurde von den Nationalsozialisten per "Amtsenthebung" im Herbst 1935 abgesetzt. "Meinen Nachfolger habe ich dann noch eingewiesen, so gut das in knapp fünf Tagen ging", zitiert ihn Angelaeas aus einem späteren Brief. Am Tag sechs reiste Rapp bereits ab in die USA. Schöne war bis dato Rapps wissenschaftlicher Assistent gewesen. Den konnte Rapp gut gebrauchen. Schließlich war das Museum nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Kuddelmuddel des üppigen Nachlasses der Theaterdiva Clara Ziegler entstanden, mit Sitz in deren ehemaliger Villa in der Königinnenstraße. Rapp aber hatte den Ehrgeiz, neben der Kollektion mit Schauwerten fürs Publikum auch eine seriöse Sammlung aufzubauen, die Forschungszwecken genügte.

Schöne führte diese Vision Rapps fort. Besonders liebevoll pflegte er den Porträtbestand. München verfügt heute über einen der größten der Welt unter den Theatersammlungen. Warum und mit welchem Gefühl im Bauch er 1939 die Blätter mit dem Porträt der Tenors bei Weinmüller kaufte, lässt sich nicht klären.

1940 wurde Schöne eingezogen. Seine Heimaturlaube verbrachte er damit, die Sammlung in Kisten zu verpacken und nach Andechs zu schicken. Soweit er es noch schaffte. Bei Bombenangriffen verbrannten 25 Prozent der Bestände, die zum Teil in einer Dependance des Museums in der Residenz lagen, und die Zieglersche Villa obendrein.

Franz Rapp

"Meinen Nachfolger habe ich noch eingewiesen, so gut das in knapp fünf Tagen ging."

Nach Kriegsende zog Schöne mit der Sammlung zunächst in die Arcisstraße 8, zum Central Collecting Point, wo die Alliierten in den alten NSDAP-Gebäuden ihre Sammelstellen für die Raubkunst eingerichtet hatten. Schöne verkaufte das Grundstück in der Königinstraße, finanzierte damit den Ausbau neuer Räume am Hofgarten. Und er schrieb Briefe. An Franz Rapp. Im Januar 1947 bot er seinem Vorgänger seine Stelle wieder an. Sie stünde ihm nach Lage der Nürnberger Gesetze doch zu, schreibt Schöne: "Den Referenten im Kultusministerium habe ich schon vor einem Jahr darauf aufmerksam gemacht." Rapp verzichtete. Doch Schöne schien er nicht gram zu sein. "Rapp, der in den USA weiter gesammelt hatte, bot Schöne später sogar an, seinen Nachlass an das Münchner Theatermuseum zu stiften", sagt Susanne Da Ponte. "Der lehnte dies aber ab. Warum, ist uns nicht bekannt."

Da Pontes Kollegin, die Kunsthistorikerin Manu von Miller, kann nun dank der neu geschaffenen Stelle im Mai 2018 ihre Arbeit aufnehmen. Bis 2020 soll sie rund 300 weitere theaterhistorische Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Bestand auf mögliche Restitutionen untersuchen. Sieben Handzeichnungen haben Susanne Da Ponte und Claudia Blank schon selbst als solche identifiziert. Die kaufte Schöne ebenfalls 1939, und sie gehörten dem jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändler Siegfried Lämmle.