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Raubkunst:Schnellste Aufklärung?

Werke aus der Gurlitt-Sammlung

Eines der ersten Gemälde aus dem Besitz von Cornelius Gurlitt, das als Raubkunst restituiert wird: "Zwei Reiter am Strand" (1901) von Max Liebermann.

(Foto: dpa)

Im Fall Gurlitt werden die ersten Restitutionen stolz vermeldet. Doch die Zweifel an der Taskforce bleiben, viele Werke hätten längst vom Verdacht "Raubkunst" befreit werden können.

Gute Nachrichten: Eineinhalb Jahre nachdem die Öffentlichkeit von dem Bilderfund bei Cornelius Gurlitt erfuhr, stehen die ersten beiden Restitutionen bevor. Henri Matisse' Gemälde "Sitzende Frau" und Max Liebermanns "Zwei Reiter am Strand" sollen demnächst an die Nachfahren der jüdischen Vorbesitzer zurückgegeben werden. Schließt sich damit nun ein Kapitel "Raubkunst", das mit dem Fund des "Schwabinger Kunstschatzes" als Skandal begann? Damals wurde öffentlich, dass der Sohn des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt sein Erbe - mehr als 1500 Werke - in einer Schwabinger Wohnung hortete. In vielen Medien wird die Rückgabe jetzt als Bestätigung dafür präsentiert, dass Deutschland seit der Gründung der Taskforce im Fall Gurlitt alles richtig macht. Doch das ist nicht der Fall.

Der im November 2013 berufenen Taskforce gehört ein Gremium internationaler Experten für Provenienzforschung an. Dennoch steht sie seit Längerem in der Kritik der Medien, auch international: für ihre Geheimniskrämerei, für ihren wenig einfühlsamen Umgang mit den Anspruchstellern, für ihre umständliche Organisation. Als die Taskforce ihre Arbeit aufnahm, versprach deren Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel: "Wir arbeiten so schnell wie möglich." Heute, mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Arbeit, sind von rund 500 Werken ohne sichere Provenienz lediglich drei zweifelsfrei als Raubkunst identifiziert, werden also zurückgegeben. Sieht so schnellstmögliche Aufklärung aus?

Die Zweifel haben in den vergangenen Wochen neue Nahrung bekommen. Als bekannt wurde, dass die Taskforce ein umfangreiches Konvolut von Verträgen, Fotos, Briefen und Geschäftsunterlagen von Hildebrand und Cornelius Gurlitt, insgesamt 25 000 Seiten, weder gesichtet, noch ausgewertet hat. Die Familie von Cornelius Gurlitt hatte angekündigt, diese Unterlagen im Netz zu veröffentlichen - damit war die Nachricht in der Welt.

Der Betreuer fand die Dokumente unter Müll, Kunstwerken und Unrat

Christoph Edel war im Herbst 2013 als Cornelius Gurlitts Betreuer eingesetzt worden und hatte die Dokumente in dessen Salzburger Haus sichergestellt. Sie lagen dort zwischen Müll, Kunstwerken und Unrat. Der Betreuer ließ die Dokumente säubern und verwahren. Mit der Sichtung und Erfassung in einer Datenbank beauftragte er den Dokumentarfilmer Maurice Philip Remy und etwa zehn weitere Experten. Mit dem Tod Gurlitts am 6. Mai 2014 endete das Mandat Edels und die Arbeit von Remys Team. Seither hat sich niemand mehr mit dem Material beschäftigt, erst vergangene Woche ließ die Taskforce die Dokumente abholen.

Nun hat die SZ das Material einsehen können: Es wäre bei der Rekonstruktion der Provenienzen von größtem Wert, vor allem die ungefähr 2000 Fotografien der Werke. Hildebrand Gurlitt brauchte sie wohl, um Kunden sein Angebot vorzuführen. Auf den meisten Rückseiten sind Titel und Maße vermerkt, auf manchen eine komplette Expertise, die klärt, ob es sich etwa um einen echten Monet handelt. Das Material aus Salzburg macht beispielsweise aus dem "Portrait eines Unbekannten" das "Portrait de l'artiste" von Louis Leopold Boilly. Das hilft, wenn man als Nachfahre emigrierter Juden nur weiß, dass den Großeltern einmal ein Werk dieses Künstlers gehörte - wenn Name und Titel fehlen, scheitert jede Recherche.

Warum ordnete Taskforce-Chefin Berggreen-Merkel nicht schon längst die Sichtung der Salzburger Bestände an? Der Katalog der Versteigerung der Sammlung von Georges Viaud bei Drouault in Paris kann beispielsweise gleich mehrere Werke, die in der Raubkunstdatenbank Lostart aufgeführt sind, vom Verdacht "Raubkunst" befreien. Der Sammler Georges Viaud war nicht jüdisch und kein Emigrant. Im Katalog hat Hildebrand Gurlitt viele Lose der Viaud-Versteigerung mit Kreuzen und Kringeln markiert, Hinweise auf Werke, die er in Paris gekauft hatte. Ähnlich aussagekräftig ist die Liste eines französischen Sammlers von Zeichnungen, des Industriellen Roger Delapalme, ebenfalls kein Jude, kein Emigrant. 34 Blätter kaufte Hildebrand Gurlitt damals an, viele davon sind als fragwürdig bei Lostart veröffentlicht.

Hätte man die Salzburger Unterlagen erschlossen, hätte man womöglich die Herkunft Hunderter Kunstwerke zweifelsfrei klären können und sie entweder vom Makel Raubkunst befreien - oder die rechtmäßigen Besitzer ermitteln können. Ausgerechnet die jetzt angekündigte Restitution hätte womöglich auch schneller vorbereitet werden können. Wer Informationen zu Henri Matisse' Gemälde "Sitzende Frau" suchte, hätte in Salzburg leicht den Entwurf zu einem Brief finden können, in dem Cornelius Gurlitt andeutet, dass es sich um Raubkunst handelt: "Liebe Mami und liebe Benita", beginnt das Schreiben in schnörkeliger, blauer Tintenschrift, in dem Cornelius Gurlitt Schwester und Mutter mitteilt, dass ein enger Vertrauter des Vaters zu Vorsicht im Umgang mit dem Gemälde rät. "Er wußte ja auch dass der M vorerst nicht verkauft werden soll, obgleich ich davon garnichts wußte von Papi oder so." "M", das ist in dem Entwurf noch zu erkennen, ist der "Matisse". Aus Vorsicht hat Cornelius Gurlitt den Namen ausgestrichen.

Warum wurden diese Unterlagen ignoriert? Zumal mehrere Mitarbeiter der Taskforce sagen, sie hätten mehrfach nachgefragt, ob im Salzburger Haus keine Dokumente gefunden wurden. "Die Antwort von Ingeborg Berggreen-Merkel war, dass dort nichts sei", erinnert sich eine renommierte Forscherin: "Warum sollte sie uns anlügen?" Auch Gurlitts Nachlasspfleger Stephan Brock bestätigte auf Anfrage der SZ, dass Berggreen-Merkel - anders als sie es den Provenienzforschern versichert hatte - die Dokumente nie angefordert hatte.

Doch statt das Versäumnis einzugestehen, starten Taskforce und Kulturstaatsministerium nun einen Angriff auf Gurlitts ehemaligen Betreuer Edel und den Filmemacher Remy. Trotz Edels wiederholter Hinweise auf die Dokumente gegenüber der Leiterin der Taskforce wird ihm nun vorgeworfen, er habe die Akten "in seinem Verfügungsbereich behalten". Remy wird bezichtigt, er habe für die Herausgabe der Dokumente eine halbe Million Euro verlangt. "Nach unserem Kenntnisstand wurden diese Dokumente dem Nachlass und damit der Taskforce bewusst vorenthalten", sagt auch Matthias Frehner, der Direktor des Kunstmuseums Bern, der SZ. "Damit wurde die Arbeit der Taskforce wohl erheblich behindert." Und das, obwohl Frehner am 6. Juni 2014 und in einer späteren Mail von Edel von der Existenz der Dokumente informiert wurde.

Das Kulturstaatsministerium will nun ein Buch über Gurlitt verhindern

Auch Berggreen-Merkel, so schreibt ihr Sprecher Matthias Henkel auf Nachfrage, "erfuhr von dieser Menge und Qualität der Unterlagen . . . erst in diesem Monat aus den Medien." Dabei sei sie am 30. Juni 2014 von Edel in dessen Münchner Kanzlei genau über den Umfang der Dokumente unterrichtet worden, so Edel. Am 14. Juli 2014 erinnerte Edel Berggreen-Merkel erneut an den "Salzburger Sammlungsteil". Berggreen-Merkel sei die betreffende Mail "seinerzeit nicht zur Kenntnis gekommen", erklärt Henkel, weil es "Probleme mit der IT gab". Berggreen-Merkel wollte sich zu dem Sachverhalt trotz wiederholter Nachfrage bis Redaktionsschluss nicht äußern.

Hagen Philipp Wolf, der Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, beschuldigt Edel stattdessen in einem Schreiben an die SZ des Vorenthaltens "aller oder gar der meisten" Unterlagen. Günter Winands, Ministerialdirektor im Kulturstaatsministerium, droht in einem Brief an den Nachlasspfleger Brock sogar mit Schadenersatzforderungen. Winands bittet Brock, beim Heyne Verlag zu intervenieren, um eventuell die für Mai geplante Veröffentlichung eines Buchs von Remy zu verhindern. Darin verarbeitet er Erkenntnisse aus der Arbeit für Edel. Eine juristisch stichhaltige Begründung dafür gibt es nicht. Will man von den Versäumnissen der Taskforce ablenken?

Berggreen-Merkel war auf dem Höhepunkt des Gurlitt-Skandals von Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingesetzt worden, um Kontakt zum greisen Cornelius Gurlitt aufzubauen, ihn zur Restitution zu überreden oder womöglich für eine Stiftung seines Erbes zu gewinnen. Und eben jene Expertenkommission zu berufen und zu leiten. Dabei fehlen ihr als Juristin offenbar Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich Kunstgeschichte, Kunstmarkt und Provenienzforschung. In der Taskforce gibt es Wissenschaftler, die sagen, Berggreen-Merkel sei "für diese Aufgabe nicht geeignet".

Für Berggreen-Merkel zählte offensichtlich einzig, dass der Eindruck einer zielstrebigen, zügigen Aufarbeitung erhalten wurde, dass die Bundesrepublik nicht weiter als ein Land gilt, das mit seinem braunen Erbe nicht umgehen kann. Doch nur ein Bruchteil der Sammlung ist aufgearbeitet, die Erben beschweren sich über schleppende Restitutionen - und Vertreter der Bundesregierung konkurrieren nun in der Wahrheitsfindung mit privaten Historikern. Wo doch gerade Berggreen-Merkel bei ihrer Berufung versprochen hatte: "Die Wahrheit kennt keine Konkurrenz."

Die jüngste Wende: Das Amtsgericht München hat den Antrag der Cousine Gurlitts auf einen Erbschein abgewiesen. Damit geht die Sammlung an das Kunstmuseum Bern. Die Familie hat einen Monat Zeit, dagegen Beschwerde einzulegen.