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Raubkunst:Komplett mit Mumie

150305 BUDAPEST March 5 2015 A Chinese Buddha statue with the mummified body of a Buddhist

Die Buddha-Statue, die im Inneren die Mumie eines Mönchs enthält, wurde wohl aus dem Tempel des Dorfes Yangchun gestohlen.

(Foto: imago/Xinhua)

Der Streit zwischen einem Sammler und einem Dorf in China um eine Buddha-Statue offenbart, wie das Land um sein Kulturgut kämpft. Das meiste wurde allerdings nicht von Kolonisatoren gestohlen - sondern von Dieben.

Im Dezember 2018 sorgte das Urteil eines Amsterdamer Gerichts in China für Enttäuschung. Vertreter eines chinesischen Dorfes hatten versucht, einen niederländischen Sammler gerichtlich zur Rückgabe einer 1000 Jahre alten Buddhastatue zu zwingen. Doch die Klage wurde wegen eines Verfahrensfehlers abgewiesen.

Der Fall steht exemplarisch für das weltweite Problem des Schmuggels von Kulturgut. Auch China ist davon betroffen, auch wenn es das öffentlich nicht zugibt. Seit über 20 Jahren arbeitet China daran, kulturelles Erbe aus dem westlichen Ausland zurückzuholen. Dabei war dem Land jedes Mittel recht, sei es Rückkauf auf Auktionen, wirtschaftliche Deals oder juristische Mittel. Jedes der insgesamt 150 000 repatriierten Artefakte wurde als Wiedergutmachung der einstigen Demütigung durch die westlichen Kolonialmächte gefeiert. Dabei ist der Großteil davon Schmuggelware, die erst in den letzten 30 Jahren von chinesischen Kriminellen gestohlen und auf illegalen Wegen außer Landes geschafft wurde. Der in Amsterdam verhandelte Fall offenbart nicht nur die Probleme im Kampf gegen den Kunstschmuggel sondern auch das doppelte Spiel Chinas.

Van Overeem zahlte 40000 Gulden, nicht ahnend, was für einen Schatz er gekauft hatte

Hauptfigur in diesem Krimi ist eine vergoldete Buddhastatue im Lotussitz. Der niederländische Architekt und Asiatika-Sammler Oscar van Overeem erwarb die menschengroße Statue 1996 auf einer Geschäftsreise in Hongkong von einem Freund. Das Objekt sollte angeblich aus der Song-Zeit stammen und damit über 1000 Jahre alt sein. Van Overeem zahlte dafür 40 000 Gulden; was für einen Schatz er tatsächlich gekauft hatte, konnte er nicht ahnen. 2012 sollte die Statue in einer Ausstellung gezeigt werden. Zu diesem Zweck ließ van Overeem sie in einem Labor reinigen. Beim Öffnen der Unterseite machten die Wissenschaftler eine spektakuläre Entdeckung: Unter einem vergilbten Gazestoff kamen menschliche Überreste zum Vorschein. Ein CT-Scan enthüllte ein vollständiges Skelett eines Mannes im Lotussitz im Innern der goldenen Hülle - ein Sensationsfund! Analysen ergaben, dass die mumifizierte Person tatsächlich um 1100 gestorben war. 2014 wurde die Mumie im niederländischen Drents Museum ausgestellt, danach wanderte sie nach Budapest, wo 2015 im Naturhistorischen Museum eine große Mumienausstellung gezeigt wurde. Die inzwischen berühmte "Buddha-Mumie" war Mittelpunkt der Schau. Internationale Medien berichteten darüber, ebenso die chinesische Presse.

Auch die Bewohner des Dorfes Yangchun in der chinesischen Provinz Fujian sahen einen Fernsehbericht über die Ausstellung und gerieten in helle Aufregung. Sie glaubten, in der Buddha-Statue ihren seit 20 Jahren verschollenen Dorfheiligen Zhang Gong zu erkennen. Sofort schickten sie sechs Gesandte nach Budapest, um die Statue in Augenschein zu nehmen. Sie versuchten den Besitzer zu kontaktieren. Nur zwei Wochen danach und Monate vor Ausstellungsende holte Oscar van Overeem die Leihgabe in die Niederlande zurück. Die Dorfgemeinschaft schickte offene Briefe mit der Forderung zur Rückgabe. Van Overeem verlangte Beweise. Also sammelten die Dorfbewohner Belege und stellten einen neunseitigen Katalog zusammen.

Das Dokument beschreibt unter anderem, wie vor 1000 Jahren ein einfacher Mönch die Erleuchtung zum Buddha erlangte, wie gütig und selbstlos er war und wie er mit seiner Heilkunde das Dorf vor der Pest rettete. Er wurde nach seinem Tod mumifiziert und in einer goldenen Hülle in einem Tempel aufgestellt, den das Dorf ihm zu Ehren errichtet hatte.

Der für die Dorfbewohner zentrale Beweis ist eine Inschrift im steinernen Kissen, auf dem die goldene Statue platziert ist. Die Inschrift besagt: "Im Puzhao Tempel wird der hochverehrte Zhang Gong mit dem unversehrt erhaltenen Körper angebetet". Das letzte Kapitel des Beweiskatalogs berichtet vom Traum des Lin Kaishu. Dieser junge Mann hatte nach dem Verschwinden der Statue 1995 jahrelang die Umgebung nach ihr abgesucht. Eines Nachts erschien ihm Zhang Gong im Traum und sprach zu ihm: "Ich werde in 20 Jahren zurückkehren."

Und tatsächlich: genau 20 Jahre später tauchte die Statue in Budapest auf. Die Hoffnung der Dorfbewohner war groß, denn die Prophezeiung schien wahr zu werden. Doch sie wurden enttäuscht. Van Overeem gab die Statue nicht zurück. 2016 landete die Angelegenheit vor dem Amsterdamer Gericht. Im Laufe des Prozesses soll es immer wieder zu Annäherungen der Parteien gekommen sein. Mal soll der Sammler zugesichert haben, die Statue zurückzugeben, mal soll er für die Rückgabe 20 Millionen Dollar für die CT-Scans, die Instandhaltung und Lagerung der Statue verlangt haben. Schließlich erklärte van Overeem, der Buddha befinde sich gar nicht mehr in seinem Besitz. Er habe ihn bei einem chinesischen Sammler eingetauscht. Jedenfalls wisse er nicht, wo sich die Statue nun befinde und könne auch die Identität des Tauschhändlers nicht preisgeben.

Der Prozess endete mit der erwähnten Abweisung der Anklage. Die schwer nachzuvollziehende Begründung lautete: Die Dorfbewohner seien keine juristische Person. Li Zhen, der Vertreter des Dorfes, meint gegenüber der SZ in einer Email, er könne das Urteil nicht nachvollziehen. Wieso habe man das Dorf nicht schon früher darauf hingewiesen? Alle Versuche der SZ, Oscar van Overeem zu erreichen, blieben erfolglos. Seine letzte Äußerung zu diesem Fall findet man im Januar 2019 in der niederländischen Presse. Er sei zu Unrecht als "unbarmherziger und rücksichtsloser Kerl" dargestellt worden und wolle nun zwischen dem neuen Besitzer und der Dorfgemeinde vermitteln. Li Zhen erklärt, er wisse nichts von diesen Versuchen.

China hat mit 22 Staaten Abkommen geschlossen, Deutschland ist nicht dabei

In den Dokumenten von Li Zhen fehlt die entscheidende Information: die Umstände des Verschwindens der wertvollen Statue. Laut Angabe des Anwalts der Dorfgemeinschaft wurde die Reliquie bei Nacht und Nebel aus dem Dorftempel gestohlen. Plünderungen von schlecht bewachten Tempeln, Gräbern und Provinzmuseen stellen in China schon lange ein Problem für das Amt für Kulturerbe (NCHA) dar. Kriminelle wissen um die Nachfrage nach Asiatika im Westen. Der größte Schwarzmarkt soll sich in Hongkong befinden.

Van Overeem hat immer beteuert, dass er die Statue legal erworben habe - wohlgemerkt in Hongkong und genau ein Jahr nach dem Diebstahl. Die deutsche Rechtslage nach §935 BGB sieht vor, dass Hehlerware zurückgegeben werden muss, auch wenn der Käufer im Moment des Kaufs nichts davon gewusst hat. Der Kaufvertrag ist zwar gültig, allerdings ist die Übertragung des Eigentums unwirksam. Derjenige, dem das Objekt gestohlen wurde, bleibt unabhängig vom Kaufvertrag Eigentümer und kann die Rückgabe des Objekts verlangen. Dafür muss nachgewiesen werden, dass es sich um Diebesgut handelt. Im Falle der Buddha-Mumie ist das Amsterdamer Gericht nicht auf die Beweise eingegangen. China ist nicht allein mit dem Problem des illegalen Handels von Kulturgütern. Die Unesco schätzt, dass der Kunstschmuggel weltweit mit circa fünf bis sieben Milliarden Euro Umsatz die drittgrößte Einnahmequelle des organisierten Verbrechens ist, nach dem Schmuggel von Drogen und Waffen. Doch das internationale Recht bietet keine verbindlichen Regelungen zur Eindämmung. Da gibt es die Unesco-Konvention von 1970, die mittlerweile 140 Staaten ratifiziert haben. Sie wurde als völkerrechtliches Instrument zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Kulturgut aufgesetzt und sieht einen Rückgabeanspruch vor. Der Haken daran ist, dass die Rückgabe auf gutem Willen basiert und nicht verpflichtend ist. Da diese Konvention nur die zwischenstaatliche und nicht die privatrechtliche Ebene betrifft, wurde 1995 die Unidroit-Organisation ins Leben gerufen, die zum Ziel hat, unterschiedliche Rechtsordnungen insbesondere beim Privat- und Handelsrecht zu harmonisieren. Auch hier gibt es einen Haken: Nicht alle Staaten, die die Unesco-Konvention ratifiziert haben, sind auch Mitglied der Unidroit. Deshalb hat China in den letzten Jahren mit 22 Staaten bilaterale Abkommen abgeschlossen, die eine Rückgabe von Kulturgütern aus Grabplünderungen, Schmuggel und Diebstählen beinhalten. Die USA und Italien sind dabei — Deutschland und die Niederlande nicht.

Treibende Kraft ist das staatlich gesteuerte und finanzierte Amt für Kulturerbe (NCHA). Chinas Regierung feiert jede Rückholung, jede Schenkung, jeden Deal als späten Triumph über die ehemaligen Kolonialmächte des Westens. Diese haben im ausgehenden 19. Jahrhundert die Paläste geplündert, doch nun ist China weltpolitisch und wirtschaftlich in der Lage, den Status umzukehren. Das Volk soll sehen, dass die ehemaligen Kolonialherren und Invasoren nun vor China den Kotau machen. Die Strategie kulminierte im vergangenen Herbst in der großen Jubiläumsausstellung im Nationalmuseum, wo über 600 zurückgeholte Kulturschätze präsentiert wurden.

Der nationalistische Pomp dient aber auch dazu, zwei Tatsachen zu vertuschen: Zum einen war es in Wahrheit China, das einen hohen Preis für die Rückführungen zahlte: in Form von Geld, wirtschaftlichen Begünstigungen oder der Vergabe von lukrativen Genehmigungen für Firmensitze. Es flossen in jedem Fall erhebliche Gegenwerte. Der Fall der Buddha-Mumie mag auch daran gescheitert sein, dass nicht die staatliche NCHA die Klägerin war sondern die Dorfgemeinde, die dem Sammler keine finanziellen Deals anbieten konnte.

Zweitens wurden in der chinesischen Kulturrevolution (1966-76) mehr Kulturschätze von eigenen Landsleuten zerstört als im vorigen Jahrhundert durch Invasoren ins Ausland verschleppt. In den verheerenden zehn Jahren wurden nicht nur materielle Schätze vernichtet, sondern auch die Wertschätzung der eigenen Kultur. Und genau das ist das eigentliche Problem: Wo mit viel Geld und Diplomatie Erbe zurückgeholt wird, sickern auf der anderen Seite unzählige Kulturgüter von unschätzbarem Wert durch schnöden Diebstahl und Schmuggel aus dem Land.

© SZ vom 18.04.2020

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