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Rassistischer Academy Award?:Weißer Oscar

Chris Pine and Cheryl Boone Isaacs announce the nominees for the 87th Academy Awards in Beverly Hills, California

Nur bei der Bekanntgabe der Nominierungen war das Bild so ausgewogen: Den Oscars wird Rassismus vorgeworfen. Im Bild Schauspieler Chris Pine und die Academy-Präsidentin Cheryl Boone.

(Foto: REUTERS)

Die nominierten Schauspieler sind alle weiß, das Bürgerrechtsdrama "Selma" über Martin Luther King wurde fast ignoriert - die Oscars haben ein Problem. Sind die Wähler heimliche Rassisten, die im anonymen Kollektiv des Academy Awards ihr wahres Gesicht zeigen?

Von Tobias Kniebe

Ende Dezember werden die Stimmzettel innerhalb der Oscar-Academy verschickt: Wer Schauspieler ist, darf ankreuzen, wen er als besten Schauspieler nominieren will, wer Regisseur ist, schlägt die besten Regieleistungen vor, und so fort. Nur die Kandidaten für den besten Film wählen alle zusammen. Es ist eine geheime Abstimmung, jeder entscheidet für sich allein. Was in der Summe bei der Verkündung der Oscar-Nominierungen herauskommt, ist dann aber doch jedes Mal ein tiefer Einblick in die Gefühlslage der Filmbranche. Gerade weil vorab keine ausgewogene Konsensbildung möglich ist, steht Hollywood Mitte Januar plötzlich mit heruntergelassenen Hosen da.

In diesem Jahr etwa mochten die Schauspieler, bei weitem die größte Gruppe innerhalb der fast 6000 Academy-Mitglieder, die Afroamerikaner in ihren Reihen plötzlich gar nicht mehr - kein einziger wurde nominiert. Insbesondere nicht David Oyelowo, der bei Kritik und Publikum für seine Darstellung Martin Luther Kings in dem Bürgerrechtsdrama "Selma" groß gefeiert wird. Aktuell hat Barack Obama ihn und seine Mitstreiter zu einer Sondervorführung ins Weiße Haus geladen - fast so etwas wie das Prädikat "Besonders wertvoll". Auch mit dabei: "Selma"-Regisseurin Ava DuVernay, die in diesem Jahr die Chance gehabt hätte, als erste schwarze Frau ins "Best Director"-Rennen zu gehen. Hätte - denn ihre Regiekollegen ignorierten sie. Einzig bei der Gesamtwahl zum besten Film ist "Selma" nun vertreten, und in der Musiksparte beim "besten Song".

Noch weißer waren die Oscars zuletzt vor 17 Jahren

Sind die Wähler also doch heimliche Rassisten, die im anonymen Kollektiv ihr wahres Gesicht zeigen? So weiß wie diesmal waren die Oscars zuletzt vor siebzehn Jahren, wissen die Statistiker zu berichten, und auch die Frauenquote ist wieder einmal miserabel. Kein Wunder also, dass afroamerikanische Aktivisten wie Al Sharpton erbost reagieren: "Der Mangel an Vielfalt in der diesjährigen Auswahl ist empörend", erklärt er. Andere zitieren einen Report der Los Angeles Times aus dem Jahr 2012, nach dem 94 Prozent der Oscar-Wähler weiß sind, 77 Prozent männlich und 86 Prozent mindestens fünfzig Jahre alt.

Es ist schlichtweg nicht zu leugnen, dass dies bei der Oscar-Wahl immer wieder eine Rolle spielt. Im letzten Jahr, das bei den Nominierungen differenzierter war, siegte in der Gesamtwahl etwa der Film "12 Years A Slave", der den Leidensweg eines Mannes durch die Sklaverei beschreibt. Sein schwarzer Regisseur Steve McQueen konnte sich in seiner Sparte allerdings nicht durchsetzen, ebenso wenig wie der schwarze Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor. Immerhin gewannen noch zwei Afroamerikaner aus dem "12 Years A Slave"-Team - die weibliche Nebendarstellerin Lupita Nyong'o und der Drehbuchautor John Ridley.

Überwiegend weiß, überwiegend männlich

Was aber passiert, wenn sich die überwiegend weißen, überwiegend männlichen und ziemlich alten Academy-Mitglieder schließlich für einen besten Film wie "12 Years A Slave" entscheiden, oder dieses Jahr vielleicht für "Selma"? Dann heißt es aus einigen Ecken sofort wieder, das könne nur eine Wahl des schlechten Gewissens sein, da greife ein Schuldkomplex, es werde gerade nicht die reine künstlerische Leistung gewürdigt. Und schon ist der Preis entwertet, im Grunde zum Trostpreis degradiert.

Ein unüberwindliches Dilemma, das am Ende nur die Zeit lösen kann - in ferner Zukunft. Denn, um mit Martin Luther King zu sprechen: Der Traum ist natürlich eine Filmwelt, in der Gedanken an Rassenvorurteile und Trostpreis-Gefühle gar nicht mehr aufkommen können - weil Macht, Einfluss und künstlerische Möglichkeiten gleichmäßig über alle Gruppen und Geschlechter verteilt sind.

© SZ vom 17.01.2015/khil
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