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Rassismusdebatte:Lost in Translation

Man darf den US-Begriff "race" nicht mit dem deutschen Wort "Rasse" verwechseln: Ein interdisziplinäres Plädoyer deutscher Geistes- und Naturwissenschaftler für mehr Vernunft im Diskurs.

Ein Essay des Genetikers David Reich, erschienen am 23. März in der New York Times, löste eine heftige internationale Diskussion aus. Der Text mit dem Titel "How Genetics Is Changing Our Understanding of 'Race'" (Wie die Genforschung unser Verständnis von "Rasse" verändert) erntete sowohl Kritik als auch Zustimmung, auf die Reich in einem zweiten Artikel antwortete.

Reich schreibt über eine verbreitete Lehrmeinung; er nennt sie "orthodoxy" (Orthodoxie). Diese besage, dass genetische Unterschiede zwischen Menschen, die anhand "heutiger racial terms gruppiert" werden, in Bezug auf biologisch bedeutsame Merkmale gering seien, so gering, dass man sie ignorieren könne. Die "orthodoxy", so Reich, gehe noch einen Schritt weiter. Sie warne vor jeder Erforschung genetischer Unterschiede. Reich sieht darin die Sorge, dass jegliche Forschung zu genetischen Unterschieden zu "pseudowissenschaftlichen Argumenten über biologische Unterschiede" führen könne, so wie sie in der Vergangenheit zur Rechtfertigung von Verbrechen wie im Nationalsozialismus genutzt wurden.

Er als Genetiker aber, so Reich weiter, wisse, dass es nicht länger möglich sei, "durchschnittliche genetische Unterschiede" zwischen "races" zu ignorieren. Unklar bleibt, worauf sich "races" bezieht: Selbstzuordnungen - wie etwa im USA-Zensus üblich -, oder Fremdzuordnungen, die sich meist an äußeren Merkmalen orientieren, oder ein biologisches Konzept von "race". Das Wort "race" setzt er bei einigen, allerdings nicht bei allen Erwähnungen in Anführungszeichen.

Seither wird diskutiert, wie man Reichs Verwendung des Begriffs "race" sowie die Anführungszeichen verstehen soll. Viele Kommentatoren meinen, Reich habe ein Konzept von (überwiegend) genetisch bestimmten, biologischen Unterschieden zwischen "races" formuliert. Einige begrüßen dies, andere lehnen es als deterministisch, biologistisch, essenzialistisch oder sogar als rassistisch ab.

Dabei beruhen beide Lesarten mit großer Wahrscheinlichkeit auf einem Missverständnis. Die Lektüre weiterer Texte Reichs lässt darauf schließen, dass ihm die Problematik des Begriffs "race" als soziale Kategorie durchaus bewusst ist. Wenn man von einem differenzierteren Verständnis von "race" ausgeht, könnte man Reichs Aussage auch etwa so formulieren: Es sei nicht länger möglich, durchschnittliche genetische Unterschiede zu ignorieren, welche mit den Gruppenbezeichnungen korrelieren, die heute im US-Zensus als "racial terms" (oder als "ethnicities") von jedem US-Bürger als Eigenzuordnung bei behördlichen Erfassungen, Volkszählungen oder Umfragen angegeben werden. Das sagt aber nichts über Kausalbeziehungen zwischen genetischen Varianten und äußeren Merkmalen aus. Reich warnt zudem wiederholt vor Missbrauch genetischer Forschung zur Rechtfertigung von Rassismus.

WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen argumentierten, es gebe seit Jahrzehnten eine differenzierte Diskussion, vor deren Hintergrund Reichs Aussage undifferenziert und irreführend sei. Er habe diesen Diskussionsstand einfach ignoriert, um sich selbst als Tabubrecher inszenieren zu können, so die KritikerInnen.

Auch im deutschsprachigen Raum greift man diese Debatte auf, aber hier findet in den meisten Beiträgen eine bemerkenswerte Verschiebung statt. So wird das englische Wort "race" unversehens in das deutsche Wort Rasse übersetzt: eine "'Rassen'-Debatte" (Axel Meyer, FAZ) habe Reich ausgelöst, einen "Streit über Erbgut und Rassen" (Markus Schär, NZZ). Das hat er unserer Ansicht nach zumindest nicht absichtlich getan: Wir bezweifeln, dass er mit "races" das meint, was man auf Deutsch mit dem Begriff Rasse bezeichnet.

In den USA war "race" immer ein Begriff, der auch für den Kampf gegen Ungerechtigkeiten stand

Reichs umstrittene Kernaussage geben die zitierten Autoren zwar nicht direkt so wieder, dass sie die Auffassung von genetisch determinierten Unterschieden zwischen Rassen explizit bestätigt, ex negativo aber schon. Die "orthodoxe Meinung", so gibt Axel Meyer in der FAZ Reichs Aussagen wieder, habe sich durchgesetzt, "dass 'Rassen' lediglich ein soziales Konstrukt seien und keine biologische Realität haben". Reich habe sich "getraut", eine "unbequeme Wahrheit" anzusprechen, nämlich, "dass sozial konstruierte Rassenzuweisungen oft mit genetischen Unterschieden übereinstimmen." "Rassen" seien eben nicht nur "ein rein kulturelles Konstrukt", "sie spiegelten auch messbare Unterschiede wieder, die möglicherweise auch für physiologische und kognitive Unterschiede verantwortlich seien."

Autoren

Von Veronika Lipphardt (Wissenschaftsforschung)*, Anna Lipphardt (Kulturanthropologie)*, Amâde M'charek (Anthropologie, University of Amsterdam), Carsten Momsen (Rechtswissenschaften, FU Berlin), Peter Pfaffelhuber (Mathematik)*, Anne-Christine Mupepele (Umweltwissenschaft)*, Tino Plümecke (Soziologie)*, Jenny Reardon (Wissenschaftsforschung)*, Theresa Schredelseker (Entwicklungsbiologie)*, Mihai Surdu (Wissenschaftsforschung)*, Denise Syndercombe-Court (Forensische Genetik, King's College London), Matthias Wienroth (Wissenschaftsforschung, Newcastle University)

alle AutorInnen mit * sind an der Universität Freiburg tätig

Reich, so Markus Schär in der NZZ, wende sich gegen das "Dogma", das Konzept "biologischer Rassen" ließe sich nicht halten. Die von Schär angeführten Beispiele dienen dazu, möglichst viele Unterschiede zwischen Rassen hervorzuheben. Gegenbeispiele, Differenzierungen, Abwägungen sucht man in diesen Texten vergeblich Endlich, so werden manche schlussfolgern, dürfe man wieder über das sprechen, was ohnehin jeder auf der Straße sehen könne: Rassen gebe es eben doch, als biologisch begründete Unterteilung der Spezies Mensch.

Aber mit "race" und Rasse ist nicht dasselbe gesagt. Um das zu verstehen, muss man ihre vielen Bedeutungsebenen und deren Interaktionen berücksichtigen. Und das heißt auch, sie in ihrem jeweiligen Anwendungskontext - etwa für jedes einzelne Land oder für jedes Berufsfeld - zu betrachten.

Man sollte zunächst den Kernbegriff aus historischer Perspektive betrachten. Race und Rasse sind nicht ineinander zu übersetzen: Ihre Begriffsgeschichten verliefen keineswegs parallel und haben ihnen unterschiedliche Konnotationen eingeschrieben. In den USA hat die Geschichte des Sklavenhandels und die anhaltende Immigration eine enge Verwobenheit des Begriffs "race" mit Kämpfen gegen soziale Ungleichheit und rassistische Diskriminierung bewirkt. Die problematischen Aspekte des Begriffs sind in den USA anerkannt und werden vielseitig diskutiert. Der gesellschaftliche Widerstand gegen Kategorien, die als unzutreffend, deterministisch oder rassistisch zurückgewiesen wurden, hat immer wieder zu Revisionen der staatlichen Klassifizierungen zur Erfassung gesellschaftlicher Ungleichheit geführt. In den USA lebende Menschen sind es heute gewohnt, in vielen Kontexten ihre "race" oder "ethnicity" als Ausdruck von Selbstverortung in einer Community anzugeben.

Demgegenüber trägt das Konzept der Rasse, das in der deutschsprachigen Rezeption von David Reich so unbedarft angenommen wird, nicht die Komplexität von sozial bedeutsamen und selbst definierten Zuordnungen und auch keine Kämpfe um soziale Gerechtigkeit in sich. In Deutschland wird das Problem ethnisierender Stereotype, etwa in staatlichem Handeln, kaum systematisch thematisiert.

Auch der Umgang mit sogenannten Fremdzuschreibungen (im Gegensatz zu Selbstzuschreibungen), die Reich "today's racial terms" nennt, gestaltet sich in den USA anders als hierzulande. Dort wird öffentlich darüber debattiert, dass diese herkömmlichen Kategorien, mittels derer Menschen sich gegenseitig im Alltagsleben einer Gruppe zuordnen würden, statt "biologischen Realitäten" vielmehr sozial relevante Zuordnungen abbilden, die historisch wie kontextuell sehr wandelbar sind. So galten etwa Iren und Juden lange Zeit nicht als weiß. Im kommenden US-Zensus werden etliche asiatische Nationalitäten als "separate races" aufgeführt. Was Menschen auf der Straße zu sehen meinen, hängt davon ab, was sie aufgrund ihrer soziokulturellen Situation zu sehen gelernt haben: Bestimmte Unterschiede erscheinen bedeutungsvoll, andere werden übersehen oder uminterpretiert, aber selten werden solche alltäglichen Zuordnungen korrigiert. Würde man sie überprüfen, etwa anhand der Selbstzuschreibung einer Person oder gar genetischer Tests, würden sich in einigen Fällen überraschende Diskrepanzen ergeben.

Die Botschaft, "Rassen" oder "Ethnien" seien eine "biologische Realität", ist unverantwortlich

In Deutschland ist das öffentliche Bewusstsein dafür, dass natürlich erscheinende Zuordnungen unzutreffend oder fragwürdig sein können, gering. Dabei spiegeln die angeblich offensichtlichen Rassen, die mancher eindeutig sehen zu können glaubt, im Wesentlichen die Gruppierungsmuster wider, die im kollektiven Gedächtnis als "biologische" Einteilung gespeichert sind: Europäer, Afrikaner, Asiaten. Als vermeintlich biologisch einheitliche Gruppe werden auch Menschen betrachtet, die in den letzten Jahrzehnten eingewandert sind und von manchen noch immer als "fremd" wahrgenommen werden.

Der weitläufig verwendete Begriff "südländisch" fasst zum Beispiel eine unüberschaubare Vielfalt an Menschen aus verschiedensten Herkunftsregionen anhand einer wahrgenommenen Ähnlichkeit äußerlicher Merkmale zusammen. Entsprechend werden in der Alltagssprache noch immer, oft unreflektiert und ohne diskriminierende Absicht, Begriffe aus einem historischen Kontext verwendet, in dem Rasse ausschließlich biologisch und zudem rassistisch gemeint war. Zwar ist nicht jede rassistische Denkfigur auf das Dritte Reich zurückzuführen, aber gerade in dieser Zeit erfuhren solche Rassismen eine massive Verankerung in der Alltagssprache. Bis in die Neunzigerjahre fanden sie sich in deutschsprachigen Schulbüchern, Lexika und Sachbüchern. Dabei ist stets zu berücksichtigen, dass der nationalsozialistische Rasse-Begriff ein biologisch gemeinter war, kein soziologisch-kulturhistorischer. Dies prägt seine Verwendung in Deutschland bis heute.

Eine spezielle deutschsprachige Rezeption lässt sich auch beim Topos der vorherrschenden Meinung beobachten, die angeblich ein offenes Sprechen über Rasse unterdrücke (so Meyer und Schär; Reich schrieb hingegen, die "orthodoxy" unterdrücke das Sprechen über Forschung zu "durchschnittlichen genetischen Unterschieden"). In Deutschland finden sich aber keineswegs nur zwei gegensätzliche Lager, von denen eins behauptet, es gebe keine Rassen, und das andere, es gebe sehr wohl doch Rassen. Vielmehr gibt es, zum Teil gerade aus Sorge um Polarisierungen, ein reiches Spektrum an Sprechweisen. Man denke nur an die vielen beruflichen Kontexte, in denen ständig und unausweichlich Gruppenzuordnungen getroffen werden, wie etwa im medizinischen und juristischen Bereich, in der Polizeiarbeit oder in Verwaltungskontexten. Viele Menschen nehmen gegenüber der Frage, ob es Rassen gebe oder nicht, eine skeptische, unentschiedene, neugierige oder nachdenkliche Haltung ein, ohne in einem der beiden angeblichen Lager Position zu beziehen. Andere weisen entsprechende Aufklärungsangebote trotzig zurück; auch dies eine Folge der Emotionalisierung.

Die Kommunikation über dieses Thema ist also nicht mit einem Dogma oder gar Tabu belegt, welches ein differenziertes Sprechen über durchschnittliche genetische Unterschiede unmöglich machen würde. Zwar gelten in Deutschland aus historischen Gründen länderspezifische Sprachkonventionen zu diesem Thema, die von vielen als streng wahrgenommen werden. Die Sorge, wegen einer Äußerung von der einen Seite als "rassistisch" oder aber - von der anderen Seite - als "politisch korrekt" angegriffen zu werden, dürfte das Spektrum öffentlich hörbarer Meinungen tatsächlich stark einschränken. Dies bedeutet aber nicht, dass es ein einseitig gerichtetes Tabu gibt, das von einer sozialen Gruppe aufrecht erhalten wird, sondern, dass verständigungsorientierte Gespräche zum Thema "gesellschaftliche Vielfalt und Genetik" besonders schwierig zu führen sind. Von einer unterdrückten Wahrheit zu sprechen, ist völlig verfehlt.

Das Konzept der biogeografischen Herkunft ist kein verlässlicher Bezugspunkt für Definitionen

Die deutschsprachigen Kommentatoren feiern Reich dennoch als Tabubrecher, der einer von zwei entgegengesetzten Positionen zu ihrem Recht verhilft, und zwar der angeblich unterdrückten. Sie tragen damit zu einer Polarisierung bei, die auch in der Debatte um die Einführung erweiterter DNS-Analysen in Ermittlungsverfahren zu beobachten war: Deren Befürworter argumentieren, es sei durch die Analyse einer unbekannten DNS-Spur möglich, die sogenannte "kontinentale biogeografische Herkunft" jeder beliebigen Person vorherzusagen. Oftmals wird diese dabei mit "Ethnie", "Rasse" und sogar "Kulturkreis" gleichgesetzt. Die Botschaft, "Rassen" oder "Ethnien" seien eine "biologische Realität" und man könne sie an sichtbaren Merkmalen festmachen oder für jede Person "genetisch nachweisen", ist unwissenschaftlich und unverantwortlich. Aber in der Schnittmenge der beiden Diskurse werden viele genau das hören und als aktuellen Forschungsstand missverstehen.

Dabei gibt es zwischen den zwei Extrempositionen viel mehr, als den meisten LeserInnen vielleicht bekannt ist. Lebens-, Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen auf der ganzen Welt, darunter auch deutschsprachige, haben bereits ein differenziertes, wissenschaftlich informiertes Sprechen über genetische Vielfalt ermöglicht und bisher vergeblich versucht, diesem Gespräch in Deutschland mehr Raum zu verschaffen. Dabei zeichnet sich ein breiter, disziplinübergreifender Konsens darüber ab, dass durchschnittliche genetische Unterschiede zwischen Populationen manchmal schon, aber manchmal auch gar nicht mit einer selbst- oder von anderen zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit korrelieren. Das Konzept der biogeografischen Herkunft, das auf die geografische Herkunft der Vorfahren einer Person abzielt und sich im Bereich der Genealogie großer Beliebtheit erfreut, korreliert ebenfalls nicht verlässlich mit diesen gesellschaftlichen Konzeptionen.

Diese Komplexitäten, da ist man sich einig, lassen sich nicht auf simple Aussagen reduzieren. Sie stellen eine Chance für eine neue, um Verständnis bemühte Diskussion dar. Konsens ist auch, dass Menschen sich genetisch unterscheiden, und dass geografische Distanzen bei der Ausbildung einiger, aber nicht aller dieser Unterschiede eine Rolle gespielt haben. Wie die Unterschiede am besten geordnet, klassifiziert, beschrieben werden, für welche Ansätze das sinnvoll sein kann, und wie man höchst problematische Anwendungen verhindern kann, sind Fragen, die uns alle noch lange beschäftigen werden.