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Rassismus in London:Das Baby im Container

Liza Cody erzählt vom traurigen Londoner Alltag der braven "Miss Terry" aus Pakistan, die unter schlimmsten Verdacht gerät. Erneut demonstriert die Autorin ihre Lust am Krimi-Experiment.

Die Menschheit wäre gut beraten, wenn sie davon Abstand nähme, alle Freaks auszusortieren, sonst bleibt am Ende keiner mehr übrig. Es ließe sich für fast jeden irgendwer finden, der ihn merkwürdig findet - kommt drauf an, wen man fragt. In Nita Tehrys Straße leben Freaks für jeden Geschmack. Nita selbst hat nicht viel übrig für einen Choleriker, der Dinge aus dem Fenster wirft, und einen Krankenhausangestellten, der Frauen im Supermarkt begrapscht - dafür finden andere Bewohner der Guscott Road Nitas Lieblingsnachbarn seltsam, die streitbare Daphne, oder das Pärchen, das direkt unter Nita wohnt und mit dem sie befreundet ist, Leo und Toby. Irgendwer stört sich sicher auch an dem Frauenhaus an der Ecke. Fast alle außer Leo, Toby und Daphne sind sich einig, dass Nita, die erst vor ein paar Monaten ihre kleine Wohnung im oberen Stockwerk gekauft hat, nicht in diese Straße gehört. Denn Nita ist nicht weiß. Sie ist zwar in England geboren. Aber ihre Eltern sind aus Pakistan.

Meine Menschenkenntnis ist so beschränkt, stöhnt Miss Terry, das wird ihr einige Probleme bereiten

Liza Codys "Miss Terry" ist ein Roman über Rassismus, der erst noch ganz unauffällig ist und dann überkocht, als in der Guscott Road die Polizei auftaucht. Krimi ist ein dehnbarer Begriff - es steht nirgendwo geschrieben, eine Kriminalgeschichte dürfe nicht aus der Sicht eines Verdächtigen erzählt sein. "Miss Terry" weicht Nita nicht von der Seite, und die weiß die meiste Zeit gar nicht so recht, wie ihr geschieht. Sie versucht in jedem Gespräch ihr Gegenüber einzuschätzen - und scheitert dabei an ihrer eigenen Gutmütigkeit: "Meine Menschenkenntnis ist so beschränkt und banal, dachte sie. Ich bevölkere meine Vorstellungswelt mit Leuten, die genauso sind wie ich ..."

Das Haus gegenüber wird renoviert, ein Container steht davor und inspiriert Liza Cody zu einigen sehr schönen poetischen Exkursen - das Ding gebiert über Nacht nutzlose Dinge, kaputte Waschbecken, ausrangierte Öfen und vor allem immer wieder vor sich hin rottende Weihnachtsbäume, und Nita versteht nicht, wo die alle herkommen, mitten im Februar.

Nitas eigenes Leben ist ungeheuer aufgeräumt und durchorganisiert, alles blitzt und blinkt, sie ist Grundschullehrerin und hat für sich selbst nicht das geringste Verständnis, als sie, in der Aufregung, einmal vergisst, Klassenarbeiten zu korrigieren. Dann steht plötzlich die Polizei vor der Tür, Nita soll Fragen beantworten. Aber zu welchem Fall? Sie ist in eine Situation geraten, aus der sie sich allein nicht befreien kann. Hilfsbedürftigkeit macht verletzlich. So geht sie gleich mehrmals den falschen Leuten auf den Leim; und scheut sich, die richtigen um ihre Solidarität zu bitten. Sie ist es halt gewöhnt, alles ganz allein in Ordnung zu bringen.

Ganz am Anfang ist Nita allein und nicht glücklich; nun aber treiben die Gemeinheiten, die Vorurteile, die Ohnmacht sie zur Verzweiflung. Vollends aus der Fassung gerät sie, als Toby und Leo ihr anvertrauen, dass alle anderen in der Guscott Road längst wissen, worum es geht. In dem Müllcontainer hat eine Babyleiche gelegen, und Nita hat nach ihrem Einzug tüchtig abgenommen. Jetzt ist sie verdächtig. Und das Baby ist nicht weiß - das ist für die Polizei und die meisten Nachbarn eine gültige Kategorie, egal ob diese Hautfarbe nun nach Nahost, Indien oder Westafrika aussieht.

"Miss Terry" nennen die meisten Leute Nita, und manchmal fragen sie sie, warum sie so gut Englisch spricht - weil sie, antwortet sie dann ruhig, aus Leicester stammt. Sie reagiert stoisch auf den Alltagsrassismus, der sie umgibt, aber nun geht es um mehr. Der Schulleiter schickt sie nach Hause, die Boulevardpresse hechelt sie durch, bald brennt es im Flur. Sie muss sich nun wehren. Die Polizei und einige der Nachbarn, ganz besonders die Mutter eines messerstechenden Dreikäsehochs und der Supermarktgrapscher, erteilen ihr eine bittere Lektion: Sie ist in Leicester geboren und hat studiert und besitzt eine Eigentumswohnung, und sie wird trotzdem nie dazugehören.

Liza Codys Krimi ist in England schon 2012 erschienen, die deutsche Übersetzung kommt nun zur rechten Zeit, so kurz nach dem Brexit und den Diskussionen darüber, wie ausländerfeindlich das Königreich, das in seinen größten Zeiten auch mal als ein solches galt, in dem die Sonne nie unterging, in seiner gegenwärtigen Miniaturfassung tatsächlich ist. Liza Cody bringt so sehr schön Unruhe in ein Umfeld, das zu den beliebtesten gehört in der Welt der Krimis. England und Krimis gehören zusammen, untrennbar, und natürlich gehören in der Fiktion sonst meist allerhand Zutaten dort hinein, die in der Realität schwer aufzutreiben sind, von hochwohlgeborenen Detektiven wie Elizabeth Georges Linley bis zu Martha Grimes' jeder Modernisierung widerstehenden Landgemeinden. Um eine der erfolgreichsten englischen TV-Krimiserien, "Midsomer Murders/Inspektor Barnaby" gab es vor ein paar Jahren einen saftigen Skandal, als der langjährige Produzent gefeuert wurde, weil er öffentlich befand, in die englischen Dörfer der erfundenen Grafschaft Midsomer gehöre keine ethnische Vielfalt.

Liza Cody: Miss Terry. Aus dem Englischen von Martin Grundmann und Else Laudan. Ariadne Verlag, Hamburg 2016. 320 Seiten, 17 Euro. E-Book 12,99.

Irgendwann machte Liz Cody Schluss mit ihren erfolgreichen traditionellen Detektiv-Reihen

Krimis müssen nicht nach den Gesetzen der political correctness besetzt werden; aber das ist eine Methode, sie vor der gepflegten Langeweile zu bewahren, in der die meisten traditionellen Krimireihen versumpfen. Liza Codys Geschichten machen sich die Gegenwart zum Thema, sie haben einen doppelten Boden, und vor allem: Cody strukturiert sie jedes Mal anders, erfindet sich für jedes Buch einen komplett neuen Rahmen und neue Helden: Ihr letzter Roman "Lady Bag" ist aus der Sicht einer Obdachlosen erzählt, die meistens nicht ganz nüchtern ist. Cody hat mit den üblichen Detektivreihen, ihre erfolgreichsten waren die Eva-Wylie-Serie und die Anna-Lee-Serie in den Achtzigern, irgendwann aufgehört. Die wiederkehrenden, vertrauten Protagonisten haben ihren Reiz; Vertrautheit lässt aber wenig Raum für Experimente. Selbst wenn man Martha Grimes' Gespann Richard Jury und der als Earl zurückgetretene Melrose Plant mal geliebt hat, spätestens nach zehn Fällen kommt einem die gleichförmige Konstruktion zu den Ohren heraus. Es ist eben sehr selten, dass ein Autor mitten in der Reihe noch einmal alles anders macht und beispielsweise die Perspektive wechselt - wie Dorothy Sayers, als sie begann, ihre Lord-Peter-Romane um seine Angebetete Harriet Vane herum zu stricken; das war Mitte der Dreißiger. Codys Einzeltäterschaft beflügelt, so erscheint es, ihre Fantasie - die Beschreibungen sind herrlich, besonders, wenn der Müllcontainer wieder ferkelt.

Ganz besonders schön aber ist an dieser Geschichte, dass sich hinter ihr eine zweite auftut - die nämlich, die Nita Tehry überhaupt erst in die Guscott Road spülte. Man hätte sich denken können, dass jemand, der sein Leben so gründlich aufgeräumt hat, einigen Unrat zu entsorgen hatte.