Rassismus in Brasilien Die Farbe der Katzen

Sind Paulo Lins und Daniel Munduruku also die Quotenmänner zweier Minderheiten? Keineswegs. Zwar stellen die Indios tatsächlich nur noch 0,4 Prozent der brasilianischen Bevölkerung, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie seit dem 16. Jahrhundert immer wieder massakriert wurden. Die Afrobrasilianer dagegen sind die Mehrheit im Land. Mit der letzten Volkszählung 2010 kippte erstmals das Verhältnis. Von den knapp 191 Millionen Brasilianern bezeichneten sich 47,73 Prozent als weiß, 50,74 Prozent als schwarz oder braun.

Die Befragten mussten sich zwischen den fünf Optionen weiß, schwarz, braun (pardo), gelb und indigen entscheiden. Die Bezeichnung "pardo" ist dabei der Versuch, einen Sammelbegriff für die unzähligen Schattierungen der Hautfarbe zu finden. Pardo heißt aber auch "grau, zweifelhaft". "Pardo ist keine Farbe von Menschen, es ist eine Farbe von Katzen oder Packpapier", sagte die Historikerin Wania Sant'Anna. Auch die Schwarzenbewegung lehnt das Wort pardo als Kategorie für Hautfarben ab.

Weiße werden zuerst bedient

Seit 1988 sind Rassismus und Diskriminierung in Brasilien eine Straftat. Der Alltag sieht anders aus. Schwarze Anwälte, Fußballer oder Politiker werden regelmäßig mit vorgehaltener Waffe von der Polizei kontrolliert, wenn sie mit dem Auto unterwegs sind. Sie werden aus Bürogebäuden oder Restaurants (vom ebenfalls schwarzen Portier) abgewiesen. Kellner bedienen zuerst den weißen und dann den dunkelhäutigen Gast. Die Models auf den Covern der brasilianischen Magazine sind weiß, so weiß wie etwa Gisele Bündchen. Ebenso wie die Stars in den populären Telenovelas weiß sind und blond. Mit Schwarzen besetzt man eher Nebenrollen wie Hausmädchen, Chauffeur oder Ganove.

Die grausamen Rassentheorien, mit denen die weißen Eliten im 19. Jahrhundert noch Pläne zur Umsiedlung, Abschiebung, Sterilisierung und Ausrottung der Schwarzen planten, waren ursprünglich aus Europa herübergekommen.

Als Reaktion auf die finsteren Jahre begründete Gilberto Freyre 1938 mit seinem soziologischen Grundlagenwerk "Herrenhaus und Sklavenhütte" den Mythos von einer Rassendemokratie in Brasilien. Er sah die Gesellschaft der Weißen, Schwarzen und Indigenen als Chance für Brasilien, die auf das harmonische Zusammenleben der Ethnien gründen sollte. Heute kritisiert man seine Thesen, da diese vorgebliche Harmonie eine Debatte um das eigentliche Problem verhinderte.

Karnevalsverbot für Schwarze

Die Politik spannte Freyres Thesen bald für ihre Ziele ein. Getulio Vargas, der Brasilien von 1930 bis 1945 als Diktator regierte, brauchte für seinen zentralistischen Staat ein starkes Nationalgefühl. Möglichst schnell sollte eine eigene brasilianische Identität her, die das riesige Land einen konnte. Zu dieser Zeit wurde die afrobrasilianische Kultur mit ihrem Samba, den Karnevalsumzügen, der Kampfkunst Capoeira und dem Candomblé-Glauben Teil der brasilianischen Identität.

Karneval in Rio 2013

Mit Erntedank zum Sieg

Was heute als der Inbegriff Brasiliens gilt, war früher unter Strafe verboten. Capoeiristas und Candomblé-Priester wurden verfolgt, der Karneval war für Schwarze tabu. Samba galt als unzivilisierte "Negermusik".

Die Vereinnahmung ihrer Kultur schützte die Afrobrasilianer jedoch nicht vor Diskriminierung. Noch 124 Jahre nach dem Ende der Sklaverei besuchen Farbige und Indios heute schlechtere Schulen als Weiße, sie verdienen weniger, können sich Arztbesuche nicht leisten und sterben statistisch früher. Oft durch Gewalt.