Rassismus im Film Hollywood wäscht sich weiß

Major Motoko Kusanagi? Scarlett Johansson in "Ghost in the Shell".

(Foto: Paramount)

Erst Tilda Swinton, jetzt Scarlett Johansson. In Hollywood spielen immer wieder weiße Schauspieler asiatische Rollen. Was soll das?

Von Kathleen Hildebrand

Wenn Scarlett Johansson eine Rolle übernimmt, ist es normalerweise egal, welche es ist. Ein männermordendes Alien, eine Frau mit Superkräften, die Schlange Kaa - die Reaktion ist immer: Begeisterung. Nun ist das zum ersten Mal nicht der Fall. Es ärgern sich sogar viele Menschen sehr darüber, dass Scarlett Johansson und niemand anderer eine bestimmte Rolle spielen wird. Es ist die der Cyborg-Frau Major Motoko Kusanagi im Remake von "Ghost in the Shell", dem japanischen Animationsfilmklassiker, das 2017 in die Kinos kommen wird.

Ganz ähnlich waren die Reaktionen auf den ersten Trailer zur Marvel-Comic-Verfilmung "Doctor Strange". Tilda Swinton ist darin zu sehen, mit kahl geschorenem Kopf, in den Gewändern eines tibetanischen Mönchs. Sie spielt "The Ancient One", eine Art Zaubermönch (eine Zaubernonne?), der (die) offenbar ziemlich genau weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält und dem Helden des Films, gespielt von Benedict Cumberbatch, zur Erleuchtung verhilft.

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In Hollywood gibt es offenbar noch einiges zu tun. Das Problem an diesen Casting-Entscheidungen liegt nämlich in zwei Adjektiven: japanisch und tibetanisch. Dass weiße Schauspieler asiatisch angelegte Figuren spielen, eine Praxis, die heute "Whitewashing" genannt wird, gehört nicht eben zu den erfreulichsten Traditionen von Hollywood. Seit Jahrzehnten bemängeln Schauspieler asiatischer Herkunft, dass sie in Hollywood quasi unsichtbar sind und oft nicht einmal Figuren spielen dürfen, die in Drehbüchern oder Romanvorlagen explizit als Asiaten bezeichnet werden.

Ins Slapstickhafte übersteigerte Karikaturen

Im frühen Hollywood gab es wenige Schauspieler, die Minderheiten angehörten. Und diese Minderheiten fanden es auch nicht weiter schlimm, dass "sie" von Weißen gespielt wurden. Obwohl die Rollen oft genug rassistische Klischees übertrieben und damit über reines "Whitewashing" hinausgingen. Ein Klassiker des "Yellowfacing" - so nennt man im Englischen die Verkleidung als Asiate, wer sich als Schwarzer schminkt, betreibt "Blackfacing" - ist zum Beispiel die Rolle von Holly Golightlys japanischem Vermieter Mr Yunioshi in "Frühstück bei Tiffany's". Der weiße Mickey Rooney war nicht nur als Japaner geschminkt, er spielte auch eine krasse, ins Slapstickhafte übersteigerte Karikatur eines Japaners. Auch Katharine Hepburn, Marlon Brando (!), Alec Guiness. John Wayne und Peter Sellers wurden als Chinesen oder Japaner geschminkt. Die Liste ist noch sehr viel länger.

Heute aber ist die Kritik laut. Und Asiaten sind längst nicht allein mit ihrer Wut, zeigt das Yellowfacing doch nur eine weitere Schattierung des Rassismus, der im ach so liberalen Hollywood mitbestimmt, wer vor die Kamera darf. Zuletzt spielte etwa Johnny Depp in "The Lone Ranger" (2013) einen amerikanischen Ureinwohner. Liam Neeson war in "Batman Begins" (2005) in der Rolle des arabischstämmigen Ra's al Ghul zu sehen. Emma Stone spielte in "Aloha" (2015) eine junge Frau chinesisch-hawaiianisch-schwedischer Abstammung. Und in den neuen Bibelverfilmungen "Noah" und "Exodus" sucht man vergeblich nach Schauspielern mit der dunklen Haut und den schwarzen Haaren, die das echte Bibelpersonal gehabt haben muss.

Während man Blackfacing heute eigentlich keinem Regisseur mehr durchgehen lassen würde und die ganze Oscar-Verleihung 2016 um den Rassismus der Filmindustrie kreiste, sind Asiaten offenbar noch ein blinder Fleck in Hollywood. Denn auch wenn sich "Ghost in the Shell" und "Doctor Strange" keineswegs über Asiaten lustig zu machen scheinen, ist doch nicht ganz klar, wieso man in der Besetzung gerade von diesem Teil der Vorlage abweicht.