Rassismus "Viele glauben nicht, dass ein Aufstand etwas ändern würde"

Unter Donald Trump ist doch alles erst mal schlimmer geworden?

Ta-Nehisi Coates Im Bann des "ersten weißen Präsidenten"
USA

Im Bann des "ersten weißen Präsidenten"

Der schwarze Autor Ta-Nehisi Coates provoziert mit einer brisanten These: Hat das weiße Amerika mehrheitlich Trump gewählt, um den ersten schwarzen Präsidenten vergessen zu können?   Von Johannes Kuhn

Was Mobilisierung angeht, hat er mehr in Bewegung gebracht als Obama. Viele Amerikaner sind ins Grübeln gekommen über die fundamentale Architektur der Gesellschaft. In dieser Hinsicht war Trump nützlicher. Antirassisten tun ihr Möglichstes, damit Trump eine Abweichung bleibt und nicht noch eine Amtszeit regiert.

Sie beschreiben in "Gebrandmarkt" drei gescheiterte Strategien gegen Rassismus: Selbstaufopferung - Weiße geben freiwillig Macht ab -, Selbstverbesserung - Schwarze arbeiten an sich selbst -, Überwindung der Unkenntnis durch Aufklärung. Wenn nicht mal Bildung hilft, was dann?

Wir sind in Amerika davon ausgegangen, dass Menschen rassistische Politik aufgrund ihres rassistischen Denkens betreiben und dass sie rassistisch denken, weil sie ungebildet sind. Nach dieser Theorie läge allem rassistischen Denken die Unwissenheit zugrunde, sie wäre der Kern. Aber als ich die Geschichte rassistischen Denkens untersucht habe, entdeckte ich einen anderen Verlauf: Menschen haben rassistische Vorstellungen entwickelt, um ihr rassistisches Handeln zu rechtfertigen, und sie erklärten ihr rassistisches Handeln mit der Unterlegenheit bestimmter Gruppen.

Auch rassistisches Handeln folgt einem Antrieb. Wenn dieser nicht in inneren Überzeugungen liegt, worin dann?

Eigeninteressen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwarzer ins Gefängnis kommt, ist fünfmal höher als bei einem Weißen. In wessen Interesse liegt das?

In fast allen Bundesstaaten außer Maine sind Gefängnisinsassen von Wahlen ausgeschlossen. Ein Politiker in einem Swing State mit einer der größten inhaftierten Bevölkerung der Welt würde seinen Wahlsieg gefährden, wenn er diese Menschen entlässt. Außerhalb des Gefängnisses müsste man den Inhaftierten Mindestlöhne zahlen, im Gefängnis aber kann man sie billiger einsetzen. Die private Gefängnisindustrie floriert und drängt darauf, dass noch mehr Menschen eingesperrt werden. Staatsanwälte, Polizisten und Richter wissen, dass die Forderung nach Abnahme der Gefangenenzahlen ihre Jobs gefährdet.

Das klingt fast wie eine Verschwörung. Zu den Gegenmitteln: Sie fordern Schikanen, Störungsmanöver, "Harassment". Welche?

Historisch gesehen ändert sich nur etwas, wenn die Mächtigen zum Wandel gezwungen werden - durch Konfrontationen. Wenn Arbeiter vor einer Firma protestieren, die Schwarze bei der Jobvergabe benachteiligt, verletzt dies die Interessen dieses Unternehmens, und es wird dies möglicherweise ändern.

Wenn man Ihre Chronik andauernden Unrechts liest, stellt sich die Frage: Warum protestieren die Schwarzen nicht in Massen und erzwingen diesen Wandel?

Die Menschen sind mit dem Überleben beschäftigt. Viele glauben nicht, dass ein Aufstand etwas ändern würde. Außerdem haben viele die Überzeugung verinnerlicht, dass sie selbst das Problem darstellen.

Ihr nächstes Buch "How to Be an Antiracist" kommt im August heraus. Es dreht sich um diese innere Vergiftung?

Es geht vor allem um meine persönliche Entwicklung, meinen Weg von rassistischem Denken zum Antirassisten.

Sie haben in sich selbst rassistisches Denken entdeckt? Wann?

Das ist einer der entscheidenden Momente in meinem Buch, und deshalb will ich ihn nicht verraten.

Als Kind? Als Erwachsener?

Als ich schon studierte, ich war über zwanzig. Der Weg begann mit meinen Eltern, mit ihren Vorstellungen von Rasse und Identität, einige davon antirassistisch, andere aber auch rassistisch, es war ein doppeltes, ein gespaltenes Bewusstsein, das sie an mich weitergaben. In meinem Studium entwickelte ich den Wunsch nach einem einheitlichen Bewusstsein, dem eines Antirassisten. Aber das Buch berührt viele Aspekte: Was bedeutet antirassistisches Denken für die Biologie, Klassen, Kultur, Gender, Sexualität? Es ist eine Reise.

Geht sie gut aus?

Sie dauert noch an, aber im Grunde: ja.

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