Süddeutsche Zeitung

Rapper Casper:Zwischen bröckelnden Fronten

Mit seinem Album "Hinterland" beweist Casper, dass er weder der letzte der alten Generation noch der erste der neuen Generation im deutschen Hip-Hop ist - sondern ein Künstler sui generis.

Von Davide Bortot

Die Rapper Casper und Kollegah haben nicht besonders viel gemeinsam. Der eine sieht aus wie der freundliche Gitarrist einer Indie-Band, der andere wie jemand, der von Hantelbänken und der Halbwelt nicht nur singt. Andererseits haben die Rapper Casper und Kollegah eine Menge gemeinsam. Zum Beispiel haben sie ein paar Songs zusammen gemacht und es jeweils auf Platz eins der deutschen Charts geschafft. Gleiches gelang in der jüngeren Vergangenheit ihren Berufskollegen Genetikk, Raf 3.0, Alligatoah, Eko Fresh, Bushido, Cro, Prinz Pi, Shindy, Farid Bang, Kool Savas, Max Herre und Samy Deluxe.

Das ist eine erstaunliche Ballung. Das Genre des deutschen Hip-Hop hat schon mehrmals den Sargdeckel über sich zuklappen sehen, zuletzt 2007, als sich das vom Plattenlabel Aggro Berlin kultivierte Spiel mit der Strahlkraft des Milieus im Kreis zu drehen begann. Deutscher Hip-Hop galt als schmuddelig, eindimensional, wirtschaftlich tot. Schlimmer noch: Er war es auch. Heute hat alleine der smarte Pandamaskenträger Cro über 500.000 Exemplare seines Debütalbums abgesetzt, und das ohne die Unterstützung einer großen Plattenfirma.

Peer Steinbrück sollte wissen, was ein "Babo" ist

Das sind lediglich Zahlen. Aber Zahlen waren in der radikalen Kommerzkultur Hip-Hop immer ein Gradmesser dafür, wie gut es dem Genre tatsächlich geht. Deutscher Rap lässt sich derzeit nicht nur gut vermarkten, sondern auch gut anhören. Musiker wie Marteria oder die schrillen Orsons machen famosen Post-Alles-Pop, mit den alten Erzählstrukturen des Rap. Dank begnadeten Wortverdrehern wie dem Offenbacher Haftbefehl hat das Genre zudem, was es sich seit seinen Anfangstagen abverlangte: eine eigene Identität, eine eigene Sprache. Sollte sich Peer Steinbrück noch einmal um ein politisches Amt bemühen, er wäre vermutlich gut damit beraten zu wissen, was ein "Babo" ist.

Mit den üblichen Wellenbewegungen im Pop alleine ist das kaum zu begründen. Auch deshalb landen alle Erklärungsversuche irgendwann bei Benjamin Griffey, 31, besser bekannt als Casper. Dessen Album "xoxo" stand 2011 wie keine andere Platte für den Paradigmenwechsel von der harten Pose zur weichen Poesie, von der kommerziellen Stagnation zur neuen künstlerischen Blüte.

Das Album war ein Feuerwerk der stark schwankenden Laune, gefüttert von Indierock-Melodien und Beats aus den Stripclubs der Südstaaten. Nun hat Casper eine neue Platte gemacht. "Hinterland" heißt sie. Die Kunstform Rap führt er darauf noch weiter aus der Domäne der Hip-Hop-Musik hinaus. "Hinterland" ist mehr Springsteen als Jay Z, voll von Referenzen an Americana, Folk und Rock 'n' Roll. Die Texte jedoch sind eindeutig die eines Rappers. Simpler, gerader, vielleicht auch platter als auf "xoxo", aber stets von jener speziellen Qualität, sehr persönlich zu klingen und sich dennoch fast unendlich dehnen zu lassen.

Das Hinterland, von dem Casper spricht, existiert überall dort, wo sich die Sehnsucht nach dem Rauskommen mit einem wohlig dumpfen, gleichsam neutralen Gefühl des Zuhauseseins paart: Woanders ist es sicher besser. Aber eigentlich kann besser gar nicht so gut sein wie unsere Vorstellung davon.

Die Hip-Hop-Szene wird er damit weiter spalten: in Fans, die sich seine Zeilen auf den Arm tätowieren lassen, und Puristen, die ihn verachten für seinen offenen Flirt mit den großen Gesten eines Rockstars. Sie werden ihn hassen oder lieben. Aber dazwischen passt nicht viel und vor allem keine Diskussion: Casper bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig zu versöhnen und zu polarisieren. Elegant entzieht er sich den Frontlinien, die er angeblich selbst gezogen hat. Er ist weder der letzte der alten Generation noch der erste der neuen Generation, sondern ein Künstler sui generis: ein Rap-Musiker für gestandene Mädchen und hysterische Mannsbilder.

Hip-Hop als Kunst, nicht nur als Ideologie

Dass er dennoch stets als Lehrbeispiel herhalten muss, liegt weniger an seiner Musik denn an der Lust des Deutschraps an der Grundsatzdebatte, die so alt ist wie das Genre selbst. Als Ende der Achtzigerjahre die ersten MCs begannen, in ihrer Muttersprache zu reimen, wüteten die Pioniere der Szene: Rap auf Deutsch geht nicht - und falls doch, so ist er zumindest streng verpönt.

Nachdem Gruppen wie Advanced Chemistry das Eis gebrochen hatten, führten diese den selben Kampf an anderer Front fort. Mit religionsgleichem Eifer verteidigten sie die wahre Lehre gegen die leere Ware einer Gruppe sündenfälliger Schwaben namens Die Fantastischen Vier. So ging es immer weiter. Agit- gegen Spaßrap, Fundis gegen Realos, Berliner gegen alle. 2003 schließlich traten die Sido und Bushido die Königsdisziplin unter den Grabenkämpfen los: böser Schmuddel-Rap gegen den guten, wahren, schönen Rap. Diese Diskussion dauert bis heute an. Noch immer bekommt die Presse Schnappatmung, wenn Sido heiratet oder Bushido provoziert.

Gleichzeitig wird die Generation um Casper, Cro und Marteria konsequent als Gegenbewegung beschrieben. "Ich bumse keine Mütter" betitelte Zeit Online letzte Woche ein Interview mit Casper - ganz so, als sei das künstlerisches Programm genug. Das ist, als würde man über Thom Yorke von Radiohead sagen, dass er schon lange keiner Fledermaus mehr den Kopf abgebissen habe.

Moral war noch nie eine Kategorie für Popmusik

Die Dichotomie von stänkernden Straßenrappern und kulturellen Kreuzrittern ist stark vereinfacht, wenn nicht grundsätzlich falsch. Immer schon existierten im Hip-Hop unterschiedlichste Universen nebeneinander und beeinflussten sich gegenseitig. Das war vor 30 Jahren so, als Melle Mel den Kanon fröhlicher Fetenhits um Beschreibungen der Ghetto-Realität erweiterte. Und das ist heute in Deutschland nicht anders. Man muss Bushido nicht jede Beleidigung durchwinken. Aber das ändert nichts daran, dass sein "Vom Bordstein bis zur Skyline" ein Hip-Hop-Klassiker ist, auf dem Stimme, Wortwahl und Beat ein stimmiges Ganzes von beeindruckender atmosphärischer Dichte ergeben.

Gleiches gilt für Haftbefehl, den aktuell interessantesten Gangstarapper. Seine Erzählungen vom "Schnupfbusiness" und nächtlichen Ausflugsfahrten durch das Frankfurter Bahnhofsviertel im Mercedes SL AMG mögen moralisch fragwürdig sein. Aber Moral war noch nie eine Kategorie, nach der man Popmusik bewerten sollte.

Casper, von dem es heißt, er habe das Land vom Joch der Pöbelprolls befreit, hat sich wiederholt als Fan von Haftbefehl bezeichnet. Mit Kollegah, dessen Texte sich ähnlich kunstvoll um Kokainhandel und organisierte Kriminalität drehen, trat er kürzlich wieder gemeinsam auf. Umgekehrt hat der einstige Bürgerschreck Sido für sein kommendes Album einen Song mit Smudo von den Fantastischen Vier und Dokter Renz von der Gruppe Fettes Brot aufgenommen, jahrelang die Musterbeispiele für den bildungsbürgerlich geprägten, vermeintlich harmlosen Deutschrap der Neunzigerjahre. Das ist kein Widerspruch. Sondern vielmehr die Erkenntnis, dass sich Hip-Hop nicht nur als Ideologie, sondern auch als Kunst verstehen lässt.

Casper hat dieser Idee mit "Hinterland" sein eigenes kleines Denkmal gesetzt. Der ständig über ihm schwebenden Frage nach seiner Rolle in der Hip-Hop-Welt hat er sich rigoros verweigert und stattdessen einfach Musik gemacht. "Eins bleibt immer gleich", heißt es an einer Stelle auf der Platte: "Nach dem Feuerwerk wird aufgeräumt." Das gilt auch für den aktuellen Deutschrap-Boom. Casper sollte das Großreinemachen problemlos überstehen.

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Quelle:
SZ vom 01.10.2013/cag
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