Neues Video von "Rammstein":Lied vom Leben

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Neues Video von "Rammstein": Urszenen menschlicher Gewalt: Das "Rammstein"-Video "Zeit".

Urszenen menschlicher Gewalt: Das "Rammstein"-Video "Zeit".

(Foto: Screenshot Youtube/Rammstein/Robert Gwisdek)

Geisterhaft, meisterhaft: "Rammstein" veröffentlichen ein gespenstisch klarsichtiges Musikvideo.

Von Joachim Hentschel

Wenn die Rockband Rammstein kurzfristig ein neues Musikvideo ankündigt, sollte man sich ein Fläschchen Riechsalz holen oder eben die Baldriantropfen aus dem Kämmerchen mit den Medikamenten, man sollte auf alles gefasst sein. In der Vergangenheit haben Rammstein Kannibalismus, Inzest oder Sado-Masochismus behandelt, sie zogen für Videoinszenierungen Fatsuits an, drehten im Bordell mit Pornodarstellerinnen, spielten in einem wirklich bleibenden Crashkurs zur deutschen Geschichte KZ-Häftlinge und RAF-Terroristen. Und dann wird am Donnerstagnachmittag "Zeit" freigeschalten, der erste neue Clip nach drei Jahren Kunst-, Pandemie- und Papiermangelpause, und nach weiteren sechs atemlosen Minuten muss man tief Luft holen und sagen: Es ist im grauenhaften, von Krieg und eisenharten Haltungszwickmühlen geprägten März 2022 einzig und allein das hier: der musikalische Beitrag der Stunde.

Eine Reaktion auf die Ereignisse kann das Stück nicht sein, dazu ist der sichtbare Produktionsaufwand zu immens, die Kampagne zu aufwendig, die am Song hängt. "Zeit" ist das Titelstück eines neuen Rammstein-Albums, das ebenfalls am Donnerstag enthüllt und für Ende April angekündigt wurde. Regisseur des Videos - das wie so oft bei dieser Band den kombinierten Nährwert von mindestens drei Netflix-Serien, vier Florian-Henckel-von-Donnersmarck-Filmen und zwei zur Feinwürze eingestreuten Ridley-Scott-Historiendramen hat - ist der Berliner Robert Gwisdek, von dem man bislang diverse Leistungen als Schauspieler, Musiker und Autor kannte, ein solches Werk aber noch nicht.

Es ist bei Rammstein nie so ganz einfach, da ist immer ein Weg, der tiefer führt

Der meisterhafte Kurzfilm beginnt unter Wasser, eine seltsame Schlingpflanze steigt nach oben Richtung Licht, sie legt sich wie ein Strick oder eine Nabelschnur um den Hals eines der sechs Rammstein-Mitglieder, die tief im Ozean schweben. Dann läuft alles erst rückwärts, anschließend hin und her und im Kreis. Man sieht die Vorgeschichte, in der die Männer im Sturm mit dem Rettungsboot fliehen. In der sie als Partisanen mit archaischen Flinten ins Gefecht ziehen, sich zurückverwandeln in die eigenen kindlichen Alter-Egos, die mit Stöcken im Wald Krieg spielen. Es sind Urszenen menschlicher Gewalt, eines Lebens, das zwar Überlebenskampf ist, dabei aber immer gemeinschaftlich geführt wird.

Im Video wird der Lauf der Dinge immer wieder zum Stillstand gebracht, durch eine geisterhafte Präsenz im schwarzen Umhang, die plötzlich auftaucht wie der Monolith in Stanley Kubricks "2001". Der Tod, könnte man denken, aber so einfach ist es auch wieder nicht - wie es bei Rammstein eben oft nicht so einfach ist, wie es zunächst aussieht: Der Porno illustrierte Gewalt, die Fatsuits illustrierten Einsamkeit und Depression ("Ich habe keine Lust"), die RAF/KZ-Insassen-Bilder die zutiefst deutsche Verstrickung in enthemmte Gewalt und Schuld.

Die Sensen führen in einer zentralen Szene von "Zeit" nämlich nun die Rammstein-Leute selbst. Und die vermeintlich toten Augen unter der Kapuze des Gruselboten sind doch eher leuchtende Kaleidoskope, die im Film eine weitere, produktive Ebene aufschließen. Eine Zwischenwelt jenseits der Zeit, in der atompilzartig der Staub pulverisierter Ewigkeitsdenkmäler durch die Atmosphäre strömt und die sechs Musiker ihre eigenen Geburten rückgängig machen, indem sie sich als Säuglinge zurück in die Mutterleiber schieben - und ja, hier wird es dann richtig, richtig abgefahren. Irgendwer wird in den kommenden Tagen womöglich doch noch einen Skandal daraus häkeln.

Dass diese große, dunkle Band uns nochmal Trost und Liebe spenden würde

"Zeit, bitte bleib steh'n, bleib steh'n", singt Till Lindemann zur Musik der elegant-elegischen, mit dem typischen Rammstein-Industrierost besprühten Großraumballade, "ein jeder kennt den perfekten Moment." Was man je nach Wunsch ganz naheliegend und eins zu eins lesen kann, als kleine Reflexion über die Vergänglichkeit des Glücks. Oder eben als großen, weiträumigen Vanitas-mundi-Entwurf, der auch davon erzählt, wie sinn- und aussichtslos die Schlacht um alle Positionen, heroischen Selbstbildnisse, geschichtlichen Genugtuungen und eben auch Benzinpreise ist, wenn sie den Blick auf die Essenz des Menschlichen verloren hat.

Auch das erscheint nach zwei Wochen Kriegsberichterstattung freilich als eher simple Botschaft, aber wir sollten besser nicht aufhören, an sie zu glauben. Zur Not helfen dabei eben auch die Bilder, zwischen Christopher Nolan, "Metropolis", barockem Fürstenspiegel und Lebensbaumdrama, die uns ein Popvideo wie "Zeit" gibt. Ein Video, das man immer wieder anschauen kann. Und ja, auch: will. Und bei dem man plötzlich realisiert, dass es als neues Rammstein-Produkt im selben Moment wohl überall auf der Welt geschaut wird, wo die Leute derzeit noch Internetempfang haben, in Kiew und Moskau, Washington und Paris, auf der Krim, in Warschau, Lettland und London.

Dass diese große Band uns einmal Trost und Liebe spenden würde, auch dafür wäre man noch vor Kurzem ausgelacht worden.

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