Neues Album:Zerstören, was man liebt

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Es geht auf "Rammstein" viel darum, das zu zerstören, was man liebt. Ein kleines Mädchen wird vom "Hallomann" am Straßenrand aufgelesen - ob das wohl gut geht? In "Sex" geht es gar nicht um Sex, sondern um einen Besuch beim Frauenarzt: "Ich schau dir tief in das Geschlecht" tönt es im ersten Teil, dann im zweiten später, "Ich schau dir tiefer ins Geschlecht!". Folgeuntersuchung. Nun kann man in Penisse nicht ohne weiteres reinschauen, also geht es offenbar um Krebsvorsorge. Sehr löblich. Ist Rammsteins neues Album in Wahrheit also ein feministisches Meisterwerk? Nimmt die Band sich endlich einmal der weiblichen Sorgen an?

Rammstein wirken auf die Debatte wie plötzliche Ablenkungen auf die Kreativität oder ein Schrecken auf den Schluckauf: Die Gedankenknoten werden durch eine Überdosis an Zeichen, an griffig rhythmisiertem akustischem, visuellem und symbolischem Lärm gelöst.

Ein Grund für all die Aggressionen im politischen Diskurs ist auch, dass rational, moralisch und reflektiert und tolerant zu sein, seine irrationalen Ängste zu kontrollieren und sich nie von Vorurteilen mitreißen zu lassen - dass das alles auch Energie kostet. Und wie man nach dem Essen auch mal rülpsen muss, entstehen auch bei diesem Zivilisationsprozess Gase. Rammstein sind ein Rülps Germanias, und zugleich so was wie die Medizin: weil man im Gewand ihres Karnevals die ganzen destruktiven Reflexe rauslassen kann, ohne sich unmöglich zu machen.

Man könnte das Deutschlandlied von Rammstein Natascha Süder-Happelmann gegenüberstellen, die gerade den deutschen Pavillion auf der Venedig-Biennale bespielt. Sie unterwandert die Identitätsdebatten, indem sie sich als sogenannte Migrationshintergründige namentlich eindeutscht, nicht spricht, einen Steinkopf verpasst und der faschistischen Ästhetik des Ausstellungsgebäudes Steine und Beton entgegenstellt und dystoptisch aufläd. Rammstein produzieren so etwas wie das Gegenstück dazu, indem sie sich selbst in eine biodeutsche Volksseele imaginieren, sich mit ihr identifizieren und daran dann eine brutale Psychoanalyse durchführen, die all das Halbverdaute hochspült. Bei ihnen wird das Monumentale zu einem überwältigenden, widersprüchlichen Strom aus Geschichtsikonographie und Popzeichen verflüssigt. Gangsta-Rap-Posen treffen auf Szenen im Look deutscher DDR- und Nazikostümfilme und eine schwarze Germania (im Video zu "Deutschland" Ruby Commey als paradoxe Allegorie mit Science-Fiction-Kräften). Eine quietschbunte Kloake schmutziger deutscher Wünsche, Albträume und Ängste.

Dadaistische Wortspiele mit der Silbe "über" führen Rammsteins eigene Brachialität ebenso ad absurdum wie den deutschen Narzissmus zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Unausrottbar bleibt er trotzdem, das weiß die Band. Nachdem die destruktive Orgie diesen Planeten rangenommen hat, fliegt das deutsche Gruselkabinett im Video in neue Galaxien.

Angesichts des oft leichtfertigen oder unbedarften Umgangs mit dem Holocaust in Songs und Filmen, irritiert es erst einmal, wenn die Band sich als jüdische KZ-Insassen verkleiden, die auf ihre Hinrichtung durch den Strang warten. Aber die Band verkörpert eben alle Deutschen Pathologien in diesem Video, Lindemann tritt auch als Ulrike Meinhof auf. Es ist in dieser Szene gerade die übergriffige Identifikation mit den Opfern, die aufs Korn genommen wird. Und dass ein Galgen gezeigt wird, ist nicht etwa eine bizarre "Romantisierung" der Vernichtung, sondern kann auch als subtiles Zeichen der moralischen Sensibilität mitten im vulgären Bilderreigen verstanden werden: Das Tabu der Gaskammer bleibt unangetastet.

Wer die Ästhetik von Rammstein als zynisches Marketing einstuft, das sich um gedankliche Konsistenz, Missverständnisse und Konsequenzen nicht schert, sondern einfach mit der größtmöglichen Provokation die größtmögliche Aufmerksamkeit generiert, der verkennt, dass die komplexe Dialektik von Gegenkultur und Affirmation, von Revolution und Warenhaftigkeit der Kern von Pop sind. Selbst wenn Rammstein eine zynische Marketingmaschine wären, bliebe immer noch die Frage: Was sind sie außerdem? Und solange man darauf nicht "Nichts!" antworten kann, bleiben sie interessant.

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