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Rainer Werner Fassbinder:Hart, selten herzlich

Zentraltheater: Angst essen Seele auf

Zwei Ertrinkende in einem Meer des Hasses: Sarah Camp und Michele Cuciuffo als Emmi und Ali.

(Foto: Hannah Klaes)

Großartiges Schauspielererlebnis: "Angst essen Seele auf" am Zentraltheater

1974, als Rainer Werner Fassbinder seinen Film "Angst essen Seele auf" drehte, war München eine andere Stadt. War es besser? Nein. War es schlechter? Nein. Eigentlich ist es schlimmer. Heute. Denn das, was Fassbinder damals in hartem Holzschnitt erzählte, gilt heute in mittlerweile neuer Unverblümtheit: Rassismus, Fremdenhass, Ressentiments - alles so salonfähig geworden wie die Figuren in Fassbinders Film damit umgehen. Gleichwohl wirkt die harte Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren im Film heute so notwendig wie kontraproduktiv. Da kann es die Bühne besser.

Das zeigt Josef Rödl im Zentraltheater. Er setzt das Drehbuch des Films um, wie es dasteht, braucht dafür wenige Requisiten und eine multifunktionale Schachtelwand. Mehr nicht, denn er hat grandiose Darsteller. Am Residenztheater kann man Michele Cuciuffo nicht mehr sehen, nun spielt er am Zentraltheater den Ali. Den Ali aus Marokko, der anfangs wie im Spiel in eine Liebe zur Emmi hineinschlittert, in dieser Liebe bald zu Hause ist und doch ein Glück nicht finden kann, vielleicht ganz am Ende, als ein hoffnungsfroher Ausblick. Im Film treibt El Hedi ben Salem als Ali somnambul durch das, was ihm widerfährt, wirkt oft so absichtslos, so indirekt, dass man ihn schütteln möchte.

Da ist Cuciuffo härter, unabdingbarer, es gibt zur Filmfigur kaum eine Parallele, außer der, dass die Worte dieselben sind. Sein Ali hat einen Zorn und eine lebensbedrohliche Verzweiflung. Er ist auch weich, unendlich traurig. Gegen Ende, bevor Alis Magengeschwür aufbricht, halten er und Emmi sich einmal in einer Umarmung wie zwei Ertrinkende in einem Meer des Hasses. Umwerfend.

Die Emmi spielt Sarah Camp mit einem Herz, riesengroß. Emmi ist eine alte, einsame Putzfrau, Ali bringt der Witwe einen Sinn ins Alleinsein. Camp spielt die Emmi mit dem Trotz eines Menschen, der nicht einsehen will, dass die Menschen böse, eklig und gemein sein können. Sie ist ein leuchtender Gegenentwurf, naiv, gutgläubig, aber auch skeptisch. Wenn die um sie herum anfangen, auf die Beziehung zwischen Ali und ihr freundlicher zu reagieren, einfach nur, weil sie was von der Emmi wollen und deswegen halt den Araber in Kauf nehmen, dann bleibt da eine Skepsis übrig. Und ein bisschen dumm ist sie ja auch, wie sie ihren Ali stolz herzeigt, wie ein Stück aus einer Menagerie.

Camp und Cuciuffo gelingen viele Szenen klarer, schärfer, sogar rührender, als die im Film. Neben ihnen brillieren das leuchtende Bühnenglück Kathrin von Steinburg und Peter Rappenglück in präzisen Miniaturen verschiedener garstigen Figuren, dazu kommen Christina Baumer und Mitglieder des Bürgerchors Integra.

Das Gruselige daran ist ja, dass obwohl Fassbinder überzeichnet, alles wahr ist. Die Sätze derer, die eine Liebe zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Araber nie begreifen oder auch nur tolerieren können, diese Sätze, aus denen das Umfeld der beiden Liebenden besteht, und zwar ausschließlich, diese Sätze hört man ja. Immer wieder. Man hört auch anderes, gottlob, das lässt Fassbinder weg, die Aufführung dementsprechend auch. Aber der laute Schrei der Entrüstung ist in seiner Gnadenlosigkeit notwendig.

© SZ vom 23.01.2020
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