Rilke-Nachlass in Marbach:10 000 Seiten

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Rilke-Nachlass in Marbach: Seine treuesten Überlieferinnen waren die Frauen: der Schriftsteller Rainer Maria Rilke.

Seine treuesten Überlieferinnen waren die Frauen: der Schriftsteller Rainer Maria Rilke.

(Foto: IMAGO/Heritage Images)

...und das sind nur die Manuskripte: In Berlin wurde der nahezu unüberschaubare Rilke-Nachlass vorgestellt, den das Literaturarchiv Marbach soeben angekauft hat.

Von Lothar Müller

Was macht eigentlich Orpheus, wenn er nicht gerade singt, was höhere Mächte ihm eingeben? Als am Donnerstag das Deutsche Literaturarchiv Marbach seinen spektakulären Neuzugang vorstellte, den aus dem Privatbesitz der Urenkelinnen erworbenen Nachlass des Dichters Rainer Maria Rilke, stand, je länger die Veranstaltung dauerte, diese Frage umso deutlicher im Raum. Rilke selbst hatte mit den "Sonetten an Orpheus" und den Selbstaussagen über den Schaffensrausch, in dem ihm die "Duineser Elegien" von einer inneren Stimme diktiert worden seien, dafür gesorgt, dass ihm die Formel "moderner Orpheus" angeheftet werden konnte. Die moderne Gesellschaft ist eine Arbeitsgesellschaft, der moderne Kultur- und Literaturbetrieb ein perpetuum mobile der Schriftproduktion.

Über 10 000 handschriftliche Seiten mit Werkentwürfen und Notizen Rilkes, Zeugnisse immer neuer Anläufe und beständiger Selbstrevisionen, gehen in das Marbacher Archiv ein. Dazu 2500 Briefe, die er selbst verfasst hat, und 6300 Briefe, die an ihn adressiert sind. Über die soziale Existenz Rilkes ist viel gespottet worden, über sein Zu-Gast-Sein bei Aristokratinnen und auf Schlössern. Seine Korrespondenz ist ohnehin schon ein Schwerpunkt der auch vor diesem Ankauf beträchtlichen Rilke-Bestände im Marbach Archiv, nun kommen Briefe von und an Max Brod, Ellen Key, Anette Kolb, Karl Kraus und und und hinzu.

Im berühmten Schnorrer steckte ein soziales Talent und in diesem ein Netzwerker. Das verbindet ihn mit einem anderen Prager, mit Max Brod, aus dessen Nachlass sich ein Epochenporträt mit dem Zentrum deutsch-jüdischer Literaturbeziehungen weit über Kafka hinaus gewinnen lässt. Bei Rilke wird im Zuge der Korrespondenzerschließung ein anders gefärbtes, benachbartes Epochenporträt entstehen.

131 bisher unbekannte Zeichnungen, darunter auch Kinderzeichnungen des Vierjährigen

Dass er ein Reisender war, der häufig die Wohnorte wechselte, prägt die Marbacher Neuerwerbung ebenso wie der Umstand, dass er ein Wanderer und Fädenknüpfer zwischen den Künsten, zumal der Literatur und der bildenden Kunst war. 131 bisher unbekannte Zeichnungen, darunter auch Kinderzeichnungen des Vierjährigen sind enthalten. Dazu kommen 360 Fotografien aus allen Lebensphasen. Nur in Fragmenten ist seine Bibliothek überliefert, ein sehr großes Fragment mit knapp 500 Bänden voller Annotationen und in vielen Sprachen - Rilke war auch Übersetzer - trägt Züge einer Hand- und Arbeitsbibliothek.

Was in den 86 "Taschenbüchern" enthalten sind, Notizbüchern, die keineswegs nur Arbeitsjournale zu sein scheinen, sondern auch Reisebegleiter und Aufnahmegefäße für das organisatorische Plankton des Alltags, ist noch nicht zu ermessen.

Zum Kaufvertrag, der mit den Urenkelinnen Rilkes geschlossen wurde und den der Berliner Anwalt Peter Raue ausgehandelt hat, gehört ein Paragraf, der Marbach zum Stillschweigen über den Kaufpreis verpflichtet. Wie viele Millionen er umfasst, mochte die Archivdirektorin Sandra Richter denn auch nicht verraten. Der Leiter der Archivabteilung, Ulrich von Bülow, assistierte ihr mit dem Argument, dass Archive durch die Nennung von Zahlen die Preise bei künftigen Erwerben hochtreiben, durch ihr Schweigen also Steuern sparen helfen.

Ein Thema zeichnete sich bereits bei dieser Präsentation ab: Rilke und die Frauen

Es sind aber gar nicht nur Steuergelder in diesen Ankauf eingegangen, wie das Defilee der Grußwortsprecher erkennen ließ. Sie traten auf, nachdem Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses in Kriegszeiten beschworen hatte. Zu den Geldern, die aus ihrem Etat flossen, kamen Mittel aus der Kulturstiftung der Länder, die insbesondere dem Erhalt von Kulturgütern verpflichtet ist, sowie vom Land Baden-Württemberg.

Die landeseigene Baden-Württemberg-Stiftung, deren Förderungen einen Landesbezug aufweisen müssen, konnte sich darauf berufen, dass Gernsbach, wo die Bestände bisher im Privatarchiv lagen, ebenso zu Baden-Württemberg gehört wie Marbach. Die Baden-Württemberg-Stiftung fördert insbesondere die große Rilke-Ausstellung in Marbach, die Sandra Richter als erstes Großprojekt nach dem Erwerb ankündigte. Sie soll am 4. Dezember 2025, dem 150. Geburtstag Rilkes, eröffnet werden und am 29. Dezember 2026, seinem 100. Todestag, schließen.

Ein Thema zeichnete sich bereits bei dieser Präsentation ab: Rilke und die Frauen. Dass sie von der Mutter bis zu den Urenkelinnen seine treuesten Überlieferinnen waren und sind, ist Teil der Nachlassgeschichte dieses Autors und zugleich ein Grundzug seiner Biografie. Ausdrücklich betonte Sandra Richter, dass Marbach bei der Erschließung wie bei der Präsentation der Neuerwerbung eng mit den Archiven kooperieren wird, die große Rilke-Bestände haben: mit dem Schweizer Literaturarchiv in Bern, der Fondation Sierre, der Bibliotheca Bodmeriana in Cologny bei Genf und der Harvard University, die über die Rilke-Sammlung von Richard von Mises verfügt.

Ein stiller Besucher der Ankaufspräsentation ist der Schriftsteller Rainald Goetz

Allseits betont wurde die Bedeutung der Kooperation von staatlichen Instanzen und Privatstiftungen in Krisenzeiten. Die Wüstenrot-Stiftung wird Marbach Gelder für die Erschließung des außerordentlichen Bestandes zur Verfügung stellen. Die Berthold-Leibinger-Stiftung hat seit Jahren ein enges Verhältnis zu Marbach und schon die Ankäufe von Beständen zu Erich Kästner, Kafka und Siegfried Lenz unterstützt. Die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung in München, traditionell der Forschungsförderung verpflichtet, hat ein besonderes Augenmerk auf die gelehrte Seite Rilkes und auf seine Bücher.

Auch Bücher sind Unikate wie die Handschriften, sagte Natalie Maag, Leiterin der Bibliotheksabteilung in Marbach, auch sie werden "erschlossen". Wie schnell es mit der Digitalisierung der handschriftlichen Neuzugänge vorangeht, wurde gefragt. Von heute auf morgen kann das nicht gehen, erläuterte Ulrich von Bülow. Digitalisierung setzt die Erstellung von Metadaten und diese eine zumindest vorläufig genaue Betrachtung jedes einzelnen Blattes voraus. In ein, zwei Jahren sollte die Digitalisierung beginnen können.

Immer dann, wenn die Redner und Rednerinnen beteuerten, wie sehr sie von Rilke ergriffen seien, schwebten noch Orpheus-Fragmente durch den Raum. Zugleich gewann aber der Zeitzeuge mehr und mehr Konturen, der seine Habe 1914, als der Krieg ausbrach, in Paris lassen musste, dessen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" kristalline, harte Großstadterfahrungen enthalten, der auf die technisch-zivilisatorischen Modernisierungsschübe reagierte.

Manchmal übrigens wandern Erzählungen über Dichter-Nachlässe und die darin enthaltenen Notizbücher direkt in die Notizbücher leibhaftiger Autoren aus nachgeborenen Generationen ein. Ein stiller Besucher der Ankaufspräsentation ist der Schriftsteller Rainald Goetz, unterwegs womöglich als Korrespondent seiner inneren Zeitung. Mit einer stattlichen Anzahl gefüllter Notizbuchseiten verlässt er nach dem Ende der Veranstaltung rasch die Landesvertretung.

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Frühe Zeichnungen von Rainer Maria Rilke, die vermutlich seine Mutter aufbewahrt hat.

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