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Rainald Goetz' Uraufführung:Schrei nach dem Guten

Reich des Todes
Sebastian Blomberg, Holger Stockhaus © Arno Declair

Sebastian Blomberg und Holger Stockhaus als Karikaturen US-amerikanischer Politiker mit deutschen Namen.

(Foto: Arno Declair; Arno Declair)

Über zwanzig Jahre nach dem letzten wird ein neues Stück von Rainald Goetz am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. "Reich des Todes" beginnt mit dem 11. September 2001 und kippt von einer schrillen Politsatire in ein Chorwerk über die Moral.

Von Till Briegleb

Wie wird ein demokratisches System zu einem diktatorischen? Mit Plan? Durch eine Reihe von äußeren Ereignissen und Bedrohungen, deren politische Reaktionen Schritt für Schritt zu einer Zwangsherrschaft führen? Durch eine Verschwörung? Oder durch das Böse? Wie konnte Trump zu einer billigen Kopie von Putin werden, der sich wie Mussolini entwickelt hat, wie Xi Jinping das Maoeske annehmen, Brasilien und die Türkei Staatschefs wählen, die öffentlich die Demokratie verachten? Was ist die Struktur im Politischen, die das möglich macht? Darum geht es in dem dicken neuen Stück von Rainald Goetz, das mit besonderen Erwartungen konfrontiert war, weil es sein erstes seit den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts ist, seit "Jeff Koons", das ebenfalls am Deutschen Schauspielhaus uraufgeführt wurde, 1998, damals von Stefan Bachmann.

Jetzt hat Intendantin Karin Beier die Verantwortung übernommen, das Opus magnum des mittlerweile 66-jährigen ehemaligen Pop-Radikalen, sein Spätwerk zur politischen Kritik demokratischer Instabilität, auf die Bühne zu bringen, Premiere 9/11. Denn "Reich des Todes", das 19 Jahre nach den Anschlägen auf die USA 2001 in dem stark an Sesseln dezimierten und kalten Prunksaal des Hamburger Schauspielhauses gezeigt wurde, beginnt mit dem Rauch der einstürzenden Twin Towers. Von der Hinterbühne schwallt die Erinnerung an dieses Ereignis mit einem Knall auf die Beobachter zu. Und bei diesem Startschuss der neueren Kriegsgeschichte erwacht sofort der Gedanke, dass diese Zäsur inzwischen so weit entfernt hinter den Machtdeformationen der Gegenwart liegt, dass man schon vergessen hat, wie bereits am Anfang des Jahrhunderts die Anführer der "freien Welt" versuchten, die Demokratie in einen Führerstaat zu verwandeln.

Das "Reich des Todes", das Rainald Goetz in einem knapp 90-seitigen Text beschreibt, ist die Festung, in der es um den Tod der anderen geht. Der Führerstand, in dem Bush, Cheney, Rumsfeld, Condoleezza Rice und ein paar skrupellose Juristen im Schatten ihres Kriegs gegen den Terror die demokratischen Kontrollen ausgehebelt haben. Den langen ersten Teil dieses vierstündigen Abends dreht sich das Stück um die Rekonstruktion dieser Machenschaften, die ausgehend von Dick Cheney, der hier "Selch" heißt, zunächst die Folter in Gefangenenlagern ermöglicht haben, um dann immer tiefer in das demokratische System einzugreifen. Ziel: autokratischer Präsidialstaat.

Sebastian Blomberg spielt diesen Schattenpräsidenten hinter dem gewählten Staatsoberhaupt "Grotten" (Wolfgang Pregler) mit jener Exaltiertheit, die Jack Nicholson einst dem Joker in Tim Burtons "Batman" gab. Geifernd, grell, übertrieben gemein, ein Entertainer der Staatsintrige, der keine Skrupel kennt. Und in diesem Ton aus Fiesheit und Farce entwickelt sich Karin Beiers Textinterpretation zwei Stunden lang zu einer Satire von Herrschaftsverhältnissen.

Nach der Pause verwandeln sich Text und Mittel zu mehr Ernst und Künstlerischem

Rumsfeld (Burghart Klaußner) tanzt mit Hitlertolle und schwarzen Reiterhosen, singt zum Banjo ein Schlager über die geglückte Verschwörung, während im Gegenreich des Todes, dem amerikanischen Gefangenencamp Abu Ghraib, die Folter getanzt wird und die Kommandantin (Anja Laïs) eine Karikatur aus Napoleon und KZ-Aufseherin ist, der die Schreie der Opfer Kopfschmerzen machen.

Überhaupt werden bereits von Goetz allerhand Parallelen zwischen Bush- und Nazistaat gezogen. Wie so häufig in der linken Kritik an Machtfülle werden Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und missbrauchten Demokratien gegenüber ihren Unterschieden übertrieben, um zu plakativen Vergleichen zu kommen. Aber das ist nicht das Problem dieser Verzerrung des Oval-Office-Personals zu Hollywoodschurken mit braunem Atem. Der Text von Rainald Goetz liefert in diesem schrillen Machtzirkus eitler Männlichkeit trotzdem genug Denkanstöße. Vor allem eine völlig überdrehte Nebenfigur hat ihre starken grotesken Auftritte, Selchs Privatsekretär Pinsk (Maximilian Scheidt), ein Anarchist im Weißen Haus. Zum Hindernis dieser Machtrevue wird vielmehr die Redundanz der Figuren. Spätestens nach einer Stunde ist alles gesagt und karikiert, worum es hier geht, nur noch nicht von jedem. Und so bleibt zur Pause das schale Gefühl zurück, die wiederholungsreiche Satire eines journalistischen Dossiers zur Bush-Regierung gesehen zu haben, in dem wenig Hilfreiches zur Frage gezeigt wurde, wie es möglich wird, im Zentrum der Demokratie gegen diese zu arbeiten.

Doch nach der Pause verwandeln sich Text und Mittel zu mehr Ernst und Künstlerischem. Da wird das Drama dichter bis zur Zumutung, die Reflexion tritt in den Vordergrund gegenüber dem Zynischen. Und plötzlich muss man genau zuhören, treten die körperlichen Mittel zurück hinter die sprachlichen, und es entfaltet sich ein großes Nachdenken über Recht.

Es geht um die großen Fragen, und warum man sie einfach nicht beantworten kann

Eine bedachte Stimme des ersten Teils, der Oberjustizrat Dr. Kelsen (Markus John), historisch der Widersacher des Machttheoretikers Carl Schmitt im Weimarer Methodenstreit um das richtige Staatsrecht, steht auf einem schneller werdenden Laufband und beschreibt die Schwierigkeiten gerechter Aufklärung. Es wird die Frage nach dem Bösen gestellt, ob es absichtsvoll oder trotz bester Absicht, das Richtige zu tun, in die Geschichte kommt. Und im Finale, einem fiktiven "Camp Justice", denkt ein Chor über den "Tempel der Vernichtung" nach, der drei Tore hat: das Tor der Gewalt, das Tor der Politik und das Tor des Rechts - davor der Abgrund, wie es in Rainald Goetz' Text heißt, den er, direkt vor der Bühne sitzend, teilweise mitsprach.

Beier inszeniert diese komplizierten und poetischen Grübeleien über Gerechtigkeit und wie man sie nicht nur erringt, sondern auch bewahrt, als großes vielstimmiges Orchesterwerk zu stark rhythmischer Musik von Jörg Gollasch, wie sie es schon früher in ihrer Kölner Zeit mit Jelinek-Texten getan hat. Es geht um die Faszination am Verbrechen wie bei de Sade und wann man sich als Täter fühlt oder als Revolutionär. Es geht um fett gedruckte Begriffe wie "Primitivität", "Authentizität" und "Destruktivität", um das große männliche Ich-Rauschen und um Wahrheit. Es geht eigentlich um die ganz großen Fragen, und warum man sie konsistent und endgültig einfach nicht beantworten kann, aber nicht davon ablässt, es zu versuchen. Es ist ein Chorwerk über die Moral im Rhythmus der Kunst, ein Schrei des verzweifelten Ringens um das Gute.

So entwickelt sich aus der kabarettistischen Bewertung faschistoider Gesinnung eine konzentrierte Überfülle der Gedanken, die man vermutlich zweimal ansehen muss, um die eigene Überforderung zu mildern. Aber wenn man Krieg verstehen will, der in diesem Stück als Ort der Handlung angegeben ist, dann hilft das Einfache nicht weiter. Egal, ob es der Krieg des Menschen gegen andere Menschen ist, oder der Krieg gegen die Lebensgrundlage aller, den wir gerade erleben. Das Reich des Todes ist am Ende zwar fatal demokratisch, weil es alle gleichmacht. Aber das Reich der Gerechtigkeit braucht ständige Bemühungen wie mit diesem herausfordernden Bühnenwerk.

© SZ vom 14.09.2020

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