Rainald Goetz im Interview:"Rendite ist nicht das primäre Geschäftsziel"

Lesezeit: 10 min

Siegfried Unseld hat das gelebt. Er steckte seine Kraft in eine Gemeinschaft von Autoren, war das persönliche Zentrum seines mittelständischen Unternehmens. Ist dieses Modell - der energetische Einzelne und sein Haus - in der Gegenwart noch lebbar?

Ich hoffe es sehr, weil es für Verlage ein gutes Modell ist. Ulla Unseld-Berkéwicz hat ja genau dieses Erbe angetreten. Dazu gehört übrigens auch die rechtlich jetzt so strittige Vermischung von Privatem und Geschäftlichem. Denn Privates und Geschäftliches in sich zuinnerst zu vermischen, ist die Essenz des Verlegerberufs, die Jobbeschreibung Verleger. Auch in der Realität des Handelns müssen Geschäftliches und Privates beim Verleger verbunden sein und dauernd ineinander übergehen. So die Seite des Tatsächlichen, der Praxis. Aber wie wird das bilanziell abgebildet? Für die Steuer, für den Geschäftsbericht der Gesellschaft. Ich kann mir sehr gut vorstellen, welchen irrwitzig aufwendigen Beleg- und Dokumentationsanforderungen ein Betrieb von der Größe Suhrkamps unterliegt, der nicht nur der Steuer gegenüber korrekt, sondern auch noch einem feindlich gesinnten Mitbesitzer gegenüber unangreifbar verfahren muss. Und das über Jahre hin. Es könnte durchaus sein, dass das real unmöglich ist. Dass man also auf die Beseitigung des Mitbesitzers hinarbeiten muss, oder, das wäre natürlich besser, der Feindschaft.

Dass Suhrkamp in den vergangenen Jahren (mit Ausnahme von 2010, durch den Verkauf von Immobilien und Archiv) stets Verluste gemacht hat, ist bekannt.

Das stimmt doch gar nicht! "Ist bekannt": wer sagt das? Können Sie die Bilanzen denn lesen und bewerten? Die Verlagsführung hat ganz andere Dinge dazu gesagt. Demnach hat der Verlag in den letzten Jahren auch im operativen Geschäft Gewinn gemacht. Ich kann das gar nicht überprüfen. Aber mit welcher Freude angestellte Journalisten jetzt die billigsten Phrasen des ökonomischen Sachverstands nachplappern und sich zu eigen machen, ist extrem lächerlich. Speziell Richard Kämmerlings hat sich da in der Welt hervorgetan: "schlechtwetterfeste Kostenstruktur", "ökonomische Vernunft", "sehr viel Geld verbrannt", "große Sorgen" etc. Ein Schwachsinn!

Der Vorwurf der Misswirtschaft dient Hans Barlach als Hauptargument gegen die gegenwärtige Geschäftsführung. Immer wieder wird vom "fehlenden Bestseller" geredet. Wie sehen Sie die ökonomische Realität des Unternehmens?

Diesen Vorwurf hat Barlach erhoben, seit er vor sechs Jahren Anteile am Verlag gekauft hat. Jetzt hat er im Spiegel wieder eine "auskömmliche Rendite" angemahnt, von "einem mittelfristigen Renditekorridor von 5 bis 15 Prozent" gesprochen. So redet kein vernünftiger Investor. Offenbar hat Barlach Schwierigkeiten, das Unternehmen, in das er sich eingekauft hat, und die ganze Branche gerade unter ökonomischem Gesichtspunkt zu verstehen. Publikumsverlage machen deutlich weniger Rendite, drei Prozent, vier Prozent.

Es ist auch gar nicht das primäre Geschäftsziel von Suhrkamp, Rendite zu erwirtschaften und so irgendjemandem ein "auskömmliches" Auskommen zu verschaffen, auch nicht dem Mitbesitzer. Der Verlag hat den selbstgestellten Auftrag, sich selbst zu erhalten. Das heißt, ökonomisch so erfolgreich zu sein, dass er sein hochkomplexes Programm jedes Jahr neu finanzieren kann. Das ist schwierig genug. So hat Unseld das Haus geführt. Und genau damit hat die jetzt seit fünf Jahren amtierende Geschäftsführung den Verlag stabilisiert: ökonomisch Selbsterhaltung, geistig Expansion.

Ein solches Programm braucht eine auch populär erfolgreiche Seite und manchmal einen Bestseller. In den 80er- Jahren hat ein einziges Buch von Isabel Allende ein ganzes zweites Haus neben dem alten Verlagsgebäude eingespielt. Und auch jetzt würde ein Bestseller helfen. "We need 2nd bestseller", hat der frühere Barlach-Gefährte Grossner, der sich später das Leben genommen hat, in seinen sms-Botschaften direkt nach der angekündigten Übernahme 2006 gefordert. Der Spiegel brachte damals einen sehr lustigen Artikel, der den ganzen Irrsinn der Neuinvestoren zeigte. Katharina Hacker stand mit ihrem Buchpreis-Sieger-Buch "Die Habenichtse" damals auf Platz eins. Später gab es Tellkamps "Der Turm". Jetzt länger nichts. Ja, wir sind tendenziell zu marginal, das ist eine Schwäche. Da sind die anderen, wie Rowohlt, Hanser, Kiepenheuer, Fischer, etwas besser. Aber wir haben in unsere Marginalität an vielen Stellen neu investiert, was langfristig wahrscheinlich auch ökonomisch die erfolgreichere Strategie ist als die stumpfe Reduktion von Kosten, die Barlach fordert.

Zur juristischen Realität gehört die Existenz eines Minderheits-Gesellschafters. Die gegenwärtigen Konflikte sind an die Person Hans Barlach gebunden. Davor gab es Konflikte mit Joachim Unseld und Andreas Reinhart. Sind diese Vorgeschichten von Bedeutung?

Ja, es wurde immer zu schnell und zu viel prozessiert. Und zwar von allen Beteiligten. Die Anwälte raten immer zu, sie leben nicht nur davon, sie lieben das auch, auch in auswegloser Lage weiter zu argumentieren und darauf zu hoffen, dass der Gegenseite irgendwann ein gravierender Verfahrensfehler unterläuft. Dass irgendjemand irgendetwas übersieht, dass die berühmte Nichtigkeit irgendwelcher Beschlüsse festgestellt werden kann. Im jetzt gegen den Verlag ergangenen Schadensersatz-Urteil wird mehrmals "Dr. Joachim Unseld" mit "Dr. Siegfried Unseld" verwechselt. Nicht weiter schlimm, man versteht, was gemeint ist. Es ist halt ein Fehler, Fehler passieren. Dem Gericht, dem Mehrheitsgesellschafter, dem Wirtschaftsprüfer. Aber es ist eine todtraurige Taktik, die Gegenseite in einem Konflikt die ganze Zeit darauf zu belauern, dass ihr ein rechtlich relevanter Fehler unterläuft.

Das Recht ist eine ziemlich herrliche Sache, der Rechtsstreit nicht. Er darf im Konflikt nur die Ultima Ratio sein. Gleichzeitig müssen außergerichtliche Verhandlungen laufen. Alle großen Firmen, die professionell Rechtsstreitigkeiten führen müssen, sind nebenher in Vergleichsverhandlungen mit der feindlichen Gegenseite. Man muss die menschlichen Dinge zurückstellen können. Ich habe da immer Friede Springer vor Augen, wie sie mit Kirch, der ja auch ihr Haus feindlich übernehmen wollte, umgegangen ist: freundlich, konziliant, aber in der Sache zielstrebig und erfolgreich. Jetzt hat sie ihren Ritter, der ihr das ermöglicht hat, Verlagschef Döpfner, auch noch zum Besitzer-Verleger gemacht, indem sie ihm paar Anteile geschenkt hat, für ein paar zig Millionen Euro. Das finde ich einfach großartig souverän und richtig.

Es gibt im Zivilprozess keinen Sieger, am Schluss verlieren alle. Ich habe mir das im Esra-Prozess über Jahre hin ganz aus der Nähe angeschaut. Oder Kirch, der seinen Prozess gegen die Deutsche Bank jetzt gewonnen hat. Nur leider ist er schon seit eineinhalb Jahren tot. Er erfährt nichts mehr von diesem Spättriumph, hat sich aber die letzten zehn Jahre seines Lebens im Rachefeldzug gegen diesen nichtigen Breuer verzehrt. Es ist eine Tragödie, ein großer Stoff, ein Horror. Nein, man muss die Konflikte anders lösen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB