Rahmenprogramm Macht Armut krank?

Das Festival "Politik im Freien Theater" hat viel mehr als Bühnenarbeiten zu bieten - von der Ringvorlesung über eine Filmreihe bis zur Schnippelparty.

Von Sabine Leucht

Was hat eine Koch- und "Schnippelparty" mit "geretteten" Lebensmitteln mit dem Theater zu tun? Oder eine Diskussionsrunde zum Thema "Bezahlbares Wohnen"? Zugegeben nicht viel. Aber dafür umso mehr mit unserer Zeit und der Stadt, in der das Festival "Politik im Freien Theater" heuer einkehrt, dessen Rahmenprogramm so riesig ist, dass man mit den Titeln der Einzelveranstaltungen eine ganze Zeitungsseite fluten könnte, ohne auch nur ansatzweise fertig zu werden. Allein das Kinder- und Jugendprogramm ist gigantisch, das Studium des Programmheftes Pflicht.

Ihr edukativer Schwerpunkt ist vielleicht das Alleinstellungsmerkmal der Triennale, die sich jeweils mit zahllosen kulturellen, sozialen und Bildungs-Akteuren vor Ort zusammentut, um über unterschiedliche Formate vom Workshop über Spaziergänge und Ausstellungen bis zur Party nicht nur die zu erreichen, die ohnehin schon kulturell und politisch engagiert sind, sondern buchstäblich alle. Ob man sich nun für den "kulturellen Reichtum hybrider Identitäten" interessiert oder nur unter Anleitung seinen alten Fernseher reparieren will, vorab steht auf jeden Fall schon fest: Hier nichts Geeignetes für sich zu finden, ist ausgeschlossen.

Mit dem Hashtag "reich" rennt das Festival bei seinem Bayern-Debüt ohnehin offene Türen ein - zumal in der Landeshauptstadt, deren andauernde Beliebtheit die Mieten in die Höhe treibt, wo aber zwischen vielen besonders Wohlhabenden immerhin 17 Prozent aller Münchner an der Armutsgrenze leben.

Im Film "The Florida Project" treffen Kinder alleinerziehender Mütter auf Willem Dafoe

Wer irgendwo dazwischen ist, kann etwa am 10. November an einem Thementag mit dem apodiktischen Titel "Es reicht!" gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer und der Journalistin Kathrin Hartmann nach dem Eros des Verzichts fahnden. Und eine in Zusammenarbeit mit "DOK.fest München" und dem internationalen Festival "Underdox" konzipierte Filmreihe wirft die unterschiedlichsten Schlaglichter auf die monetären, kulturellen und gesellschaftliche Ungleichheiten, die die westlichen Gesellschaften heute auch politisch spalten. Eines der Highlights unter den acht Spiel- und Dokumentarfilmen der Reihe ist sicher Sean Bakers "The Florida Project", in dem sich eine Gruppe Kids alleinerziehender Mütter dort, wo die Schattenregionen des amerikanischen Traumes an Disneyworld grenzen, besondere Freiheiten erobert. Der 2017 in Cannes herausgekommene Film über Kindheit, Menschlichkeit und Hoffnung, in dem der wunderbare William Dafoe einen zunächst grummeligen Hausmeister spielt, wurde vielfach ausgezeichnet.

Spezifische Münchner Probleme geht der Regisseur Wolfgang Ettlich in "BISS und die Angst vorm Fliegen" an, in dem er obdachlose Straßenmagazinverkäufer auf ihrem nicht immer leichten Weg zurück in den geregelten Alltag begleitet. Und Alexander Riedel zeigt in seinem auf detaillierten Recherchen basierenden dokumentarischen Spielfilm "Morgen das Leben" von 2010, wie seine drei Protagonisten einer eventuell rosigeren Zukunft hinterherhecheln. Als "Judith", "Ulrike" und "Jochen" sind die Münchner Schauspieler Judith Al Bakri, Ulrike Arnold und Jochen Strodthoff zu sehen. Aber auch der spanische No-Budget-Spielfilm "Der Geldkomplex - El complejo de dinero" wurzelt gewissermaßen in dieser Stadt - bei Franziska zu Reventlows Gedanken zur chronischen Geldnot der Bohème. Und er endet in einer spanischen Landkommune, wo man damit kreativ umzugehen weiß. Vom schmalen Grat zwischen dem Traum vom alternativen Leben und dem Abrutschen ins Prekäre in Spanien wie in Sachsen-Anhalt ("Familienleben" von Rosa Hannah Ziegler), vom Leben unter einer Brücke mitten in einem reichen Land, aber auch vom Jetset handeln die Filme und der etwas wohlfeil wirkenden Frage: Wonach streben, wenn man schon alles hat ("A Modern Man")?

Und auch die Ludwig-Maximilians-Universität schaut auf beide Seiten der Münze, die die Habenichtse von den Reichen trennt: Sieben Lehrstühle haben sich hier für eine interdisziplinäre Ringvorlesung zusammengetan, die "Perspektiven" aufzeigt etwa auf den Zusammenhang zwischen Schönheit und Reichtum, den Komplex Altersarmut oder die Frage, wie der in der Antike entwickelte Gedanke von "Asyl als Gastrecht" an den heutigen Realitäten und Mentalitäten scheitert.

Wie fast alle anderen sieht auch diese Veranstaltungsreihe die Mitwirkung des Publikums vor. So lockt etwa "Perspektiven IV: Das Finanzsystem und die Ungleichheit" am 8. November im Theater HochX nicht nur mit interessanten Referenten aus dem Feld der Wirtschaftspolitik, "pluralen Ökonomik" und Performance, sondern auch mit dem Versprechen, dass sowohl die Kunst als auch das Publikum in die Entwicklung von Lösungsansätze mit einbezogen werden.