Fotoband:Bis zur letzten Runde

Jay Glennie Raging Bull - The Making Of

Gemeinsam im Ring: Martin Scorsese und Robert De Niro bei den Dreharbeiten zu "Raging Bull".

(Foto: Coattail Publications)

Was macht ein Werk zum Meisterwerk? In einem Fotoband erzählen Robert De Niro, Martin Scorsese und andere von der Entstehung ihres Filmklassikers "Raging Bull".

Von Tobias Kniebe

Es gibt ja doch immer tausend falsche Abzweigungen, die das Leben so nehmen kann. Besonders gut sieht man das in den Künsten. Je genauer man schaut, wie so ein Werk entstanden ist, das heute als Meilenstein und Meisterstück gefeiert wird, desto mehr Hindernisse und Fallstricke tauchen auf. Und irgendwann ist da vor allem ein Gefühl der Staunens und der Dankbarkeit, dass manchmal doch etwas - wirklich - gelingt.

Der Engländer Jay Glennie ist ein Trüffelschwein solcher Geschichten, was das Kino betrifft. Seine jüngste Großrecherche hat er dem Film "Wie ein wilder Stier" aus dem Jahr 1980 gewidmet. "Raging Bull - The Making Of" heißt der opulent bebilderte Erinnerungsband, der daraus entstanden ist, und man merkt sofort, dass Robert De Niro und Martin Scorsese diesem vertrauenswürdigen Autor ihre privatesten Archive geöffnet haben.

Es ist alles drin, was es über "Raging Bull" zu wissen gibt, von nie gesehenen Fotos über die wildesten Notiz-Kritzeleien im Faksimile bis zu handgeschriebenen Verehrungskarten der Kollegen nach der ersten Vorführung (darunter, besonders eindrucksvoll, Al Pacino). Erschienen ist der Band, bisher nur auf Englisch, in dem ambitionierten Kleinverlag Coattail Publications aus Chelmsford nahe London. Dort gibt es die Bücher in limitierten Editionen und nur direkt bestellbar, wofür der Preis von 100 Pfund dann wieder gar nicht so überzogen erscheint.

Jay Glennie Raging Bull - The Making Of

Robert De Niro, ramponiert vom Maskenbild. Testaufnahmen aus Jay Glennies Fotobuch "Raging Bull - The Making Of".

(Foto: Coattail Publications)

Eines wird schnell klar, wenn man in dieses Making-of eintaucht - die ultimative Schwierigkeit, aber auch die finale Größe des Films hängen ganz an der Persönlichkeit jenes tobenden Bullen, dessen Leben hier erzählt wird. Jake LaMotta, 1922 geboren und auch der "Bulle der Bronx" genannt, war ein Boxer mit unglaublichen Nehmerqualitäten im Ring und Weltmeister im Mittelgewicht von 1949 bis 1951. Zugleich aber war er ein nahezu unerträglicher Mann - zeitlebens wütend, jähzornig, brutal eifersüchtig und gewalttägig nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen seine Ehefrauen. Die typische Wendung einer Filmbiografie, dass einer die eigenen Monster besiegen muss, um zur Hauptfigur zu werden - die enthält sein Leben nun gerade nicht.

Und doch ist es Robert De Niro vor allen anderen, der glaubt, dass in diesem Leben ein großer Film steckt, dass er geboren ist, den Mann auf der Leinwand zu verkörpern. Mit dieser Sicherheit bleibt er lange allein. Martin Scorsese, sein Freund und Wunschregisseur und zugleich der führende Asthmatiker des Weltkinos, stellt erst einmal fest, dass er mit Sport- und vor allem Boxerfilmen gar nichts anfangen kann. Dabei bleibt es auch lange, aber immerhin steigt als Produzent Irwin Winkler ein, der mit "Rocky" gerade einen Boxer-Welterfolg hingelegt hat. Was aber zu einem neuen Problem führt: Die Geschichten vom Aufstieg und Fall im Ring, sind sie nicht alle längst auserzählt?

Ein paar Jahre und viele Drehbuchfassungen später ist immer noch keiner wirklich überzeugt - bis Paul Schrader als Script-Doktor angeheuert wird und entdeckt, dass Jake LaMotta seinen Bruder Joey aus seinen Statements und Erinnerungen irgendwie "herausretuschiert" hat, wie er später sagen wird. Mit dem Verhältnis der beiden Brüder, die nur zusammen funktionieren und doch nicht auf Dauer klarkommen, nimmt die Geschichte Fahrt auf, wird mehr als ein Drama um Erfolg und Misserfolg. Dank dieser Figur des Bruders, mit der Joe Pesci seine Karriere begründen wird, ist auch Scorsese irgendwann überzeugt - nur die Studiochefs von United Artists noch nicht.

Jay Glennie Raging Bull - The Making Of

Robert De Niro und Joe Pesci (rechts) spielen Brüder in "Raging Bull" - für Pesci war es der Karrierestart.

(Foto: Brian Hamill/ Coattail Publications)

Einer habe, daran erinnern sich De Niro und Scorsese übereinstimmend, ihre Hauptfigur bei einem Treffen einmal als "Kakerlake" bezeichnet, die keinerlei Empathie und Interesse verdiene und im Kino nichts verloren habe - von einem möglichen Erfolgsfilm brauche man gar nicht erst zu reden. De Niro, der an diesem Punkt schon literweise Herzblut und Jahre der Überzeugungsarbeit investiert hat, steht nun selbst kurz vor einem Gewaltausbruch. Nur noch ein schneller Abbruch des Meetings kann das Schlimmste verhindern.

Und dann wird mit ganz harten Bandagen gekämpft: Irwin Winkler gibt zu verstehen, dass es ohne den "Raging Bull" auch keinen zweiten "Rocky" für das Studio geben wird - damit ist jeder Widerstand von oben quasi ausgeknockt. Und Scorsese und De Niro fahren auf die Karibikinsel St. Maarten, um die finale Version der Geschichte selbst zu schreiben, sich das Ding vollständig zu eigen zu machen. Das Foto, auf dem sie mit Cocktails und irren Strohhüten am Strand posieren, um sich von der düsteren Geschichte zu erholen, ist ganz für sich allein schon ein Bild für die Ewigkeit.

Jay Glennie Raging Bull - The Making Of

Rückzug in der Karibik: Robert De Niro und Martin Scorsese schreiben die finale Fassung von "Raging Bull".

(Foto: Coattail Publications)

Schließlich und endlich darf das alles Früchte tragen: De Niros jahrelanges Training mit LaMotta, durch das er der Form eines Champions immer näher kommt; Scorseses Ringen mit der Frage, wie man einen Boxkampf noch einmal anders filmen kann, mit radikalen Perspektiven und Bildgeschwindigkeiten, vor allem aber in Schwarz-Weiß, um dem spritzenden Blut seinen ordinären Charakter zu nehmen. Und schließlich De Niros ausgedehnte Fresstour in Frankreich und Italien, während die Dreharbeiten ruhen - das zusätzliche Fett verleiht ihm erst die aufgedunsene, hoffnungslose Aura des gescheiterten Champions, die für den zweiten Teil des Films so entscheidend ist.

So viel hätte schiefgehen, anders kommen, im Nirgendwo versanden können - daran muss man am Ende noch einmal denken, wenn Größen wie Francis Ford Coppola, Michael Mann, David O. Russell oder Richard Linklater in bewegenden Statements berichten, wie sehr "Raging Bull" ihre eigene Arbeit geprägt und verändert hat. Die Frage aber, was ein Werk zum Meisterwerk macht - sie zersplittert schließlich doch in tausend Details und einem großen, alles überwölbenden Impuls: weitermachen! Anders gesagt, sie bleibt ein Mysterium, auch wenn nun alle Quellen offenliegen und jeder seine Erinnerungen beigesteuert hat. Aber vielleicht ist es genau dieses Rätsel, das jedes Mal neu für Energie sorgt, wenn irgendwo auf der Welt wieder jemand "Action!" ruft.

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Jay Glennie: Raging Bull - The Making Of. 322 Seiten. Coattail Publications, Chelmsford, 2021. £ 100, direkt bestellbar bei www.coattail-publications.com.

© SZ/khil
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