Raffael-Ausstellung in Dresden Kult um gelangweilte Engel

Sie sitzen zu Füßen eines der bekanntesten Gemälde der Welt. Gemeinsam mit Raffaels "Sixtinischer Madonna" werden zwei Engel 500 Jahre alt. Eine Ausstellung in Dresden erzählt jetzt die Geschichte der beiden Rabauken, die auch Klopapierrollen, Keksdosen und Bausparangebote zieren - und fördert dabei einen uralten Wettstreit zwischen Raffael und Michelangelo zu Tage.

Von Kia Vahland

Es gibt Gemälde, die sind so stark, dass sich sehr verschiedene Epochen auf sie einigen können. Solch ein Bild ist die Sixtinische Madonna von Raffael (1483- 1520): Im frühen 16. Jahrhundert dient das Werk dem Kirchenstaat als universales Heilsversprechen, um 1800 versinnbildlicht es den Aufbruch in eine Gesellschaft denkender und fühlender Individuen, in der Umbruchszeit nach 1989 erhoffen sich viele Menschen von den beiden Engelchen am unteren Bildrand Trost, Halt und Kontinuität.

Es ist eines der berühmtesten Bilder der Welt, dabei kennen die meisten nur diesen kleinen Ausschnitt davon: Raffaels "Sixtinische Madonna" wird jetzt in Dresden in einer Ausstellung gewürdigt.

(Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister)

Wieso Raffael und warum dieses Bild? Wie wird ein vom Papst beauftragtes Gemälde zum Kultobjekt der bürgerlichen säkularen Gesellschaft? Das Werk erlebte seine größte Verehrung nicht, solange es noch an seinem Ursprungsort hing, über dem Altar der Klosterkirche San Sisto im norditalienischen Piacenza. Weltbekannt wurde es nach dem Transport durch den sächsischen Kurfürsten 1754 nach Dresden. Die Madonna machte ihre Karriere erst als Museumsstück.

Die Dresdner Kunstsammlungen feiern nun den 500. Geburtstag ihres größten Schatzes und erklären aus diesem Anlass die Geschichte des Werks in einer so präzisen wie anregenden Ausstellung. Erst einmal gilt es, alle Vorurteile der Moderne um 1900 gegen Raffael zu vergessen. Lieblich soll er sein, allzu harmoniebedürftig und perfekt? Ein weltfremder Friedensprediger? Wenn ein Werk Raffaels diese Vorwürfe gegen den Künstler überstanden hat, dann die Sixtina.

Das liegt nicht nur an den Engeln, die auf den Kaffeetassen der Wohnzimmertische prangen, egal welcher Zeitgeschmack gerade herrscht. Es liegt vor allem daran, dass dieses Gemälde nie heimelig, geschweige denn süßlich war, so wie auch Raffael keineswegs stets jenes sonnige Gemüt an den Tag legte, das ihm seine frühen Biografen nachsagen.

Die Legende will in Michelangelo das Raubein sehen, das unleidliche, in sich zerrissene und gewaltsame Genie, das sich einsam auf seinem Malgerüst in der Sixtinischen Kapelle quälte. Raffael dagegen, der gleichzeitig die päpstlichen Gemächer, die Stanzen, ausmalte, soll mit seinem engelsgleichen Wesen seine Umgebung bezaubert haben.

Diese Stereotypen der Kunstliteratur aus der Spätrenaissance mussten dazu führen, dass der moderne Mensch sich erst einmal mehr mit Michelangelo identifizierte als mit Raffael: Zu attraktiv ist die Idee vom kreativen Querkopf und seinen siegreichen Wutanfällen gegen die Obrigkeit.

Ein Maler von energiegeladener junger Männlichkeit

Tatsächlich aber zeigen gerade die Fresken im Vatikan ein anderes Bild. Michelangelo, der Pazifist, malt in der Sixtinischen Kapelle Friedensbotschaften an die Decke: Gott erschafft Adam aus Zuneigung, der Mensch liebt Gott. Es ist Raffael, der Michelangelos Erfindungen in der Stanza d'Eliodoro in ihr kriegerisches Gegenteil verkehrt: Dort wird aus dem freundlichen Fingerzeig Gottes auf sein erstes Geschöpf ein fingerschwingender Racheengel. Aus der Figur des friedvollen Adam wird ein sich am Boden windender Übeltäter, der Tempelräuber Heliodor. Das Papsttum verbreitet seine Ideen mit dem Schwert in der Welt.

Die Dresdner Ausstellung dokumentiert diese wenig liebliche Seite Raffaels mit dessen Vorzeichnung für einen der beiden Racheengel aus der Stanza d'Eliodoro. Wehende Haare, entschlossene Züge: hier schwebt ein dynamischer neuer Menschentyp durch die Malerei. Zu sehen ist neben dem Entwurf auch ein Ausschnitt des originalen Freskos: Restauratoren der Nachkriegsjahre haben tatsächlich ein Stück Putz mit Vorzeichnung aus der Wand gelöst und eingerahmt. In der Ausstellung meint man beinahe, in dem Kopf ein ideales Selbstporträt des Künstlers zu erkennen - ein Typus energiegeladener junger Männlichkeit, mit dem der Künstler sich identifiziert haben könnte.

Das Fresko entstand für Papst Julius II. (1443-1513). Damals hielt der französische König beträchtliche Teile Italiens besetzt, und Julius verlor eine Schlacht nach der anderen. Er schwor, sich bis zur Vertreibung der Franzosen nicht wieder zu rasieren, und schickte immer neue Heere ins Feld. Ostern 1512 starb eine fünfstellige Zahl Soldaten bei der Schlacht nahe Ravenna, die meisten auf Seiten des Kirchenstaates. Ein solches Gemetzel galt damals als beispiellos. Nicht nur Michelangelo war ob der Kriegstreiberei seines Chefs verzweifelt.

Der wollte nicht aufgeben und heuerte Schweizer Söldner an - die wider Erwarten beim Marsch gen Rom die norditalienischen Städte befreiten. So kam auch Piacenza in die Obhut des Vatikans. Zum Dank versprach Julius den Bewohnern des Ortes ein Geschenk, das sie "nie vergessen sollten": ein Altarbild Raffaels.