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Fünf Favoriten der Woche:Wer will Gitarre lernen?

Der traurigste Akkord der Welt, ein Bildband aus Südafrika, Material gegen Verschwörungstheorien, Fressgedichte und ein verschollen geglaubtes Violinkonzert.

Von SZ-Autoren

Jo Ractliffe

Bilder aus Südafrika - aufgenommen mit einer einfachen Kamera: "Doll's Head" von Jo Ractliffe.

(Foto: Steidl Verlag)

So ein Buch erscheint nur noch selten: knapp fünfhundert Seiten, viele davon zum Ausklappen, aufwendigster Druck, hervorragende Grafik. Der Steidl-Verlag hat offensichtlich keinen Aufwand gescheut - und es ist zu hoffen, dass die Fotografin Jo Ractliffe, deren Werk hier opulent ausgebreitet wird, nun endlich die Aufmerksamkeit erfährt, die sie verdient hat. Denn während die im Jahr 1961 in Südafrika geborene Künstlerin, die in Cape Town an der Akademie studiert hat, Kuratoren wie dem verstorbenen Okwui Enwezor als eine der "ikonischsten Fotografinnen weltweit" galt und ihr Werk in Museen wie der Londoner Tate Modern oder dem New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt wurde, fehlt es immer noch an umfassenden Retrospektiven zu den seit den Achtzigerjahren entstandenen Fotografien, die, bei aller Schönheit, häufig nicht leicht auszuhalten sind: Jo Ractliffe hat in den elenden Zonen von Südafrika fotografiert und nach dem Bürgerkrieg in Angola oder die Gräber von Flüchtlingen in Namibia. Ob es leere Tonnen sind, die den Vordergrund eines Seepanoramas vollrümpeln oder das krakelige Holzschild "Terreno Ocupado", das auf einem kahlen Hügel aufragt - die dokumentarischen Motive von Straßen, Feldern, Siedlungen sind kontaminiert mit Geschichte. Die Landschaft, die nach dem Konflikt zurückbleibt, wird für Ractliffe nicht wieder Natur werden. Das Buch "Jo Ractliffe. Photographs 1980s - now" ist auch in dieser Hinsicht eine aufmerksame Auswahl, es kann in diesem Jahr die längst überfällige Retrospektive in Deutschland - fast - ersetzen. Catrin Lorch

Frank Peter Zimmermann

Galt lange als verschollen: Bohuslav Martinus erstes Violinkonzert.

(Foto: Bis)

Manche Musikstücke werden entdeckt wie verloren geglaubte Schätze. Bohuslav Martinůs erstes Violinkonzert ist so ein Fund, der lange als verschollen galt. Bestellt hatte es in den Dreißigerjahren in Paris der Geiger Samuel Dushkin, ein Freund Martinůs. Dushkins Name und Ruhm sind aber untrennbar mit dem Igor Strawinskys verbunden, dessen Violinkonzert er uraufführte; während der Entstehung beriet er den Komponisten violinistisch. Doch mit Freund Martinů gelang das nicht gleichermaßen, obwohl der selbst professioneller Geiger war. Immer wieder hatte Dushkin etwas auszusetzen. Irgendwann verloren beide die Lust, und so geriet das Konzert ins Abseits. Unvollendet sei es gewesen, wohl nicht gelungen, verloren. Erst 1968 stieß der Martinů-Spezialist Harry Halbreich, der an einem Martinů-Werkverzeichnis arbeitete, auf das Manuskript, das seit 1961 in einem amerikanischen Archiv lag. Wer ihn darauf aufmerksam machte, wir wissen es nicht. 1973 endlich, 14 Jahre nach Martinůs Tod, wurde es von Josef Suk beim Chicago Symphony Orchestra unter Georg Solti uraufgeführt.

Rhythmisch vertrackt, virtuos höchst anspruchsvoll, witzig und neobarock raffiniert - all das verlangt einem Geiger helle Wachsamkeit, Leichtfüßigkeit und spielerische Reaktionsschnelligkeit ab im vielfältigen Dialog mit dem Orchester, das ebenfalls stets behend, geschmeidig und animierend "gesprächsbereit" agieren muss. Wie Frank Peter Zimmermann und die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hrůša dieses Konzert bei ihrer Aufnahme von 2018 fulminant und scheinbar mühelos in Szene setzen, ist eine Wucht (BIS-Verlag). Man spürt, mit welcher Lust der große Geiger die rhythmischen Finessen auskostet, höchste Spitzentöne blitzen lässt und dennoch im Eifer des Gefechts nie die Gelegenheiten zu herrlicher Violinpoesie versäumt. Ganz anders gibt sich das bekanntere 2. Violinkonzert, das Martinů in Amerika 1943 für den berühmten Mischa Elman schrieb, einen Geiger mit außergewöhnlich anrührendem Ton. Dementsprechend lyrisch, schwelgerisch, gesanglich entfaltet sich das Stück, das Zimmermann mit betörendem Legatospiel verwirklicht, wunderbar von den Bambergern darin unterstützt.

Und dann gibt es auf dieser tollen CD noch die Einspielung von Béla Bartóks später, für Yehudi Menuhin geschriebener, grandioser Solosonate. Das ist nun im Gegensatz zu Martinů eine vollkommen andere, herbe, bittere, einsame Welt, in die sich Zimmermann mit der ganzen Überzeugungskraft, dem unbestechlichen Ernst und der hohen klanglichen Intensität bedeutenden Violinspiels versenkt. Harald Eggebrecht

BPB-Plakat

Infoplakat der Bundeszentrale für politische Bildung

(Foto: Bundeszentrale für politische Bildung)

2020 war das Jahr, in dem Verschwörungserzählungen auch in Deutschland von der Obskurität zur sehr realen Gefahr wurden. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Informationsplakat gestaltet, das über sie aufklärt und das in Klassenzimmern, Büroküchen und vielleicht auch bei Familienfesten gut hinge. In mehreren schnell gelesenen Texten erklärt es, was diese Erzählungen ausmacht (sie lassen keine Gegenargumente zu, beziehen sich nicht auf seriöse Quellen), warum sie gefährlich sind (sehr oft beinhalten sie Antisemitismus oder andere Menschenfeindlichkeit und können zu Attentaten motivieren). Und, das ist besonders wichtig - das Plakat gibt Rat, wie man Menschen begegnen kann, die derlei Theorien verbreiten. Zum Beispiel mit dem Satz: "Ich mache mir auch Sorgen um die Zukunft, lass uns füreinander da sein." Kathleen Hildebrand

Fressgedichte

Nicht zu verwechseln mit den "Festgedichten": Thomas Gsellas neue Sammlung.

(Foto: Haffmans Verlag)

Ohne jetzt gleich von Geistesnahrung anfangen zu wollen, aber: Hier wäre ein womöglich hilfreiches Werk, um nach den Großgelagen der vergangenen Tage langsam wieder auf kulinarischen (und schon auch intellektuellen) Normalbetrieb zurückzufinden. Quasi: Lyrisches statt Lukullisches. Verse statt Färse. Thomas Gsella, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, hat gedichtet - übers Essen. "Fressgedichte" nennt er das, bitte nicht zu verwechseln mit den "Festgedichten". Die gibt es auch und sie sind auch eine große Freude, aber hier geht es um mehr. Um Nahrungsaufnahme, klar. Aber eben auch ums Fressen und Gefressenwerden. So etwa: "Die Biene sprang im Drogenwahn / Den mittagsmüden Grizzly an / Schlug mehrfach viehisch brüllend drauf / Und fraß ihn dann in toto auf." Wohl bekomm's. Jakob Biazza

Tom Bukovac

Sooo traurig sieht Tom Bukovac eigentlich gar nicht aus, wenn er "the saddest chord of all times" spielt.

(Foto: Youtube/Tom Bukovac)

Aus Quarantäne-Frust und Langeweile begann der amerikanische Studiogitarrist Tom Bukovac vor ein paar Monaten auf Youtube seine "Corona Lessons", die er inzwischen "Homeskoolin'" nennt. Er ist einer von den Helden des Pop, die keiner kennt, obwohl er sie sehr wahrscheinlich schon einmal auf einem Lieblingsalbum spielen hörte. An mehr als 500 Alben unter anderem von Stars wie Willie Nelson, Sheryl Crow oder Lionel Richie war er schon beteiligt. In seinen Videos sitzt der äußerlich sehr symphatisch abgewohnte Mittvierziger immer mit T-Shirt, struppigem Bart und Bierflasche vor seinem iPhone an einer Werkbank in seiner hell erleuchteten Garage, die unübersehbar längst keine Garage mehr ist, sondern eine Rumpelkammer. Und dann erklärt er beiläufig-lässig, hoch musikalisch und zugleich virtuos-ökonomisch, wie das alles funktioniert mit der Gitarre und der Musik an sich. Als ob der Big Lebowski ein Instrument spielen könnte und Ry Cooder Spaß daran hätte, ein bisschen darüber zu plaudern. Nur so, weil wir hier gerade in der Rumpelkammer zusammensitzen. Allein zu sehen, wie Bukovac das Instrument anfasst, sein unglaublicher Ton, ist eine Offenbarung. Ihm gelingt dabei das Kunststück, so etwas wie eine konkrete Ahnung davon zu vermitteln, was das heißen soll, dass es nicht darauf ankommt, was man spielt, sondern wie man es tut. Zauber des soften Touchs. Wer's nicht glauben will, der sehe sich nur das Video zum "Saddest chord of all time" an. Jens-Christian Rabe

© SZ
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