"Rabbi Wolff" im Kino So einen Rabbi hat die Welt noch nicht gesehen

William Wolff lebt in Großbritannien, arbeitet aber in Rostock, Schwerin und Wismar.

(Foto: Salzgeber)

Auf William Wolff will kein Klischee passen: Der 89-jährige Rabbi feiert Weihnachten und rasiert sich täglich. Eine deutsche Filmemacherin hat dem Querkopf eine Doku gewidmet.

Filmkritik von Thorsten Schmitz

Der Film beginnt mit einem Mittagsschläfchen. Müdigkeit hat William Wolff übermannt, mitten im Interview. Den Kopf zur Brust hin genickt, schnarcht der Rabbiner, bis die Regisseurin sich räuspert. Im Nu ist der alte Mann hellwach. "Tut mir ja so leid", sagt er. "Sind wir alle da?"

Dass William Wolff mitten im Interview von Erschöpfung heimgesucht wird, ist kein Wunder. Das Wunder ist der Mann selbst. Sein Lebenselixier sind Rastlosigkeit, Neugier und eine Herzensoffenheit, die jegliche Dimensionen sprengt. Drei Jahre lang hat Britta Wauer ihn beobachtet, in Großbritannien, Israel und in Mecklenburg-Vorpommern. Wolff tauchte bereits in ihrem großartigen Dokumentarfilm "Im Himmel, unter der Erde" über den Jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin auf. Wauer fand schon damals, Wolff sei einen ganzen Film wert.

So einen Rabbiner hat die Welt noch nicht gesehen. William Wolff lebt allein in einem Dorf bei London und arbeitet in den jüdischen Gemeinden von Rostock und Schwerin/Wismar. Dafür fliegt er alle zwei Wochen nach Hamburg. Vom Leben kann Wolff, der mit seiner Familie 1933 vor den Nazis zuerst nach Amsterdam, dann nach Großbritannien geflüchtet ist, nicht genug bekommen. Er selbst aber hat keines in die Welt gesetzt. Keine Enkelkinder toben um ihn herum, wenn er zurückkehrt aus Deutschland in sein Haus, in dem sich Bücher und Zeitungen stapeln. Auch einen Bart trägt er nicht, was die russischstämmigen Juden im Mecklenburgischen irritiert hat. Ein Rabbi, der sich jeden Tag rasiert?

Ein Handy besitzt er zwar, aber das meist im Handschuhfach seines Autos

Kein Klischee will auf den Rabbiner passen. Wenn er sich im Flughafen Heathrow mit Zeitungen eingedeckt hat und noch Zeit bis zum Abflug bleibt, zieht er seine Schuhe aus und beginnt die Lektüre im Schneidersitz. Das jüdische Neujahrsfest feiert er, klar, aber eben auch Weihnachten, jedes Jahr, bei seinen britischen Freunden unterm geschmückten Tannenbaum. Die Zeitungsberge zu Hause werden einmal in der Woche von seiner Assistentin entsorgt, denn bis zum Alter von 50 Jahren war Wolff Journalist - und manchmal sogar zu Werner Höfers "Frühschoppen" eingeladen.

Wer Rabbi Wolff sprechen will, muss Glück haben, ihn zu Hause in Großbritannien zu erwischen oder in einem seiner Büros in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Handy besitzt er zwar, aber das liegt die meiste Zeit im Handschuhfach seines Autos. Manche bringt seine Unerreichbarkeit zum Wahnsinn, etwa den jüdischen Gemeindevorsteher in Rostock, der sich aufregt, weil der Rabbiner mehrere Termine an verschiedenen Orten zugesagt hat. Das kann passieren, wenn man ständig unterwegs ist und zwar im Anzug zwanzig Kugelschreiber mit sich herumträgt - aber dann doch vergisst, einen Termin einzutragen. Aber eigentlich kann ihm keiner böse sein.

Wolff ist ein sehr freier Mensch, erfüllt von einer geradezu buddhistischen Unabhängigkeit. "In meinem Alter gibt es eigentlich nur zwei Pflichten: Mich sauber zu halten und mich fit zu halten", sagt er. Dazu gehört die jährliche Fastenkur. Der kleine, dünne Mann trinkt dann eine Woche lang nur Gemüsebrühe, weil "der Geist dann klarer ist und ich besser denken kann".

Der Mann war Journalist, bis er eines Morgen erwachte und wusste: Ich muss Rabbi werden!

Fit hält sich Wolff auch mit Wissensdurst. Morgens um 8 Uhr lernt er mit einer Privatlehrerin Russisch, um sich mit den Juden aus Moskau und Sankt Petersburg, die jetzt in Mecklenburg-Vorpommern eine neue Heimat gefunden haben, zu verständigen. Aber eigentlich sind sie ihm auch ein bisschen fremd, weil sie christliche Bräuche zelebrieren.

Fit hält sich Wolff auch mit Yoga, seit 60 Jahren praktiziert er das, fast jeden Tag. Nur den Kopfstand, den hat ihm jetzt sein Arzt verboten. Leidenschaften pflegt er auch. Sein gesellschaftlicher Höhepunkt im Jahr: im Juni mit seiner besten Freundin zum Pferderennen nach Ascot zu fahren. Dort wettet er dann sogar auch. Ihm sei wichtig im Leben, sagt er, "dass ich immer etwas mache, was mir Spaß macht. Und wenn ich empfinde, dass mir etwas keinen Spaß mehr macht, habe ich etwas Neues gefunden." So redet er, wenn man ihn fragt, wie einer nur so viel lachen kann.

Mit 50 Jahren hatte er keine Lust mehr, Politik-Chef des Daily Mirror zu sein, verkaufte seine Lebensversicherung und begann ein Rabbinerstudium. Es bleibt rätselhaft, was ihn zu diesem drastischen Schritt wirklich bewogen hat. Er sei eines Morgens aufgewacht und habe gewusst: "Das will ich machen!" Nur er weiß, ob das schon die ganze Wahrheit ist.

Nicht alle waren erfreut über den plötzlichen Sinnes- und Lebenswandel. "Meine Mutter habe ich als Letzte darüber informiert. Sie war entsetzt gewesen." Sagt er - und lacht.

Rabbi Wolff, D 2016 - Regie, Buch, Produktion: Britta Wauer. Kamera: Kaspar Köpke. Schnitt: Berthold Baule. Musik: Karim Elias. Salzgeber, 95 Min.