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R'n'B-Star Raphael Saadiq in Berlin:Die Welt ist betrunken und die Menschen verrückt

Raphael Saadiq Performs In Berlin

53 Jahre alt und noch immer klingt er wie ein junger Gott im Stimmbruch: Raphael Saadiq am Mittwochabend auf der Bühne des Berliner Columbia Theaters.

(Foto: Redferns)

Der amerikanische Soul- und R&B-Star Raphael Saadiq bringt im Berliner Columbia das Kunststück fertig, düster zu klingen, aber nicht verzweifelt.

Ein kleiner Junge besucht seinen 15 Jahre älteren Bruder im Gefängnis. Er hat noch keinen Begriff davon, was es heißt, eingesperrt zu sein, er denkt sich: Wenn meine ganze Familie am Sonntag ins Auto steigt, um meinen Bruder Jimmy zu sehen, dann muss der wohl so etwas wie ein Star sein? Der Junge findet das alles noch nicht tragisch. Aber: Warum gibt es vor dem Gefängnis zwei Parkplätze? Der eine steht voller schöner Autos, der andere voller, nun ja, nicht so schöner Autos. Erst später wird er verstehen: Die schönen Autos gehören den Bezirksstaatsanwälten, die dafür bezahlt werden, diejenigen zu verteidigen, die zu arm sind, um sich Anwälte leisten zu können. Und die weniger schönen Autos gehören den Familien der Insassen. Die Familien, die Häftlinge, aber nicht die Anwälte: Sie sind fast alle schwarz.

Als der amerikanische Soul- und R&B-Star Raphael Saadiq am Mittwochabend im Berliner Columbi- Theater in einem fabelhaften Konzert sein neues Album "Jimmy Lee" (Columbia) vorstellte, war dies eine der ergreifenden Anekdoten, die er aus seinem Leben erzählte. Jimmy Lee hieß sein älterer Bruder. Jimmy war Junkie, er fing sich durch die Nadel das HI-Virus ein, bekam Aids. In den Neunzigerjahren starb er an einer Überdosis. Lange war Raphael Saadiq, dessen Karriere mit 17 als Bassist in der Tourband von Prince begann und der Songs für fast alle geschrieben hat, die in der schwarzen Musik heute Rang und Namen haben - Mary J Blige, Snoop Dogg, John Legend, Solange Knowles -, der Ansicht, dass so eine Geschichte nicht auf ein Album gehöre. Raphael Saadiq, das war dem Selbstverständnis nach kein Schmerzensmann, sondern ein für das Laszive zuständiger Soulman, der Schlafzimmermusik macht, oder auf seinem Album "The Way I See It" von 2008: ein Mann für perfekt inszenierten Feelgood-Retro-R&B. Den überbrachte er mit einer Bigband in Sixties-Anzügen. Von letzterem Album wählte kürzlich Barack Obama noch den Song "100 Yard Dash" für seine "Summer Playlist 2019" aus.

Nun aber: "Jimmy Lee", ein düsteres und doch nicht verzweifeltes Album, auf dem Retro keinen Platz mehr hat. Ein Album, auf dem Saadiq mit modernsten Interpretationen von Church-Blues, Gospel, R&B und Funkrock seines toten Bruders gedenkt. Aber natürlich sind diese Songs zugleich auch Meditationen über das aktuelle Amerika. Das Amerika der Opioidkrise. Das Amerika, dessen historische Kontinuität im Rassismus besteht. Das Amerika, das sich "Land of the Free" nennt, aber die Grenzen dichtmacht und so viele volle Gefängnisse hat wie kein anderes Land.

Das Berliner Columbia gleicht da einer Kirche während einer Spoken-Word-Predigt

Ein Hit des Albums heißt "Rikers Island", so wie die Gefängnisinsel im New Yorker East River, die bis 2026 endlich geschlossen werden soll und auf der immer wieder Häftlinge unter ungeklärten Umständen zu Tode kommen. "Lasst sie frei! Lasst sie frei!", singt Saadiq, mit 53 Jahren klingt er immer noch wie ein junger Gott im Stimmbruch. Seine reduzierte Tourband - Gitarre, Schlagzeug, Bass, Keyboards - spielt supertight. Mal fühlt man sich an Curtis Mayfields legendäre Drogendealer-Kritik "Pusherman" (1972) erinnert, dann gleicht das Columbia-Theater einer Kirche während einer Spoken-Word-Predigt: "And massah's still trying to trick himself into believing he picked the cotton, too" - in etwa: Statt sich mit ihrer Schuld und ihren Privilegien zu konfrontieren, finden die Weißen weiter Wege, sich einzureden, sie hätten auch unter der Sklaverei gelitten. Was soll man da singen außer: "This world is drunk and the people are mad"?

Die Welt ist betrunken, und die Menschen sind verrückt geworden: Selten hat man ein Konzert erlebt, bei dem so ein Refrain für so ausgelassene Stimmung sorgte. Die Fans beim einzigen Deutschlandtermin der aktuellen Tour jubeln, sie hängen an Saadiqs Lippen, singen ergriffen mit. Saadiq betont zwischen zwei Songs, die Geschichte von Jimmy Lee sei nicht nur traurig, sie habe auch lustige Seiten. So habe Jimmy Lee zum Beispiel jedes Mal, wenn er gerade nicht im Gefängnis saß und seine Mutter besuchte, einen neuen Hund mit dabeigehabt, den er dann aber natürlich wieder im Garten "vergaß". Seine Mutter packte die Tiere immer wieder in den Kofferraum, fuhr sie in den Park, setzte sie aus. Nur der Hund, den sie lieb gewann und den sie gern behalten wollte: Der lief dann weg.

Und dann will Raphael Saadiq noch wissen, wie viele Leute in Berlin auch so einen Jimmy Lee kennen - jemand, der mit seiner Sucht kämpft, jemand, dem man immer wieder Geld leiht im Wissen, dass man es nie zurückbekommen wird? Jemand, um den man sich ständig Sorgen macht? Vor der Bühne bleibt es erstaunlich ruhig. Da staunt Saadiq. Und sagt dann: "Vielleicht sollte ich nach Deutschland ziehen."

© SZ vom 25.10.2019
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