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R'n'B-Avantgardistin Sudan Archives in Berlin:Der Geigenbogen ist ein Schwert

Konzert  von   Sudan Archives @ Säälchen Berlin

Athene, als afro-japanische Karate-Geisha vom Holodeck: „Sudan Archives“ am Dienstag im Berliner Säälchen.

(Foto: Votos - Roland Owsnitzki)

Pop heißt nehmen, was man kriegen kann: Die amerikanische R'n'B-Avantgardistin und Geigerin Brittney Denise Parks alias Sudan Archives zielt auf die Harmonie grober Gegensätze.

Die Göttin der Weisheit, der Kampfkunst und des Handwerks, Athene, hat sich heute Abend als afro-japanische Karate-Geisha zurechtgemacht. Toll sieht sie aus mit den blitzenden Silbernadeln, die sie sich oben durch die schwarz-grünen Haarteile gesteckt hat. Ihr Plastik-Bustier erinnert an eine Amazonen-Panzerung. So hebt Brittney Denise Parks, die sich als Musikerin Sudan Archives nennt, ihre E-Violine an, und wüsste man nicht, dass sie gerade auf der Bühne des Berliner Säälchens steht, könnte man denken, sie fiedele sich vom "Star Trek"-Holodeck aus in eine Show-Spelunke aus "Blade Runner" oder ins afro-mythische "Black Panther"-Reich Wakanda.

Anders gesagt: Der Auftritt von Sudan Archives am Dienstagabend in Berlin war eine ausgezeichnete Gelegenheit nachzuvollziehen, warum von dem futuristischen und zugleich archaisch klingenden R'n'B der 25-jährigen Musikerin aus Cincinnati, Ohio, gerade sehr viele Menschen begeistert sind - junge und ältere Hipster, Nerds und Ohrwurmliebhaber der alternativen Art. Ihre Songs wie "Glorious" oder "Limitless" sind eingängig, und sie klingen wohl auch deswegen so erfrischend, weil sie sich auf keine kulturelle Reinheitsdebatte einlassen. In der Single "Glorious" liegt ein quietschiges Gefiedel, das im Ohr als "irisch-keltisch" identifiziert wird, über einem Monster-Flatter-Bass. Sudan Archives fiedelt den Song perfekt, auch wenn sie nie Geigenunterricht hatte.

Siebzig Minuten lang allein auf der Bühne zu stehen ist für Sudan Archives kein Problem

Die vergangenen Jahre waren ja geprägt von Diskussionen um kulturelle Aneignung. Die waren politisch wichtig, zeigten häufig aber auch ein eher beschränktes Kulturverständnis. Wer darf sich welcher kultureller Traditionen auf welche Weise bedienen, oder sollte es besser bleiben lassen? Wer kann sich musikalisch weiterentwickeln, wenn er doch lieber bei dem bleiben soll, was man ihm ohnehin schon zuschreibt?

Sudan Archives nimmt sich dagegen, was sie kriegen kann. Im Sudan war sie nie, aber wenn sie ihr fantastisches Debütalbum "Athena" (Stones Throw) unter ihrem Namen Brittney Denise Parks veröffentlicht hätte, wäre das Säälchen in Berlin nur halb voll geworden. In Interviews spricht sie über ihre Faszination für Ethnomusik-Archive und die Geigenmusiktradition im Sudan. So erst stößt mancher auf die superbe Kompilation "Two Niles to Sing a Melody: The Violins & Synths of Sudan", die 2018 erschien und dokumentiert, wie die Geige im Sudan populär wurde. Ein Song darauf, "Al Sourah (The Photo)" von Mohammed Wardi, klingt, als wären Hip-Hop-Grooves schon 1970, als es Hip-Hop noch gar nicht gab, in der Pekingoper gespielt worden.

"Huch, du auch hier?", sagen also Stile und Traditionen freundlich zueinander, wenn Sudan Archives sie mit ihren Saiten und Bogenhaaren zusammenbindet. Die Geige ist dabei natürlich nicht einfach ein Instrument, sondern die Königin der europäischen Sinfonietradition, oder: das Instrument des weißen Privilegs. Im schwarzen R'n' hat sie allerdings auch eine Tradition - wenn man an die Siebzigerjahre zurückdenkt.

Damals wurde der Philly Soul sinfonisch, das Label Philadelphia International Records hatte sein eigenes Orchester, MFSB. Das spielte mit "Love Is The Message" die buttrigste aller Disco-Hymnen ein. Philly Soul war der Sound der Bürgerrechtsbewegung. Die hatte ja erst ermöglicht, dass zwei schwarze Männer, Kenneth Gamble und Leon Huff, überhaupt ihr eigenes Label betreiben und ein Orchester unterhalten können. Dass Philly Soul die akustischen Möglichkeiten der Violine voll ausschöpfte, kann man allerdings nicht sagen. Die Geige war akustische Aufbettung. Luxus als Wohlklang.

Bei Sudan Archives dient die Geige nicht zur opulenten Untermalung, sondern zur Verinnerlichung, zur Identitätsbestimmung. Viele Songs, in denen Sudan Archives ihr Instrument klopft, zupft, streicht und sägt und die Spuren dazu durch die Effektkanäle eines neben ihr aufgestellten, bunt blinkenden Digitalgeräts schickt, klingen, als würden sie erst durch die Geige hindurch entstehen. Gesang und Instrument stehen sich manchmal eher gegenüber, als allzu sehr miteinander zu harmonieren. "Black Vivaldi Sonata" ist weder Sonate, noch Vivaldi, noch besonders schwarz - aber der Sound individueller schwarzer Selbstfindung.

Siebzig Minuten lang allein auf der Bühne zu stehen und ein paar Hundert Fans zu fesseln, ist für Sudan Archives kein Problem. In manchen Momenten hat sie sogar den konfrontativen Rap-Swagger - ein Geigenbogen kann auch ein Schwert oder ein Pfeil sein, vor allem, wenn mit einem Mann Schluss gemacht werden muss ("Coming Up"). So mancher Übergang zwischen den live erzeugten Glissando-, Pizzicato- und Säge-Loops und den von Festplatte zugespielten Rhythmusspuren könnte eleganter sein. Aber Sudan Archives geht es nicht um Eleganz, sondern um die Harmonie gröberer Gegensätze. Das Publikum ist begeistert. Und bekommt von ihr zwei Zugaben.