"Quo vadis, Aida?" im Kino:In Europa, vor nur 26 Jahren

"Quo vadis, Aida?" im Kino: "Quo vadis, Aida?" erzählt eine individuelle Geschichte, die stellvertretend stehen soll für die Frauen von Srebrenica und ihre 8372 getöteten männlichen Verwandten.

"Quo vadis, Aida?" erzählt eine individuelle Geschichte, die stellvertretend stehen soll für die Frauen von Srebrenica und ihre 8372 getöteten männlichen Verwandten.

(Foto: Christine A. Meier/Deblokada)

Ein hochpolitischer, bildstarker Film zeigt das Grauen von Srebrenica ohne die Gewalt offen auszustellen.

Von Annett Scheffel

Gleich zu Beginn erinnert der Film seine Zuschauer mit einer kurzen Einblendung an das Ungeheuerlichste: an Ort und Zeit der Grausamkeiten, von denen er in den nächsten 103 Minuten erzählen wird. "Europa, Bosnien - Juli 1995" steht da unter den Bildern heranrollender Panzer. Das "Europa" ist wichtig.

"Quo vadis, Aida?" erzählt von den unvorstellbaren Gräueltaten, die sich damals - vor nur 26 Jahren - mitten in Europa und unter den Augen der internationalen Staatengemeinschaft in Srebrenica ereigneten. Bosnisch-serbische Truppen der Armee der serbischen Republik und Paramilitärs unter der Führung von Ratko Mladić ermordeten damals in der bosnischen Kleinstadt mehr als 8000 zumeist männliche Zivilisten, die sie in Massengräber verscharrten.

Der hochpolitische, bildstarke Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić, der in diesem Jahr für einen Oscar als "Bester Internationaler Film" nominiert war, zieht einen sofort mitten hinein in die unheilvolle Stimmung dieser Julitage: Unter der drückenden Sommerhitze meint man die Anspannung und Todesangst auf dem Gelände einer alten Batteriefabrik mit den Händen greifen zu können.

Die Fabrik ist Stützpunkt einer UN-Einheit und steht eigentlich in der internationalen Schutzzone. Aber Schutz finden die Tausenden bosniakischen Einwohner von Srebrenica, die sich nach der Einnahme des Ortes hierher geflüchtet haben, hier nicht. Die Blauhelme sind heillos überfordert und schließen die Schutzburg bald wegen Überfüllung. Und so harren Tausende vor dem Stacheldraht aus.

Jasmila Žbanić geht mitten hinein in den dunkelsten Moment des Krieges

Die Handlung folgt Aida. Die ehemalige Lehrerin arbeitet als Übersetzerin für die UN-Truppen. Sie selbst ist in Sicherheit. Nicht aber ihr Mann Nihad sowie die beiden Söhne Hamdija und Sejo, was sie mit zunehmend panischem Organisationswillen und über alle verfügbaren Beziehungen zu ändern versucht. Denn Aida hat nicht nur die Gerüchte über Vergewaltigungen und Morde von Mladićs Soldaten gehört. Sie hat genug Verhandlungen übersetzt, um zu wissen, wie lebensgefährlich die Situation ist, und wie wenig man sich auf die Beschwichtigungen der UN verlassen kann.

Und so begleitet die Kamera Aida bei ihrer Hatz durch die Fabrikhallen, Gänge und provisorisch eingerichteten UN-Büros. Durch ein nie enden wollendes Labyrinth aus Metall und Beton, Schweiß und Angst. Hin und her zwischen den auf der Erde kauernden Zivilisten und den nervös rauchenden UN-Offizieren, die sich in ihrer Ohnmacht immer mehr ähneln. Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg, um ihren Mann und die Söhne in Sicherheit zu bringen.

Kinostart - 'Quo Vadis, Aida?'

Jasna Đuričić als Übersetzerin Aida, die in Sicherheit ist, aber sich immer hilfloser fühlt.

(Foto: Farbfilm Verleih/dpa)

Die serbische Schauspielerin Jasna Đuričić spielt Aida mit einer eindringlichen Mischung aus Verletzlichkeit und Getriebenheit. Sie drängt, verhandelt und trickst, sie rennt gegen immer neue Hindernisse an, während die Zeit verrinnt und die Handlungsspielräume immer enger werden. "Quo vadis, Aida?" erzählt davon wie ein echter Thriller. Mit dem einzigen Unterschied, dass es hier keine überraschenden Wendungen oder Rettung in letzter Minute geben kann. Das Ende des Films ist in seiner ganzen Grausamkeit von Beginn an historisch festgeschrieben. Aidas Kampf ist ein Kampf gegen das Unausweichliche.

Für Jasmila Žbanić sind der Bosnienkrieg und seine Schatten schon lange Thema. Die Regisseurin stammt aus Sarajevo und war 17, als der Krieg ausbrach. In ihrem Debütfilm "Esmas Geheimnis / Grbavica", der 2006 den Goldenen Bären gewann, beschäftigte sie sich mit der vom Krieg gezeichneten, zwischen Aufbruchstimmung und alten Verletzungen zerrissenen Nachkriegsgeneration. Mit ihrem neuen Film, einer europäischen Koproduktion von acht Ländern, geht sie nun zurück, mitten hinein in den dunkelsten Moment des Krieges.

Und es ist bewegend, wie sie von dem Genozid erzählt. In der Darstellung der Ereignisse ist sie dokumentarisch genau, aber nie nüchtern und sie nutzt einen narrativen Kniff: Das Ausmaß des Massakers wird durch den Fokus auf die individuelle Geschichte greifbarer. Aida - so steht es im Abspann -ist die Stellvertreterin für all die Frauen von Srebrenica "und ihre 8372 getöteten Söhne, Väter, Männer, Brüder, Cousins, Nachbarn...". Srebrenica, das ist die Multiplikation des einzelnen Schreckens.

Beeindruckend ist aber vor allem, dass Žbanić ein Film über Gewalt gelungen ist, der die Gewalt nicht offen zeigt. Der Horror liegt in den unheimlichen Momenten. Einmal steht Aida einem bewaffneten serbischen Soldaten gegenüber, der früher, als noch alle friedlich miteinander lebten, ihr Schüler war. Und als am Ende Männer in ein altes Kino geführt werden, sieht man nur Gewehrläufe, die sich durch Wandöffnungen schieben, bevor die Kamera sich zurückzieht - nach draußen auf die Straße, wo zwei leere Laster gespenstisch im Abendwind stehen. Ein Blutrausch ohne Bilder. Erschüttern wird er umso mehr.

Quo vadis, Aida? - Bosnien und Herzegowina/A/RO u.a. 2020. Regie und Buch: Jasmila Žbanić. Kamera: Christine A. Maier. Schnitt: Jarosław Kamiński. Mit: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Isaković. Farbfilm, 103 Min.

© SZ/khil
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