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Pussy Riot:Der Duft von Dissidenz

Das Kunstkollektiv Pussy Riot soll in Montenegro ein Frauenmuseum eröffnen. Nicht als rebellische Punks, sondern als Markenbotschafterinnen, die helfen sollen, den Küstenstaat zum Anlageobjekt zu veredeln.

Von Catrin Lorch

Neues von Pussy Riot: Marija Aljochina, ein Mitglied der russischen Punkband, die sich auch als Kunstkollektiv versteht, hat in New York angekündigt, in Montenegro ein "New Balkan Women's Museum" eröffnen zu wollen. Das Konzept ist kein künstlerisches, sondern einfach weiblich. Im Museum sollen nur Werke von Frauen ausgestellt werden - und ausschließlich Frauen angestellt sein. Als Kuratorinnen, Direktorinnen, Mitarbeiterinnen. Damit übertreffen Pussy Riot die Ansagen der seit den Siebzigerjahren existierenden Frauenmuseen, die sich bisher programmatisch vor allem für die Kunst von Frauen interessierten. Die Öffentlichkeit begleitet diese Pläne mit Aufregung, wobei die Medien überwiegend im Tonfall von "Was-haben-die-jetzt-wieder-angestellt?" berichten.

Denn auch wenn Pussy Riot weltweit berühmt sind, haben sich wahrscheinlich nur wenige mit der Musik und den Aktionen von Marija Aljochina, Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa beschäftigt. Überhaupt kannte man die 2011 gegründete Band kaum, bevor die drei Frauen im März 2012 nach einem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau inhaftiert wurden. Der internationale Protest gegen die monatelange Untersuchungshaft und die Gefängnisstrafe, die gegen die Bandmitglieder verhängt wurde, machten die jungen Frauen zu Ikonen. Nicht nur Politiker kritisierten den russischen Staatschef Wladimir Putin, auch Stars wie Madonna, Sting oder Paul McCartney bekundeten Solidarität. Die im Jahr 2013 nach einer Generalamnestie aus Straflagern und Gefängnissen zurückgekehrten Bandmitglieder waren international prominent geworden, wurden mit dem Yoko-Ono-Friedenspreis, dem Hannah-Arendt-Preis, dem Musikpreis 1Live Krone geehrt. Pussy Riot wirkten in Banksys Kunstprojekt "Dismaland" mit und traten in der Serie "House of Cards" auf, wo sie sich selbst spielten.

Niemand wird bezweifeln, dass es Pussy Riot ernst mit ihren Anliegen ist. Aber wo ist die Kunst? Da erinnern die Russinnen an den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der zurzeit vor allem damit Schlagzeilen macht, dass er vor Museen Lego-Sammelstellen eingerichtet hat. Der Spielzeug-Konzern verweigert ihm die Lieferung, nur weil der Starkünstler daraus Porträts berühmter Bürgerrechtler zusammenstecken will. Ein Foto zeigt erste Prototypen: ihn selbst. Ai Weiwei, der schon die Stationen seiner Inhaftierung in Puppenhausgröße nachbauen ließ und die auf ihn gerichteten Überwachungskameras in Marmor verkauft, meißelt als Bildhauer seit einiger Zeit vor allem an seinen eigenen Konturen. Während die Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot bei Konzerten Auseinandersetzungen mit der Polizei nachspielen. Warum? Weil ihre Namen, spätestens mit der Inhaftierung, zu internationalen Marken geworden sind. Nicht die Kunst, der Skandal ist ihr Aushängeschild.

Und genau deswegen sind Pussy Riot auch in Montenegro gelandet, einem kleinen Staat, in dem sich derzeit viele Russen niederlassen, die es im eigenen Land nicht mehr aushalten (und ausreichend Geld haben für ein Häuschen mit Meerblick). Vieles spricht dafür, dass die Initiative zur Museumsgründung von Marat Gelman ausging, einem aus Moskau bekannten Kunstvermittler. Marat Gelman hat sich mit dem Tourismusministerium und einem auf Luxusimmobilien spezialisierten Investor zusammengetan und in Montenegro, neben Street Art, auch ein Festival für weibliche Kunst etabliert. Einer wie Gelman weiß, dass selbst der Import der gesamten dissidenten Kunstszene Russlands nicht so viel Publicity bringen würde wie die Verpflichtung der jungen schönen Pussy Riot-Frauen - als Markenbotschafterinnen eines exklusiven Dufts von Dissidenz.

© SZ vom 24.12.2015
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