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Publizieren ohne Internet:500 Exemplare

Mehrere Ausgaben der "alternativen" Literaturzeitschrift Die Gießkanne 1973-1980

„Literatur war ein Abenteuerspielplatz, keine pädagogische, kapitalismusaffine, staatlich subventionierte Kaderschmiede“: Titelblätter der „Gießkanne“ (1973-1980).

(Foto: Maximilian Schönherr)

Ein Katalog alternativer Literaturzeitschriften der Siebzigerjahre.

Von Helmut Böttiger

Sie hießen "Sprachlos", "Gießkanne", "Gasolin", "Kaktus" oder "Das Nachtcafé". Anfang der Siebzigerjahre schossen etliche kleine Zeitschriften ins Kraut, die als Folge, aber auch abseits der 68er-Bewegung einen neuen Zeitgeist markierten. Literarische Untergrundzeitschriften erschienen unabhängig voneinander verstreut in der ganzen Bundesrepublik, und hier bildete sich etwas Unorthodoxes, Buntes, Ungeordnetes ab - es gab ja noch kein Internet, die Verständigungen fanden anders statt. Für ihren Band "Die untergründigen Jahre" haben Peter Engel und Günther Emig verschiedene Protagonisten der damaligen Subkultur zu Wort kommen lassen, und herausgekommen ist tatsächlich so etwas wie eine "kollektive Autobiografie alternativer Autoren", wie es der Untertitel verheißt. Es ist naturgemäß eine eher zufällige Auswahl von namhaften und weniger namhaften Akteuren, von Impresarios, Alltagslyrikern und Zeitschriftengründern, aber es ergibt sich ein zuverlässig vielfältiges Bild der Geschehnisse.

Dreh- und Angelpunkt für alle hier versammelten Schreiber war das "Ulcus Molle-Info" von Josef Wintjes in Bottrop. Er informierte mit seinem Versandbuchhandel ab 1969 über alles, was es an alternativen Such- und Kreisbewegungen überhaupt gab. Das Besondere dabei war, dass Wintjes sein Informationsbulletin den politischen Tendenzen zu Dogmatisierung und Fraktionierung programmatisch entgegengesetzte. Helmut Loeven, der Macher des unerschrockenen Magazins "Der Metzger" aus Duisburg, definiert im Rückblick als gemeinsamen Nenner: "Wir kommen von verschiedenen Wegen zu verschiedenen Zielen - und haben doch irgendwie was miteinander zu tun." Helmut Loeven erfuhr durch das Ulcus Molle-Info, dass er mit seiner Zeitschrift "Der Metzger" beileibe kein Solitär war. Es gab viele ähnliche Publikationen in einfacher Machart.

In den selbstgemachten Gazetten mischten sich literarische Formen

Fast jeder Autor in "Die untergründigen Jahre" erinnert sich an verschiedene Hektografierverfahren und an heute vorsintflutlich anmutende Matrizenbeschriftungen. Alfred Miersch schildert, wie er sein Lyrikblatt "TJA" in Wuppertal mit einem Überziehungskredit der Sparkasse finanzierte und sein Layouter die auf einer IBM getippten Texte bearbeitete, mit Letraset die Überschriften "drüberdröselte" und die Druckbögen zusammenklebte. Michael Kellner fing 1976 in Hamburg mit einer Zeitschrift namens "Loose Blätter Sammlung" an: 20 Seiten, Auflage 250 Exemplare, Verkaufspreis 1 Mark. Auch er werkelte mit einer Schreibmaschine und einem Bogen Letraset, den von einer englischen Firma vertriebenen Anreibebuchstaben, mit deren Hilfe die Grafik durchaus professionell wirken konnte und bei denen man keine Klebstoffflecken zu befürchten brauchte. Heiner Egge, der Gründer der Freiburger Zeitschrift "Das Nachtcafé", arbeitete mit Fixogum, einem Montagekleber auf der Basis von Naturkautschuk, und in einem Tagebucheintrag von ihm hieß es damals: "Bis ein Uhr nachts haben wir geklebt. Alfred, Elmar und ich. Immer wieder Rabsilbers schlechten Composersatz verfluchend, und auch das Fixogum ging zur Neige.'"

Es mischten sich in den selbstgemachten Gazetten mit Offsetdruck durchaus verschiedene literarische Formen. Den Ton gab allerdings hauptsächlich die Lyrik an, sie war von allen Gattungen die unumschränkt herrschende und behandelte Fragen des unmittelbaren Gefühlsalltags. Hier kamen die betont prosaischen Pop-Vorbilder aus den USA oft mit aufgeladenen Selbstreflektionen deutscher Twens zusammen, die sich an ihrer Sozialisation abarbeiteten sowie an den neuen Unmöglichkeiten und Sehnsüchten der Liebe. Es gab etliche Lyriker, die in vielen Gazetten vertretenen waren und zum Stamm der Szene gehörten, wie Uli Becker, Peter Salomon oder Hans Ulrich Hirschfelder.

Jürgen Theobaldy gilt heute mit seinem Gedichtband "Blaue Flecken" 1974 als ein herausragender Vertreter einer "Neuen Subjektivität". Ende der Sechzigerjahre lebte er in Heidelberg und stieß beim Herumblättern in Jörg Burkhards Alternativbuchladen auf die Zeitschrift "Der fröhliche Tarzan", herausgegeben von Rolf Eckart John in Köln. Diese elektrisierte ihn und er "nudelte", wie er schreibt, Ende 1971 selbst auf einer Matritze hundert Mal jede Seite einer eigenen Gazette namens "Benzin" durch. Sie begann mit einem Gedicht von Pablo Neruda: "Nicht zu hoch hinaus" - das war sein Programm einer neuen Alltagslyrik abseits politischer und lyrisch-hermetischer Abhebversuche. Er schickte das Heft sofort nach Köln zu jenem John, und es dauerte nicht lange, bis dort das erste Buch in der eigens dafür gegründeten "Palmenpresse" erschien: Theobaldys lyrisches Debüt namens "Sperrsitz". Die im Feuilleton damals einflussreiche "Frankfurter Rundschau" brachte dann gleich eine Rezension, und binnen weniger Tage war die erste Auflage mit 400 Exemplaren verkauft. Mehr einer Aussteiger-, einer Antikonsumhaltung verpflichtet war das Freiburger "Nachtcafé". Dessen Herausgeber Heiner Egge hatte im Wagensteigtal ein abgelegenes Häuschen am Bach gemietet und charakterisierte mit seinem Alltag dort auch das Heft.

"Nachtcafé" veröffentlichte Texte von Herta Müller und Brigitte Kronauer

Im "Nachtcafé" hatte allerdings auch die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller, lange vor ihren "Niederungen" im Rotbuch-Verlag, im Sommer 1981 ihre erste Veröffentlichung in Deutschland. Und die spätere Büchnerpreisträgerin Brigitte Kronauer erlebte ebenfalls im Wagensteigtal ihre literarische Erweckung (Nr. 9, Januar 1977: "Jedem Namen eine Sache"). Zeitweise kam der "Nachtcafé"-Mann Heiner Egge mit seinem Bauchladen, mit dem er als sein einziger Vertreter sämtliche alternativen Buchläden in der Republik bereiste, kaum mehr nach. Heft Nr. 14, mit dem Thema "Leben und Arbeiten auf dem Land", war nach ein paar Wochen vergriffen, mit 4000 Exemplaren.

Die Szene gestaltete sich in den einzelnen Universitäts- und Großstädten atmosphärisch durchaus unterschiedlich. Carl Weissner übersetzte in Frankfurt, dieser rauschgiftaffinsten B-Ebenen-Stadt, Charles Bukowski und machte damit vorübergehend Benno Käsmayrs Dachkammer-Verlag "Maro" in Gersthofen bei Augsburg zu einem Kraftzentrum der Szene. In München hingegen gab es die libertäre "Junge Akademie" mit der "Maistraßenpresse". Die Lyrikerin Barbara Maria Kloos war seit Frühjahr 1978 Mitherausgeberin der "federlese", deren 500 Exemplare in jeder Beziehung "handgemacht" waren, und sie blickt heute keineswegs nostalgisch, aber an mancher Stelle äußerst pointiert zurück: "Wir wurden in Ruhe gelassen, die Literatur war ein Abenteuerspielplatz, keine pädagogische, kapitalismusaffine, staatlich subventionierte Kaderschmiede. Es gab im Westen keine Literaturinstitute, wenige Literaturhäuser, kommerzielle Agenturen. Es gab kaum Computer. Wir machten alles selbst, studierten ewig. Crossover. Die Eltern? Weit weg. Heute sitzen sie mit ihren rundum verkabelten Turbo-Karriere-Kids im Hörsaal und korrigieren deren Bachelorarbeiten. Ach ja, wir beherrschten noch Orthographie und Interpunktion, jedenfalls solange wir nüchtern waren."

Ob in den Siebzigerjahren alles besser war, wird man auch nach Lektüre dieses bunten und manchmal auch, wie es die behandelte Zeit vorgab, krausen Bandes nicht unbedingt bejahen. Aber waren auf jeden Fall anders.

Peter Engel/Günther Emig (Hg.): Die untergründigen Jahre. Die kollektive Autobiographie "alternativer" Autoren aus den 1970er Jahren und danach. Verlag Günther Emigs Literatur-Betrieb, Niederstetten 2020. 484 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 07.07.2020

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