Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Hasstherapie

Ein Mädchen lernt in "So viel Liebe" mit der Krankheit der Mutter umzugehen und ihre Emotionen in den Griff zu bekommen.

Von Yvonne Poppeck

Lea glaubt, dass sie krank ist. Die Prügelkrankheit, nennt sie das, oder auch "Prügelkrebs". Sie weiß nicht, warum, aber sie kann es nicht lassen, sich mit anderen zu schlagen. Zumindest kurz fühlt sie sich gut, und nimmt sich vor: "Jedem, der Mitleid mit mir hat, knalle ich eine." Sie kann den "Du-tust-mir-ja-so-leid-Blick" nicht mehr ertragen. Es ist für sie einfacher, wütend zu sein, auch auf ihre beste Freundin Noa. Gerade diese versucht sie sogar zu hassen, denn Lea glaubt, solange sie Noa hasst, muss ihre Mutter nicht sterben.

"So viel Liebe" heißt das genauso traurige wie aufrichtige Buch der schwedischen Autorin Moni Nilsson. Auf bemerkenswert direkte Weise schreibt sie über die schier unerträgliche Situation, die eigene Mutter an Krebs sterben zu sehen. Es sind die letzten Monate, um die es hier geht, in denen die Eltern mit Lea und ihrem großen Bruder Lucas noch einmal eine Reise unternehmen, in denen die kranke Mutter Vorbereitungen trifft für das Leben ihrer Familie nach ihrem Tod. Nilsson hat sich dabei von der Bloggerin Jessica Skarpsvärd inspirieren lassen, der das Buch auch gewidmet ist. Sie "wollte, dass ich dieses Buch schreibe, obwohl sie es selbst nicht zu Ende lesen konnte."

Bei Nilsson steht die Grundschülerin Lea im Zentrum, aus deren Perspektive "So viel Liebe" geschrieben ist. Es sind Kindergedanken und Kindergefühle, um die es hier geht. Erklärversuche, Trost, Ratschläge, all das wird von außen an die Ich-Erzählerin herangetragen und in diesem Außen bleiben es auch, bis Lea damit umgehen kann. Nilsson nimmt das Kind in seinem Schmerz ernst. So lässt sie Lea ihren verzweifelten Glauben, sie könnte ihre Mutter am Leben erhalten, wenn sie ihre beste Freundin hasst. Wichtig ist aber, dass die Autorin diese tiefe Traurigkeit nicht stehen lässt, sondern auch Wege zeigt, damit zurechtzukommen. Freundschaft, die Liebe der Eltern und des großen Bruders, auch das Leid der anderen begleiten Lea, lassen sie nicht allein. Und so kann ihr auch geholfen werden, kann Lucas ihre Prügelkrankheit heilen. Er packt sie, hält sie fuchsteufelswild fest, will, dass sie aufhört, sich wie eine Idiotin zu benehmen. "Du bist nicht die Einzige, die einem leidtun muss", sagt er. Und so versteht Lea, ihren Schmerz zuzulassen, auch den der anderen, und ihn dann zu teilen. (ab 10 Jahre)

Moni Nilsson: So viel Liebe. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Carlsen 2020. 128 Seiten, 7,99 Euro.

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Quelle:
SZ vom 03.07.2020
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