bedeckt München 20°
vgwortpixel

"The Dinner" im Kino:Egoismus als Gesellschaftsform

Film The Dinner

Sumpf oder solides altes Washington? Richard Gere als Stan Lohman.

(Foto: Verleih)

Krieg um die moralische Oberhoheit: Richard Gere und Steve Coogan begegnen sich als ungleiche Brüder in Oren Movermans Romanverfilmung "The Dinner".

Paul Lohman ist die Art von Mensch, denen man sehr schnell vergibt für ihre schlechte Laune, sie ist nämlich nicht ansteckend; am Anfang zumindest. Da kommt er ziemlich klug und schlagfertig rüber.

Er stromert lästernd durchs Haus, in freudloser Vorbereitung seiner Abendgestaltung: Paul (Steve Coogan) und seine Frau Claire (Laura Linney) sind in ein Luxusrestaurant geladen von Stan (Richard Gere), der in Paul allerlei Emotionen hochkochen lässt, bloß keine Bruderliebe.

Filmstarts der Woche

Welche Kinofilme sich lohnen und welche nicht

Stan und Paul, das kapiert man bald, sind seit Kindheitstagen Erzrivalen, und der ältere Stan hat gewonnen: Er ist Kongressabgeordneter, ein Vertreter des Washingtoner Sumpfs.

Paul war Lehrer, hatte aber einen Nervenzusammenbruch. Das aalglatte Establishment ist ihm zutiefst zuwider. Aber seine Miesepetrigkeit ist irgendwie witzig. Tolles Restaurant, sagt seine Frau, das wird heute Abend wie ein Trip nach Frankreich. Ja, sagt Paul schnippisch, während des Krieges.

Paul ist die zentrale Figur von Oren Movermans "The Dinner" - seine Entwicklung dominiert ein Dinner, das auf den ersten Blick nach einer feinen Sache aussieht, dann aber sehr hässlich wird.

Ein Abend mit Menschen, die ein ganzes Leben aus ihnen gemacht hat

Die zwei Lohman-Paare, auch Stans Frau Katelyn ist dabei, wollen über ihre Kinder reden. Die beiden Jungs haben etwas ausgefressen, und der Elternrat tritt nun zusammen, um zu besprechen, wie man damit bitte umgehen soll.

Eine Konstellation also wie in Yasmina Rezas Stück "Der Gott des Gemetzels", von Roman Polanski ziemlich vollkommen fürs Kino inszeniert. In "The Dinner" geht es aber auch um die Biografie der Figuren, sie sind an diesem einen Abend die Menschen, die ein ganzes Leben aus ihnen gemacht hat.

Newsletter SZ Kino-Newsletter
Donnerstags zu den Filmstarts

SZ Kino-Newsletter

Jeden Donnerstag die Kino-Neustarts der Woche, aktuelle Filmkritiken und spannende Interviews als Newsletter in Ihrem Posteingang. So erfahren Sie ab sofort pünktlich zum Kinostart welche Filme sich lohnen. Jetzt kostenlos anmelden!

Stan ist Politiker, er will verhandeln. Katelyn will sich raushalten. Und aus Claire macht Laura Linney eine wunderbare Lady Macbeth, liebend, irgendwie, aber unter der Oberfläche diabolisch.

Fassade des zynischen Weltendurchschauers

Moverman hat hier einen Bestseller adaptiert, der gar nicht in Amerika spielt: "Angerichtet" des Niederländers Herman Koch war vor ein paar Jahren ein Bestseller, auch in Amerika. Und ziemlich wegweisend, was Charakterisierungen betrifft, die für all die Gräben, die sich derzeit durch viele Gesellschaften ziehen, eine große Rolle spielen.

Paul, der Underdog, der im Lokal erst einmal die Kellner anzickt wegen all des überteuerten Chichi, lässt einen nämlich bald erschauern. In seiner Erinnerung kramt er den Augenblick heraus, als er in einem Laden eine Fensterscheibe bezahlen musste, die sein Sohn kaputt gemacht hatte. Es tut ihm nicht leid - hinter der Fassade des zynischen Weltendurchschauers blitzt die Fratze eines arroganten Rassisten auf.