Süddeutsche Zeitung

PS statt Pilze:Das Ohr am Polizeifunk

Die Helden dieses Romans bewegen sich auf Flughafenzubringern und Autobahnkreuzen: Eine Neuübersetzung von J. G. Ballards "Crash" erweist diesen als Meister der Dystopien und Katastrophen.

Von Tobias Lehmkuhl

In der Heimat des Nature Writing kann man auch anders: Kein Baum, kein Tier, keine idyllische Seenlandschaft findet sich in J. G. Ballards Roman "Crash" von 1973. Stattdessen bewegen sich seine Helden einzig auf Flughafenzubringern, Überführungen, durch Gewerbeparks und zwischen Autobahnkreuzen rund um London. Eine Welt aus Beton, in der die Abendsonne einzig die "letzten Verkehrsstaus des Tages" beleuchtet.

Ausrottbar scheint die Natur, nur nicht die Natur des Menschen, sprich sein Sexualtrieb. Da bei Ballard keine romantische Sublimation durch Betrachtung von Blumen, Gräsern oder Pilzen möglich ist, verlagert sich das Begehren auf die Technik. "Crash", von David Cronenberg 1996 verfilmt, handelt von der feierlichen Verbindung zwischen Orgasmus und chromblitzendem Instrument. Auch wenn dies in den PS-seligen Siebzigerjahren noch möglich gewesen wäre, erzählt Ballard dabei keine Fortschrittsgeschichte, sondern eine des Verlusts und der Degeneration. In guter dystopischer und de Sade'scher Tradition ist der feierlichen Verbindung von Sex und Technik die unausweichliche Selbstzerstörung eingeschrieben.

Ein schwerer Autounfall stellt für den Erzähler von "Crash", wie er eingangs bekennt, das erste wirkliche Erlebnis seit Jahren dar: "Zum ersten Mal war ich physisch mit meinem eigenen Körper konfrontiert, mit einer unerschöpflichen Enzyklopädie von Schmerzen und Ausscheidungen." Nach seinem Krankenhausaufenthalt gerät er in den Bannkreis eines gewissen Vaughan, der von der Idee besessen ist, mit der Schauspielerin Elizabeth Taylor bei einem Unfall zu sterben. Gemeinsam verbringen die beiden Männer ihre Tage auf der Autobahn, das Ohr am Polizeifunk, um zum nächsten Unfall zu rasen und sich dort Inspiration für ihre eigenen, immer riskanteren Karambolagen zu suchen.

Mit einigen Frauen und einem Stuntman bilden Vaughan und Ballard, so auch der Name des Erzählers, eine Art kleine Sekte. Gemeinsam proben sie den ultimativen, das heißt finalen Orgasmus.

Es wird viel gevögelt in "Crash", und die Beschreibung der Geschlechtsakte ist nicht immer erquicklich. Gleichwohl fügen sie sich in die Konsequenz und harte Poesie, mit der Ballard seine Welt aus Beton beschreibt. Die Übersetzerin Sabine Schulz wird dieser Prosa meist gerecht. Anders als die zuweilen etwas hölzerne und umständliche Erstübersetzung Joachim Körbers sucht sie stets den geraden und direkten Weg, die knappe, nach vorne drängende, kolloquiale Formulierung: "Wagendach" statt "Dach des Wagens", "in der nächsten Woche" statt "in der darauffolgenden Woche", "Es geht gerade erst los" statt "Das ist doch erst der Anfang".

Zur selben Zeit wie "Crash" ist J. G. Ballards "Die Betoninsel" entstanden, ein Roman, der davon handelt, wie ein Mann auf einer umtosten Verkehrsinsel strandet und nicht mehr von ihr herunterkommt. In "Crash" nun sind die Menschen in ihre Autos eingeschlossen und den Obsessionen der modernen Welt gänzlich ausgeliefert: "In der Morgenluft klang sein Motor wie ein Schmerzensruf." Abhilfe schafft nur der Tod.

J. G. Ballard: Crash. Aus dem Englischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Berlin 2019. 240 Seiten, 17,50 Euro.

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Quelle:
SZ vom 30.11.2019
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