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Prozess um Ungarn-Aufstand:"Ich bitte nicht um Gnade"

Über Nagy gibt es aberdutzende Bücher, doch kein derart bestürzendes Psychogramm wie diesen Prozess-Mitschnitt. Seelenruhig erzählt Nagy dem Richter seinen Lebenslauf.

Es ist, als würden sich zwei gesetzte Herren bei einer Tasse Mokka unterhalten. Nagy lässt seine Bekanntschaft mit dem Kommunismus in der russischen Kriegsgefangenschaft 1916 Revue passieren, seine Teilnahme an der Oktoberrevolution, seinen Einsatz als Propagandist im Auftrag des NKWD im Zweiten Weltkrieg.

Kampf um jeden Buchstaben

Pedantisch besteht er darauf, dass auch seine Ausbildung zum Maschinenschlosser und Dreher zu Protokoll genommen wird. "Es ist überraschend, wie Nagy um jedes Wort, ja sogar um jeden Buchstaben gekämpft hat", sagt sein Biograph János M. Rainer.

Mehrmals kommt es zu Schrei-Duellen, bei denen der Richter stets als Erster die Fassung verliert. Nagy wehrt sich gegen Versuche des Richters, ein Geständnis zu erzwingen, demzufolge er den Aufstand durch ein Komplott vorbereitet und bewusst auch rechtsradikale Kräfte einbezogen habe.

Lange streiten sie darüber, ob es eine Konterrevolution war. In einem längeren Monolog greift Nagy den stalinistischen Flügel der KP an, weil dieser damals, im November 1956, die Sowjets zum Einsatz gegen die Aufständischen gerufen hatte.

Dies habe die Eskalation der Unruhen und die Lynchmorde provoziert. Immer wieder bringt Nagy sein politisches Programm zur Sprache. Dies soll keine "politische Vorstellung" werden, schnaubt der Richter zornig.

Das Tonband als Politikum

Lange hatte das von György (George) Soros finanzierte Open-Society-Archiv mit dem ungarischen Staatsarchiv um diese einmalige Audio-Präsentation gekämpft. Das Tonband ist nun wieder unter Verschluss und darf nur mit Sondergenehmigungen gehört werden.

Das Staatsarchiv hat nach wie vor Bedenken, weil die in Ungarn geltende Datenschutzfrist von 30 Jahren nach dem Tod noch nicht für alle Prozessbeteiligten abgelaufen ist. Zum Beispiel im Fall des Richters Ferenc Vida. Er ist 1990 in einem Budapester Altenheim gestorben.

Klein ist die Gemeinde der Zuhörer bei OSA, aber fein. Viele ältere Herrschaften sind da, unter ihnen eine zierliche Dame in pastellfarbener Blümchenbluse. Konzentriert hört sie zu, ab und zu seufzt sie diskret. Es ist Judit, die Witwe des mit Nagy hingerichteten Generals Maléter. Sie hört die Stimme ihres Mannes jetzt zum ersten Mal wieder.

Stimme der Toten

25 Jahre alt war sie damals, drei Jahre verheiratet, als sie, wie alle Ungarn, plötzlich aus der Zeitung zugleich vom Prozess und von der Hinrichtung erfuhr. Es kam aus heiterem Himmel, denn die junge Frau hatte damals gedacht, dass Kádár sich mittlerweile mächtig genug fühle und keine Rache mehr nötig habe.

"Wissen Sie", sagt sie in einer Verhandlungspause, "mir haben die Knie gezittert. Ich hatte das Gefühl, dass Pál drei Stuhlreihen vor mir sitzt." Frau Maléter arbeitet als Bibliothekarin im Budapester 56er-Institut.

Vor zwei Jahren kam eine junge Lehrerin zu ihr, auf der Suche nach Material für ihre Schüler. "Und stellen Sie sich vor, sie wusste noch nicht einmal, wer Pál Maléter war."