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Prozess um Ex-HR-Sportchef:Elementarteilchen

Wie also kamen die Verantwortlichen des Senders auf den Gedanken, dass es auch nach den gängigen Kriterien der journalistischen Unabhängigkeit zulässig sein sollte, dass Emig beispielsweise Motorsportveranstalter oder Tanzsportveranstalter dazu brachte, die Beiträge zu finanzieren, mit denen sie dann ins Fernsehen kamen? Ob ein Ereignis in voller Länge übertragen wurde oder nur im Rahmen einer Zusammenfassung, wenn überhaupt, auftauchte, hing also davon ab, wer sich die Drittmittel für den HR leisten konnte.

Wer keiner Hauptsportart nachgeht, beispielsweise ein Radklassiker wie den "Henninger Turm", und ins Fernsehen wollte, musste zahlen. So wurden nach den Feststellungen der Ermittler in Emigs Zeit insgesamt fünfzig Tanzsportveranstaltungen gesendet, die dem HR unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden.

Ein eigener Begriff: "Beistellung"

Nach Berechnungen der Anwälte Emigs wurden insgesamt mindestens 161 Stunden Sport kostenfrei zur Verfügung gestellt. Diese Sendungen brachten zusätzlich durch so genanntes Titelsponsoring noch Geld in die Kasse.

Der Fachbegriff dieser Programmbeschaffung heißt verharmlosend "Beistellung". Reitze hat wohl mal verlauten lassen, dass er "Beistellungen" bei Sportproduktionen in Ordnung finde, weil sonst Veranstaltungen wie der "Ironman" (eine Emig-Erfindung) kaum ins Programm kämen. Unter dem Druck der Affäre hat er intern längst angewiesen, auf Beistellungen zu verzichten.

Beistellungen, erklärt ein hochrangiger ARD-Manager, seien wie Gewinnspiele, also vor allem: nicht verboten. Die ARD habe sich eigene Regeln gegeben, um Programm extern finanzieren zu lassen, das trotz der Gebührenmilliarden nicht berücksichtigt worden wäre.

Im Wesentlichen tauchten Beistellungen im Umfeld des regionalen Sportes auf. Bei einer strikten Trennung von Redaktion und Beistellung, glaubt der ARD-Programmdirektor Günter Struve, sei die normale Beistellung unproblematisch.

Der Fall Emig habe "wahnsinnige Berührungsängste" aufkommen lassen, die Beistellungspraxis sei "drastisch eingeschränkt" worden. Im Programm des Ersten gebe es so gut wie gar keine Beistellung mehr.

Zuschauer im Dunkeln

Unabhängig vom schmierigen, verdeckten System Emig, der Gelder in seine Kasse abzweigte, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob der Zuschauer nicht wissen sollte, dass er das, was er sah oder sieht, nur deshalb sehen konnte oder kann, weil sich eine gesellschaftliche Interessengruppe, und sei es ein kleiner Sportverband, das Programm geleistet hat? HR-Intendant Reitze hat das System nicht erfunden, sondern vorgefunden, aber die Sumpfblüten können ihm nicht ganz fremd sein.

Als der HR im Herbst 2003 das DFB-Pokalspiel zwischen Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt übertragen wollte und das Geld wieder einmal knapp war, warb Emig auf Bitten der Sendeleitung eine Zeitarbeitsfirma als Sponsor an. Die zahlte dem DFB 220.000 Euro, und der HR wies vorab in Rundfunk und Fernsehen auf den Sponsor hin, dessen Logo auffällig ins Bild gerückt wurde. Der Chef der Zeitarbeitsfirnma führte auch noch ein Hörfunk-Interview, das am nächsten Morgen auf der Welle HR3 laufen sollte, nach Angaben Reitzes allerdings nie gesendet worden sei.

Den in Artikel III des Gesetzes über den HR aufgeführten "Organen" (Rundfunkrat, Verwaltungsrat, Intendant), hätte also spätestens bei der Gesetzesänderung 2003 eine vierte Organisation hinzugefügt werden müssen: der unsichtbare Sponsor. Zumindest virtuell wird er den Emig-Prozess begleiten.