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Provinzroman:Heilige Rita, steh uns bei

Tommy Wieringa, geboren 1967 in der Provinz Overijssel.

(Foto: Gary Doak/mauritius images)

Tommy Wieringas Skizze haltloser europäischer Männerbefindlichkeit.

Wölfe ja, Geldautomaten nein. So könnte man mit der Hauptfigur dieses Romans das umschreiben, was man heute Schrumpfregion nennt. Der Mann selbst wohnt in so einer, irgendwo an der Grenze zwischen Holland und Deutschland. Gutes Ackerland fällt da wieder der Natur anheim. Manche Anwohner glauben schon, streunende Wölfe gesehen zu haben. Die Geldautomaten hingegen sind im Dorf abgebaut worden. Zu wenig Umsatz.

Eigentlich müsste man dieses Buch am Ende deprimiert aus der Hand legen. Da ist nichts mehr von den Lichtblicken, mit denen Tommy Wieringa seine früheren Bücher aufhellte. Auch wenn die warme Junisonne weiterhin über den Feldern um den Bauernhof aufgeht, in dem Paul Krüzen aufwuchs und seit fünfzig Jahren mit seinem Vater lebt, liegt etwas Graues und Kaltes über dem Ort. Mit der Landwirtschaft hatte schon der invalid gewordene Vater aufgehört. Paul pflegt ihn und handelt im Internet mit militärischen Souvenirs. Die Mutter ist schon in Pauls Kindheit davongelaufen mit einem Russen, der auf der Flucht aus der Sowjetunion mit einem Agrarflugzeug im Feld neben dem Hof abgestürzt war. In der Abgeschiedenheit dieses Elternhauses führt Paul seine materiell abgesicherte Junggesellenexistenz fort. Das Verlangen nach sexueller und sonstiger Abwechslung befriedigt er zusammen mit seinem Kumpel Hedwiges mitunter im "Pascha", wo junge Asiatinnen den westlichen Männerfantasien zu Diensten stehen. Einmal raffen sich die Freunde sogar zu einer Urlaubstour in die Massagesalons von Bangkok auf. Sorglos unglücklich, sozial gut durchorganisiert und etwas trist erscheint dieses Leben. Und doch hält das Buch einen im Bann.

Denn es bietet mehr als bloß eine Gesellschaftsskizze über die Verödung des europäischen Lebensraums zwischen globaler Konsumeuphorie, Erlebnis- oder Überlebensmigration, digitaler Vernetzung und weltweitem Wunscherfüllungskommerz. Es zeigt schräge Situationen, hartnäckige Ahnungen von möglichem Anderssein, Anflüge von Scheu, Reue, Hemmung, Skrupeln und sonstigen Regungen, mit denen das Menschendasein sich in sich selber verheddert.

Ihm ist, als breche die ganze Welt in ein Hohngelächter aus

Im "Pascha" verachtet Paul sich manchmal selbst, wenn die zu jungen Mädchen ihm erzählen, wie der Inhaber sie schlägt, und er bleibt dem Lokal dann eine Weile lang fern. Seine Beziehung zur Philippinerin Rita mit dem Medaillon ihrer Namenspatronin um den Hals - der Schutzheiligen für aussichtslose Fälle, unfruchtbare oder schlecht verheiratete Frauen sowie für Fleischer und Fleischhändler - hat Züge von menschlicher Wärme. Bei aller Ähnlichkeit mit Szenen von Michel Houellebecq verzichtet Wieringa auf dessen Sarkasmus posthumanistischer Faktizität. Bei ihm gibt es noch so etwas wie Freundschaft, Einfühlung und unkontrollierbare Empfindungen. Wenn Paul im Flugzeug seinem Reiseziel Bangkok entgegen saust, schweift sein Blick hinaus in die Nacht, wo sich tief unten gerade ein Gewitter zusammenbraut - und ihm ist, als breche die ganze Welt in ein Hohngelächter aus über sein touristisches Unterfangen.

Dabei ist der niederländische Autor Wieringa alles andere als ein humanistischer Schwärmer. Auch sein Held weiß um die Macht der unabwendbaren Dinge im Leben. Schon als Junge hat er auf einem Acker neben dem Hof einmal einer Krähe zugeschaut, wie sie ein verwaistes Hasenjunges jagte, bis es erschöpft sich seinem Schicksal auslieferte. Und Paul machte keine Anstalten zum Eingreifen in den ungleichen Kampf, denn die Sache musste ihren Lauf nehmen, "jeder hat seinen Platz in der Nahrungskette".

Und auch in der sich leerenden Gegend von Mariënveen sind dunkle Mächte am Werk, gegen die man selbst mit einer stattlichen Altwaffensammlung wenig vermag. Pauls Freund Hedwiges, der in seinem Krämerladen verstaubt wie die Konservendosen, wird das Opfer grausamer Einbrecher. Für Paul ist das ein Schock und er glaubt zu wissen, wer es war. Mit seiner geladenen Luger P08 Parabellum aus Nazi- und später DDR-Zeiten macht er auf der Schwelle der vermeintlichen Täter jedoch wieder kehrt. Statt seiner Wut freien Lauf zu lassen, verschanzt er sich mit Bewegungsmeldern, Infrarotdetektoren und einer automatischen Flutlichtanlage auf dem Hof in seinem eigenen Wahn.

Mit Detailblick und erzählerischem Gespür leuchtet Wieringa die Grenzbereiche europäischer Männerbefindlichkeit aus: schwindendes Heimatgefühl, gekapptes Selbstvertrauen, Perspektivlosigkeit, diffuser Frust und sich füllende Migrantenlager am Horizont. Sein Held ist kein Nationalist oder Fremdenhasser, ganz im Gegenteil. Er findet aber paradoxerweise im sich leerenden Lebensraum seiner Kindheit seinen Platz nicht mehr. Für diese Geschichte hat die Übersetzerin Bettina Bach ein knackiges Deutsch hart an der Alltagssprache gefunden.

Tommy Wieringa: Santa Rita. Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Carl Hanser Verlag, München 2019. 287 Seiten. 22 Euro.

© SZ vom 27.01.2020
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