Proteste in der Türkei "Istanbul gehört den Baufirmen"

Wer plant hier was? Wer entscheidet, was abgerissen wird? In der türkischen Metropole am Bosporus wird laufend gebaut, die Bevölkerung erfährt jedoch erst hinterher davon. Die türkische Architektin Selva Gürdogan spricht im SZ-Interview über unschuldige Parks und Entwürfe, die niemand kennt.

Von Laura Weißmüller

Kaum eine Metropole verändert sich gerade derartig wie das boomende Istanbul. Bauprojekte wie die dritte Brücke über den Bosporus oder der neue Flughafen führen zu einem gewaltigen Stadtumbau - von dem die Bevölkerung meist erst etwas mitbekommt, wenn alles beschlossen ist.

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Der Aufstand gegen Premier Erdogan begann also nicht zufällig mit der Besetzung eines zentralen Parks, der offenbar einer weiteren Shopping Mall weichen soll. Die türkische Architektin Selva Gürdogan, Jahrgang 1979, erforscht mit ihrem Büro Superpool die Strukturen Istanbuls. Aus Plänen, Infografiken und Tabellen entstand kürzlich das Buch "Mapping Istanbul". Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Dienstagausgabe) berichtet sie, dass es selbst für Architekten schwierig sei, etwas über Bauprojekte zu erfahren, bevor etwas beschlossene Sache ist: "Irgendjemand plant etwas, aber die Öffentlichkeit weiß nicht was", so Gürdogan. Ihren Büropartner Gregers Tang Thomsen hat sie 2003 im Studio des niederländischen Architekten Rem Koolhaas kennengelernt, 2006 eröffneten sie ihr eigenes Büro in Istanbul.

Obwohl durch diese Intransparenz große Bauvorhaben mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit geplant würden, sei es bislang extrem schwierig, für diese Problematik "ein Publikum zu finden", sagt die Architektin im Interview. So beschäftige sie sich schon seit einem Jahr mit den Umbaumaßnahmen am Park. Aber erst der Entschluss, dort Bäume zu fällen, habe die Menschen dazu gebracht, dagegen zu protestieren. "Für uns ist #OccupyGezi auch deswegen so wichtig, weil sich damit die Menschen endlich für Stadtentwicklung interessieren."

Kritik an öffentlichen Bauvorhaben werde von Seiten der Regierung stets mit den gleichen Argumenten begegnet: "Die Wirtschaft wächst. Was also ist dein Problem?" Aber auch wenn die Bevölkerung den Wachstum und die wirtschaftliche Stabilität schätze, gebe es irgendwann einen Moment, in dem es einem nicht mehr gefalle, "niemals gefragt zu werden".

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Warum Erdogan gerade in Istanbul Bauprojekte mit solchem Nachdruck betreibt, erklärt sich Gürdogan mit dem extremen Fokus auf die Stadt. Istanbul sei das Zugpferd des ganzen Landes: "Bauprojekte stehen eher auf der Agenda der Staatsregierung als auf der der Stadt. Die Staatsregierung entscheidet, wo hier der neue Flughafen hinkommt und wo die dritte Brücke über den Bosporus gebaut wird."

Zwar gebe es offene Wettbewerbe, dabei aber nie eine offene Diskussion. "Entscheidend ist immer die Sicht des Developers. Istanbul gehört den Baufirmen", so die junge Architektin. Sie könne noch 50 weitere Projekte aufzählen, die alle nach dem gleichen Muster abgelaufen seien wie der Gezi-Park.

Ob die Proteste dazu führen könnten, dass sich die Bevölkerung zukünftig mehr für die eigene Stadt interessiere, hänge davon ab, wie es mit #OccupyGezi weitergehe. Bei der Kritik an Bauvorhaben gehe es dabei aber nie darum, dass sich Istanbul nicht verändern dürfte. Das sei normal für eine Stadt, so Gürdogan. "Die Leute wollen nur, dass der Park bleibt - und dass sie ein Mitspracherecht darauf haben, was auf öffentlichem Grund passiert."

Wie so etwas aussehen könnte? "Die Stadt muss ihre Planung öffnen, damit mehr Teilhabe möglich ist." Und zwar im ersten Schritt für jeden, selbst Schüler sollten Bilder und Ideen einreichen können. Extrem ausformulierte Wettbewerbe mit strikten Vorgaben würden nicht weiterhelfen. "Dann ist kein Gespräch mehr möglich. Das ist das Ende der Gespräche."

Prognosen, wie sich Istanbul in Zukunft weiterentwickelt, will Selva Gürdogan, die mit ihrem Büro für den Audi Urban Future Award im vergangenen Jahr ein alternatives Verkehrskonzept für die notorisch von der Rushhour geplagte Stadt entworfen hat, nicht machen: "Wenn die Regierung transparenter arbeiten würde, könnte ich Prognosen machen. Aber das tut sie nicht. Ich weiß nicht, was sie aus der Stadt machen will. Aber das, was sie macht, macht sie mit Nachdruck."

Das ganze Interview lesen Sie in der Dienstagausgabe der Süddeutschen Zeitung, auf dem iPad und Windows 8.