Proteste in Brasilien "Ich bin Brasilianerin - und schäme mich dafür"

Wenn "Bolsonazi", wie seine Gegner ihn nennen, gewinnt, haben sie viel zu verlieren: Brasilianerinnen protestieren Ende September.

(Foto: REUTERS)

Die Vorstellung, als Frau unter einem faschistischen Regime leben zu müssen, erfüllt unsere Autorin mit Schrecken. Trotzdem fällt es ihr schwer gegen den ultrarechten Bolsonaro auf die Straße zu gehen.

Gastbeitrag von Katherine Funke

Es ist, als erstickten mich grobe Hände. Mein Nacken schmerzt. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu schreien. Ich habe Angst. Ich bin Brasilianerin - und schäme mich dafür. Ich bin zu Hause, verfolge die Proteste der Bewegung "Frauen gegen Bolsonaro" auf den Straßen, ohne den Mut, selbst hinauszugehen.

Facebook ist eine Sache, die Straße eine andere. Freundinnen rufen mich zu den Protesten. Die Bewegung unter dem Hashtag #Er Nicht (#Ele Não) wächst Tag für Tag. Ich war nicht dort, und ich werde auch nicht hingehen, denn ich habe Angst, Opfer dieser Gewalttäter zu werden.

Dabei geht es um vieles, es geht darum, Brasiliens Verfassung zu verteidigen, die Kultur des Friedens und der Menschenrechte. Um den Glauben an die Kultur als Motor der sozialen Entwicklung. Es geht darum, mit der Straflosigkeit von rassistischer Kriminalität und Gewalt keinen Pakt einzugehen.

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Ich wohne im Süden, in Santa Catarina. Das ist der Bundesstaat, wo 65 Prozent der Stimmberechtigten Jair Bolsonaro gewählt haben, mehr als in Brasilien insgesamt, wo er fast die Hälfte aller Stimmen erhielt. Schlimmer noch: In meiner Stadt triumphierte er mit 72 Prozent der Stimmen. Überall sehe ich Aufkleber, T-Shirts und Fahnen für den Kandidaten Nummer 17.

Seine Gegner nennen ihn in den sozialen Medien "den Unaussprechlichen", "Bolzonazi" oder "Bastonaro". Seine Anhänger aber feiern ihn als "Mythos", "Hauptmann" oder "Bolsomythos". Ein vorgeblicher Held, der mit harter Hand gegen die Korruption kämpft, dann niedergestochen wurde und als Überlebender auf Fotos posiert, als seien seine Hände Waffen.

"Frau" kommt im Wahlprogramm der Rechten nur einmal vor - bei den Vergewaltigungsstatistiken

Der "Hauptmann", das sagen Millionen Brasilianer, wird es schaffen, Brasilien vor der Korruption zu retten und, vor allem, vor der Arbeiterpartei PT. Bolsonaros Regierung wird in jeder Hinsicht Anschauungsmaterial bieten, besonders aus deutscher Perspektive. "Brasilien über alles. Gott über allem", heißt ihr Motto. Es ist ein vom Nazismus inspirierten Plan, und das muss jemand von außen zeigen. Machen Sie Lärm! Und zwar vor dem zweiten Wahlgang, denn dieser könnte für die brasilianische Demokratie fatal sein.

Ich habe nicht nur Angst vor Bolsonaro oder seinem Vize, dem General der Reserve Antônio Hamilton Martins Mourão. Er kleidet sich wie Hugo Chávez und ließ verlauten, er werde einen "Rat der Notablen" berufen, für eine neue Verfassung, ohne das Volk zu hören. Ich habe Angst vor diesem Volk. Es hat sein Ziel erreicht: Bolsonaros rechtsgerichtete Sozialliberale Partei (PSL) installiert 52 Abgeordnete auf Bundesebene. Vorher hatte sie kaum fünf!

Vor der Wahl hat Carlos Bolsonaro, einer der Söhne des "Hauptmanns", auf Instagram ein Foto gepostet. Es zeigt einen homosexuellen Aktivisten, der in Anspielung auf gängige Foltermethoden mit Striemen auf dem nackten Oberkörper, den Mund weit aufgerissen, eine Plastiktüte über dem Kopf trägt. In Rio veröffentlichte der Kandidat Rodrigo Amorim, den Bolsonaro unterstützt, ein Foto, auf dem er ein Straßenschild mit dem Namen von Marielle Franco zerstört. Die schwarze Stadträtin, eine Schwulen- und Lesben-Aktivistin, wurde vor einigen Monaten ermordet. Amorim wurde trotzdem in den Landtag von Rio de Janeiro gewählt. Ich befürchte, dass einige Anhänger Bolsonaros sich die Rückkehr zur Folter wünschen.

Auf Youtube gibt es ein Interview des britischen Autors und Schauspielers Stephen Fry mit Bolsonaro, das Fry vor ein paar Jahren für die BBC führte. Darin sagt Bolsonaro, er wäre unfähig, einen Sohn zu lieben, wenn dieser homosexuell sei. Das ist grausam. Wer sind wir ohne Liebe? Noch größere Machos? Ehrwürdige Eltern? Idioten?

Brasilien ist der Diktatur vor weniger als 30 Jahren entkommen. Viele Brasilianer haben noch immer nicht die Leichen ihrer Kinder oder ihrer Eltern gefunden. Diejenigen, die als Kinder miterleben mussten, wie ihre Eltern gefoltert wurden, berichten darüber, ohne gehört zu werden. Das scheint die meisten Leute nicht zu beunruhigen, Hauptsache, sie werden nicht mehr von der Arbeiterpartei regiert. Diese Menschen erkennen nicht, dass sie ein neoliberales Projekt der extremen Rechten an die Macht heben. Ein Projekt, das privatisieren will, was von den Unternehmen der öffentlichen Hand noch übrig ist. Eine Regierung, die sich vornimmt, die Ärmsten mehr zu besteuern und das Volk zu bewaffnen. Die keine Pläne vorweisen kann, wie sie die Wirtschaft auf Kurs bringen will, aber mit vielen Ausrufezeichen Heilsversprechen gibt. Die nicht mehr in die Kultur investieren will. In deren Wahlprogramm das Wort "Frau" nur ein Mal vorkommt - in einer Statistik über Vergewaltigungen von Frauen und Kindern.