Protest in Indien:Ideologische Bösartigkeit

In Indien protestieren Intellektuelle, Autoren und Filmstars gegen Intoleranz. Die steigert sich heftig, seit der neue Premier Modi und seine BJP regieren. Schon wurden sogar Literaturpreise zurückgegeben.

Von Arne Perras

In Indien rebellieren die Schriftsteller. Jede Woche kommen weitere Autoren hinzu. Zuletzt schloss sich Arundhati Roy, international bekannt durch ihr Buch "Der Gott der kleinen Dinge", der Protestbewegung an. Dichter, Filmemacher und Drehbuchautoren lehnen sich auf gegen wachsende Intoleranz und eine Reihe brutaler Morde, in denen sich der Hass auf Andersdenkende entladen hat. Die Intellektuellen wollen ein Zeichen setzen. Deswegen haben schon mehr als 40 indische Schriftsteller ihre von der nationalen Sahitya-Akademie verliehenen Literaturpreise zurückgegeben.

Den protestierenden Schriftstellern ist inzwischen auch eine Gruppe von 53 Historikern zur Seite gesprungen. Die Intellektuellen prangern eine "ideologische Bösartigkeit" an, wie es die Autorin Roy nennt. Und sie beklagen, dass Angst in Indien um sich greife, seitdem die hindu-nationalistische Partei BJP regiert. Der Protest begann, als Ende August der religionskritische Publizist Malleshapa Kalburgi ermordet wurde. Zwei unbekannte Angreifer erschossen den Akademiker in seinem Haus. Der Wissenschaftler hatte sich kritisch mit der Götzenverehrung im Hinduismus auseinandergesetzt, womit er sich den Zorn von Eiferern zuzog, die sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlten. In einem anderen Fall im September holte ein Mob nicht weit von der Hauptstadt Delhi entfernt einen Schmied aus seinem Bett und lynchte ihn, weil sie (fälschlicherweise) annahmen, er habe Rindfleisch gegessen. Kühe gelten gläubigen Hindus als heilige Tiere, und die von Premierminister Narendra Modi geführte nationale Regierung seiner BJP diskutiert, wie sich ein landesweites Schlachtverbot für Kühe in Indien durchsetzen ließe, wie es einzelne Staaten bereits praktizieren.

In den vergangenen Wochen führten die Parteien außerdem Wahlkampf im Bundesstaat Bihar, das sind Zeiten, in denen Politiker häufig die religiöse Karte ausspielen, in der Hoffnung, dass sie damit Stimmen fangen können. Auf die Morde im August und September reagierte Modi zögerlich, sein langes Schweigen fiel auf. So ließ er fast zwei Wochen verstreichen, bis er sich zum Mord an dem Schmied äußerte und die Tat verurteilte.

Analysten beobachten, wie die Eiferer unter den Hindu-Nationalisten nun offenbar austesten, wie weit sie mit ihren Attacken gegen Andersdenkende gehen können. Sie fühlen sich ermuntert, seitdem auf nationaler Ebene die BJP mit Premier Modi regiert. Seine Partei weist Vorwürfe, solche Gewalt zu dulden oder zu fördern, unterdessen vehement zurück.

Die rebellierenden Intellektuellen erhielten kürzlich Rückendeckung durch Salman Rushdie, der die Literaturakademie für ihr langes Schweigen geißelte - und auch das Büro des Premierministers. In den Reihen seiner BJP hieß es, die Rebellion der Literaten sei politisch motiviert. Indiens Kulturminister erklärte: "Wenn sie nicht in der Lage sind zu schreiben, lasst sie aufhören zu schreiben." Doch der Protest zieht längst größere Kreise, bis nach Bollywood, seitdem auch einer der großen indischen Filmstars, Shah Rukh Kahn, die extreme Intoleranz im Land beklagte. Unter den protestierenden Akademikern findet sich auch die 83-jährige Romila Thapar, Expertin für das alte Indien. Sie stand immer für den Säkularismus in ihrem Land ein. Im Telefonat beklagt sie, die Ideologen der hindu-nationalistischen Partei und der mit ihr verbundenen Organisationen versuchten jetzt, die Geschichte so umzuschreiben, dass sie vor allem als Rechtfertigung für einen Hindu-Staat tauge. Sie fabrizierten damit ihr eigenes Bild der Vergangenheit, ohne Rücksicht auf Quellen und historische Methoden. Die protestierenden Historiker fordern, der Staat solle die Pluralität Indiens besser schützen, eine Tradition, die das Land schon immer ausgezeichnet hat.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB